44 Buddha 3 BW
Man könnte an so vielen wunderbaren Orten in der Welt sein. Dort, wo der Himmel tiefblau, die Mittagssonne hoch und der Schatten lang ist; ein rötlichgoldener Boden, vielleicht Stein oder Sand. Möglicherweise in der Nähe eines Sees oder des Meeres, im Hintergrund Berge, dazwischen eine weite Ebene, in der die Schatten Platz haben sich aufzustellen und eine weitere Welt zu erschaffen. Eine dunkle, kühle, ohne Gewicht.

Man könnte in einer Stadt leben, in der die Häuser schmal sind wie übriggebliebene Tortenstücke und hoch wie der Himmel, die Taxen gelb, die Brücken weit aufgespannt und die Winter klrrend kalt.

Man könnte irgendwo am Fuße einer goldenen Buddhafigur sitzen, klein, wie der Zeh des Erleuchteten und hinauf blicken in sein goldenes Gesicht, dessen Weisheit durch seine geschlossenen Lider schimmert und auf dessen Scheitel sich das Licht sammelt.

An einer großen Kreuzung könnte man warten, der Verkehr brandet von links und rechts heran, der Lärm kommt näher und immer näher und gleich wird die Welle einen überrollen, wegspülen, fort, ins Meer, das große klare dunkelblaue, den Ozean, den Pazifik vielleicht, und tief unten tummeln sich ungekannte Wesen ohne Augen, die in der Dunkelheit leuchten, aus sich selbst heraus, ohne unser Wissen, nur füreinander oder für sich selbst. Ungesehene Morsezeichen in ewiger Stille.

Vielleicht würde man im Vorübergleiten eines von ihnen berühren und wäre überrascht, wie warm es ist, und gar nicht glitschig. Eher seidig und zart. Und wenn man noch weiter nach unten schaut, auf den Grund, sieht man röhrenförmige Ausstülpungen aus deren offenen Enden lange rote Fäden wachsen. Wie Getreide im Wind lässt das Wasser die Würmer hin und her wogen und andere Tiere mit alten Gesichtern zupfen an ihnen, wie an frischem Gras.

In einer geflochtenen Matte liege ich im nächsten Moment, nicht am Strand und nicht mit Blick aufs Wasser, sondern in den Tropen, in einem Wald, die Luft dampfig nach einem Regenguss, döse ich ganz oben, in den Kronen der Bäume, zahllose Schattierungen kräftigen Grüns, die Augen halb geschlossen, schwappen leichte Gedanken sachte gegen meine Schädeldecke und ich lausche den Geräuschen, den kleinen Schreien von irgendwo, dem Atem unsichtbarer Tiere einem leisen Fauchen gleich. Weit unten, auf dem feuchten erdigen Grund ein roter Fleck.

Wusch und heruntergesprungen mit scharfen Krallen bin ich, mich an der Rinde des nächsten Baumes festgehalten, von Ast zu Ast gehangelt, mit dem Schwanz hier und da gesichert, von Baum zu Baum und immer weiter, bis ich an der Lichtung ankomme, im vollen Lauf die Arme ausbreite und springe. Mit dem Schwanz lenke ich mich zwischen hervorstehenden Ästen hindurch, mein aufgespanntes Fell trägt mich sicher, ich fliege mit großer Geschwindigkeit, lande mit allen Vieren auf dem Boden, dem weichen duftenden Gemisch aus Erde und Laub, mache einen Satz in die Mitte der Lichtung hinein, schnappe mit sicherem Griff das Rote und krieche damit ins dichte Unterholz.

So sitze ich in einer Küche, in einer Stadt, in der es acht Monate im Jahr kalt ist, lausche dem Rauschen der Heizung und dem Summen der Welt und blicke in den verregneten Garten mit dem kleinen Hügel und den blühenden Sträuchern. Oben, im Ahorn brütet ein Elsternpaar, unverkennbar ihr Ruf, das harte schnarrende Getschäcker, ein paar Zweige tiefer singen die Meisen ihr rostig-monotones Lied, heiser flötet die Amsel dazu, geduckt unter einem Busch verharrend. In der Ferne höre ich dunkel die Ringeltäubchen gurren. Huhuhuh.
Der Ginkgo. Auch er zeigt das erste Grün, dreieckige Blättchen, entlang der ausgestreckten Äste, ein Gekreuzigter. Weiter hinten im Garten die junge Kirsche im rosa Frühlingsgewand. Feucht und dunkel glänzen die Blätter des hohen Bambus, der sich raschelnd im leichten Wind wiegt.
Aus dem Fenster schaue ich, auf die regennassen Dächer, auf das Meer von Schornsteinen und Antennen und auf die Satelittenschüsseln auf den Balkonen der Neubauten, große Ohren, fragend ins Weltall gerichtet. In der Entfernung der Warnruf einer Sirene und über allem die fliegenden Aprilwolken.
Ich sitze und schaue und höre, neben mir zischt und rauscht es leise. Ich drehe mich um, strecke die Hand aus und führe die feuerrote Cola-Dose an meine Lippen.

