Am P-Platz

19973639401_39115de21d_h
Nach dem Spaziergang sitzen wir gegenüber dem Weinhaus Huth am P-Platz, trinken einen Kaffee und schweigen. Die Hunde dösen auf dem warmen Asphalt. Neben dem Maulwurfshügel der S-Bahn wurde eine hölzerne Pagode aufgestellt. Grün und rot und gold. Wie ein Pfahlhaus steht sie in der Abendsonne. Über allem tanzt glücklicher Staub.
Auf youtube sah ich ein Video über die M-Bahn, jene Magnetbahn, die für nur zwei kurze Jahre zwischen Gleisdreieck und Potsdamer Platz verkehrte und dabei über eine Stadt hinwegglitt, die es nicht mehr gibt. Brachen so weit das Auge reichte, Weite und Stille. Die wenigen Autos wirkten verloren wie Ameisen auf einer Landebahn, das Weinhaus Huth stand einsam wie der letzte verfaulende Zahn. Ich mochte diese verschwundene Stadt.

Heute ist Flohmarkt auf dem Platz, Antikmarkt, oldthings werden dort im Schatten des leuchtend weissen Beisheim-Centers verkauft.

Ich habe Heimweh.

 

 

 

 

 

Bild: Volker Schlecht, Kulturforum am Potsdamer Platz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

11 Kommentare zu “Am P-Platz

  1. Ich kenne die Gegend noch vor dem Fall der Mauer und ich finde das Foto in schwarz-weiß sehr passend. Es zeigt das Moderne und erinnert an die Vergangenheit – nicht, dass man auch noch irgendetwas davon sehen würde, aber ich weiß, was da mal war :-)

    Gefällt mir

  2. @ temporäre Bauten: ich erinnere nur an die rote Info-Box, die während der (sehr spannenden) Bauphase am Potsdamer Platz stand. Ich mochte sie so sehr, dass ich mir ein Stück der Fassade einverleibt habe, quasi :)

    Gefällt mir

  3. Welch ungewohnte Ansicht vom Potsdamer Platz. Das Bild gibt mir einen neuen Blick (was man doch alles mit einer guten Kamera gestalten kann -verfluchte Handyknipserei), dein Text auch. Ich hab das alte West-Berlin nie richtig erlebt, aber es muss schon sehr bieder gewesen sein, sonst hätte die Maueröffnung nicht eine solche Explosion ausgelöst.

    Gefällt mir

  4. Gewiß, der P-Platz, in seiner jetzigen Erscheinung, ist Neuland für viele Berliner. Der ganz alte völlig unbekannt für die jetzigen Gewnerationen. Ich bin mit der M-Bahn gefahren und wir schwebten über die Öde wie ein Raumschiff über einen anderenn Planeten. Westberlin war ein anderer Planet. Damals dachte ich alles war normal. Heute denke ich, dass Westberlin ein unnatürliches Gebilde war. Am Ende der Fahrt landeten wir irgendwo am Ende der westlichemn Welt wo ein paar Buden standen. Die Westberliner nannten das „Polenmarkt“. Es ist kaum zu glauben, dass alles schon dreiuig Jahre her ist.

    Ich muss sagen, dass ich kein Heimweh nach diesem falschen Berlin habe. Nächsten Monat werde ich auf dem Potsdamer Platz stehen und meinen erwachsenen Kindern erklären wie sich dort alles verändert hat.

    Gefällt mir

    • Natürlich war West-Berlin ein merkwürdiges Gebilde. Es war das Ergebnis des furchtbaren Krieges. Wahrscheinlich trauert man immer um die Dinge, die einen in jungen Jahren begleitet haben, weil diese die Idee von der Welt im Kopf gezeichnet haben.
      Das Berlin, das Du erlebt hast ist ein anderes, als das, was mich geprägt hat. Die Narben des Krieges werden nach und nach verschlossen und ich freue mich für Deien Familie udn Dich, dass ihr gemeinsam in dieser neu erbauten Stadt stehen werdet.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s