Junktur/ der letzte Schrei

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Der Küstenbewohner schüttelt milde den Kopf, derweil der Städter sich jubelnd über Slipanlagen freut.

 

 

 

Das große Gebäude aus Waschbeton ist mit vertikalen und horizontalen Dehnungsfugen versehen. Das Material soll sich bewegen können um Rissbildung zu verhindern.

(Er war noch nicht alt. Wieviele Jahre bleiben mir noch?)

Ein Puffer um das Auseinanderbrechen zu verhindern. Spalten, die zusammenhalten und gleichzeitig Spielräume lassen. Wie Knochenfugen. Erst wenn der Knorpel vollständig verknöchert ist, hört der Mensch (das Lebe-Wesen- welche könnte es sonst noch geben? Tote-Wesen?) auf zu wachsen.

Ich stelle mir vor, dass mein ganzes Sein durchzogen ist von diesen Fugen, den Nahtstellen, die es beweglich halten und ihm erlauben sich an alle Erfordernisse anzupassen, die die Zeit ihm abverlangt. Und während ich mehr und mehr skelettiere, die Knorpel aushärten und zu Knochen transformieren, ehe ganz am Ende wieder alles brüchiger Brösel (aber weich nimmermehr) wird, formt sich, durch ständige Bewegung, das Selbst (qui est-ce?) zu einem unverkennbaren und einzigartigen verbogenen, verwrungenen, gezeichneten künftigen Wrack. Ein Werkstück. Jede Erschütterung, jedes Beben, jeder Erdrutsch gräbt sich ein und hinterlässt eine spezifische Spur.

Vielleicht geht die Zeit nicht über uns hinweg, sondern wir werden, bzw. sind ein Teil von ihr. Eine Spur (von vielen) bespielt mit unseren Lauten, neben jenen all der anderen, synchron oder zeitversetzt, ein Konzert, eine Sinfonie, von der Wiege bis zur Bahre, die ersten und die letzten Schreie.

Verbindungsstellen.

(Ein Bild, das ich nicht loswerde ist der Sack auf der Bahre vor meiner Wohnungstüre und die beiden starken Männer, die sich den Schweiß von der Stirn wischen, nachdem sie ihn abgesetzt haben).

/

Heute telefoniere ich mit dem Kanzler, der zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder Anteilnahme zeigt, Interesse an dem, was um ihn herum geschieht, und der nun auch endlich staunen kann über die unglaublichen Zufälle, die mein Leben aus den – – Fugen geraten lassen.

Man stelle sich vor: ich steige an einer beliebigen Stelle aus dem Auto um eine Toilette aufzusuchen. Weil ich schon mal da bin, lasse ich den Hund ein wenig laufen und mit ihm gemeinsam gehe ich durch den eisigen Wind und den Regen traumsicher einen Abhang hinauf, der mich zu einem Sehnsuchtsort an der Steilküste bringt, den ich von Fotos kenne und der so verborgen liegt, dass nicht einmal der Vorsatz ihn hätte finden können.

Es ist beinahe so, wie seine Tasche zu verlieren, in die nächstbeste Telefonzelle zu spazieren, den Hörer in die Hand zu nehmen, (ich komme aus einer Zeit der Telefonzellen, Telefonhörer und Telefonbücher) eine beliebige Nummer zu wählen und sogleich den Finder am Apparillo zu haben.

Lotto, und ich bin die Königin.

Wir sind verbunden, mon roi.

 

 

 

 

 

Musik zum Text:

(youtube-Direktlink)

3 Kommentare zu “Junktur/ der letzte Schrei

    • Was der Leser nicht wissen kann, ist, dass der Weg zum Glück an einem Sichtbetonklotz (love it) vorbeiführte, hinter dem der Pfad verborgen war.

      Auch die Suite spielt eine, für den Leser, unbekannte Rolle. Wenn sie erhellend wirkt, dann, vielleicht weil sie genau das Gefühl trifft, das ich empfunden habe an jenem Tag und auch heute beim Schreiben.
      (Vielen Dank für die Rückmeldung und vor allem für´s Mitspringen!)

      Gefällt 1 Person

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