 

 

 

 

 

 

Bild: Jason Barnes, 44 Buddha 3 BW
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/
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16 Kommentare zu “

    • Nachdem ich in der Frühe erwacht bin und in einer kurzen Phase geistiger Anwesenheit Deinen Kommentar freigeschaltet habe, schlief ich wieder ein und träumte von Dir, bzw. Deinem Avatar, der mit dem Kanzler am Tisch sitzt und sich unterhält, während dieser die ganze geheime Identität von tikerscherk preisgibt, nichts auslässt, keinen Milchzahn und keine pubertäre Peinlichkeit. Du hörst nickend zu und ich erwache glücklicherweise von einem Geräusch im Haus, als die Scham nicht mehr zu ertragen ist.
      Du hast Recht, ich brauche Urlaub.

      Gefällt 1 Person

  1. Die Sonne hoch und die Schatten lang – Utopie in voller Entwicklung. Hat mir sehr gefallen, der Text, nur die Bauchlandung in die zischende Cola-Dose war schmerzhaft. Du kennst den Film „das Ding“? US-Piloten lassen über Afrika eine Cola-Flasche fallen, Pygmäen, die nie etwas Hartes kannten, finden sie, und da sie so praktisch ist, entsteht Streit. Am Ende trägt der Finder „das Ding“ feierlich an den Rand des Ozeans und spricht zu den Göttern: Bitte nehmt es zurück, das Harte ist nicht gut für uns. ….

    Gefällt 2 Personen

    • Danke für Deinen wertvollen Hinweis. Er zeigt mir, dass der (absichtslose) Text nicht „funktioniert“. Das Rote im Dschungel ist die Cola-Dose vom Ende. Das Durchbrchen der Zivilisation überall und die Rückeroberung der Natur. Wechselseitig. So verstehe ich es.
      Den Film kenne ich nicht, habe aber davon gehört.
      Die Cola-Dose ist eine überlieferte Erinnerung meines Bruders, der mitten im Regenwald, im sattesten psychedelischsten Grün, nichts als Grün und nochmal grün, weit weg von jeder Zivilisation, kein Mensch außer ihm zu sehen oder zu hören, plötzlich eine auf einem größeren Gewässer schwimmende knallrote Cola-Dose entdeckte.

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      • Interessant. Also war meine Assoziation zum Film sehr passend. Sieh ihn unbedingt an, wenn du ihn findest, er ist ein Meisterwerk, genial, gehört zum Besten.

        Das Rot im Grün war mir schon aufgefallen, und auch das Feuerrot der Dose. Für mich war es einfach ein roter Akzent im Bild, dem ein anderes Rot antwortet.

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        • Das mache ich. Werde mal in der Bibliothek stöbern.

          Deine Assoziation passte ebenso gut in das Bild, wie meine. Der Text ist ja ohnehin offen für jeden Gedanken. Ich hatte eben den mit der Cola-Dose, was nun niemand ahnen kann udn Du trotzdem aufgegriffen hast. Sehr schön.

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  2. Der Film heißt „die Götter müssen verrückt sein“ ;)

    Toller Text, quasi ein adjektivisches Feuerwerk aus Bildern, die mitnehmen auf die Reise.

    Es ist faszinierend, dass ich Bilder dieser Stadt vor Augen habe, die wir beide regelmäßig sehen und doch wieder durch ganz unterschiedliche Welten laufen.

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    • Danke für den Hinweis.
      Ich habe mal mit eienr Freundin Urlaub gemacht. Wir waren Tag und Nacht zusammen und stellten hinterher fest, dass jede von uns an einen anderen Ort gereist war, so verschieden waren unsere Perspektiven und Eindrücke.

      Gefällt 1 Person

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