Toulouse-Lautrec, oder der Erb-Witz

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Eines vorweg: den Bezug zum Titel gibt es nur in meinem Inneren, wie so oft. Er spielt an, auf einen Witz, den der Kanzler in meiner Kindheit zu erzählen pflegte. Sein Scherz- Repertoire war nicht unbedingt groß und zudem noch tradiert, die meisten seiner Späße hatte er von seinem Vater übernommen, der sie wiederum von seinem Vater geerbt hatte. Nur die anzüglichen, die zotenhaften, die hatte der Kanzler sich ganz alleine aus den Reihen seiner Kommilitonen und später bei den Kollegen in der Klinik zusammengeklaubt. Mediziner. Seit einer längeren OP, bei der ich unter Rückenmarkbetäubung weitestgehend wach war, bin ich überzeugt, dass Ärzte, bzw. Chirurgen, die derbsten aller Witzeerzähler sind. Den Schwager vielleicht ausgenommen, der erzählt die pointiertesten Geschichten (Hallo, Moritz!).

Heute morgen, um nun doch noch den Titel dieses Beitrages zu erklären, bin ich aufgewacht, verkatert vor Kummer und auf eine merkwürdige Weise anderswo unterwegs, als wäre ich auf LSD, einer Droge, die ich bereits mit 16 Jahren aufgegeben habe, weil ich nach mehrmaligem Gebrauch ahnte, dass sie mich in den Wahnsinn treiben würde. Bei meinem gestrigen Besuch in der Psychiatrie nun, hatte ich eine längere Unterhaltung mit einem anwesenden Anästhesisten. Inspiriert, durch das Umfeld, und durch den tätlichen Angriff eines zwangsverwahrten Patienten auf mich, der anschließend von 6 Männern überwältigt und ans Bett fixiert wurde, sprachen wir über Psychosen. Über Ursache und Therapie. Ich erzählte ihm, dass ich bei allen drei Narkosen, die ich bisher hatte, im Anschluss ein sogenanntes Durchgangssyndrom durchmachte, eine passagere Psychose also, ganz gleich ob die Narkose mit Propofol oder Dormicum oder ohne eingeleitet wurde. Der Anästhesist fragte mich, ob ich in meiner Jugend LSD genommen hätte, dies könne möglicherweise der Schlüssel zu dem Problem sein. LSD mache irreversible Veränderungen im Gehirn, insbesondere, wenn in jungen Jahren eingenommen, die wiederum bei einer Narkose zum Tragen kämen.
Zu spät für tätige Reue.

Unter dem Eindruck dieses Gespräches, der Schreie, des Angriffs und meines insgesamt dünnen Nervenkostüms, ging ich, zittrig vor Müdigkeit, ins Bett und schlief frierend ein. Im Traum traf ich meine Mutter. Sie stand an einem breiten Fluss und trug ein langes, fließendes und tief ausgeschnittenes purpurfarbenes Kleid, das ihren kurvigen Körper umschmeichelte. Ich stand am gegenüberliegenden Ufer, schaute zu ihr herüber, rief und winkte, doch sie hörte und sah mich nicht.

Ich weiß nicht mehr, wie der Traum weiter ging, doch als ich erwachte, fühlte ich mich derart elend und mein Kopf tat weh, dass ich versuchte, wieder im Hier anzukommen und  mich an einen der Witze zu erinnern, die mein Vater, als wir noch klein waren, uns erzählte, wenn wir traurig waren. Um ihn nicht zu enttäuschen lachte ich immer wieder über die altbekannten und nur mäßig komischen Familienscherze und nickte fröhlich, wenn er mich fragte, ob jetzt alles wieder gut sei.

So wollte ich es heute auch halten. Da der Kanzler im fernen Frankfurt weilt, erzählte ich mir selbst den  erstbesten Erb-Witz, der mir einfiel, und es gelang mir tatsächlich darüber zu lächeln.

Um nun die Leserschaft nicht länger auf die Folter zu spannen, und den Titel eines Beitrages ausnahmsweise einmal vollständig zu erklären, hier nun der Witz:

Treffen sich zwei Amerikaner in einem Museum.
Fragt der eine: How do you like Toulouse-Lautrec?
Antwortet der andere: I don´t like to loose anything!

Lachen Sie bitte, der Höflichkeit halber. Sie tun es für meinen Vater, und für meine Ahnen, die sich sich sehr darüber gefreut hätten. Vielleicht lächelt sogar meine Mutter ein wenig, irgendwo da drüben, auf der anderen Seite des Flusses.
Ich tue es, und es hilft mir.

 

 

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20 Kommentare zu “Toulouse-Lautrec, oder der Erb-Witz

  1. Classic dad joke. Das Beste was es gibt und ich freue mich wie Bolle, junge Menschen und vielleicht mal meine Kinder zum Augenrollen zu bringen mit dererlei Humor.
    Zum Rest (dem Duktus der Texte in letzter Zeit) sei gesagt, dass Humor einen letztlich immer retten kann. Ich wünsche dir ein Lächeln auf dem grünen Socken.

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    • Dir gefällt der Witz also auch. Das freut mich. Erst recht, wenn Du ihn später Deinen Kindern erzählst.
      Mein Ton ist derzeit wohl leider nicht unbedingt fröhlich. Der Winter war schon anstrengend und schwierig genug. Jetzt der Tod meiner Mutter und dann noch diese Psychiatrie-geschichte. ich bin einfach sehr müde. Wird wieder besser. Ich gehe jetzt mal schlafen.

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      • Ich hab auf meinem Handy, immer dann wenn ich es einschalte (also den Bildschirm) den Spruch „everything os going to be OK“. Nicht gerade positiv. Aber auch nicht negativ.

        Hoffentlich wird es für dich bald wieder OK. Und fühl dich von meiner Seite nicht zum positiven Ton genötigt.

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