Manuskript

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In jedem Brückenpfeiler steckt ein Mordopfer, behauptet der Unterfranke.

Falls er Recht hat und eines Tages, in 1000 Jahren, finden Forscher die Überreste unserer lange schon untergegangenen Kultur, werden sie vielleicht die Skelette, in den durch Erdbeben und Kriege zerborstenen Brückenpfeilern, für die sterblichen Überreste unserer, uns bis in die Ewigkeit verpflichteten, Herrscher halten. Die Stützen der Gesellschaft. Sie werden sie begreifen als manifestes Zeugnis eines altruistischen Zeitalters in dem jeder des anderen Helfer und Freund war, bis zum Tode und darüber hinaus.

Bei einem großen Angriff, dessen verheerende Folgen unsere Welt aus den Angeln gehoben hatte, waren sämtliche Informationen, die Hinweise auf unser Leben hätten geben können, verloren gegangen. Niemand konnte nun noch herausfinden  wie es wirklich gewesen war, denn nur eine Handvoll Menschen auf der Osterinsel hatten das  Große Unglück unbeschadet überlebt. Diese kleine Gruppe hatte alles, was an die vergangene Zeit erinnerte in einem feierlichen Akt der See übergeben und fortan ihr Leben in den Dienst des Ewigen Schweigens gestellt.

Zur Mahnung und zur Erinnerung an die grauenvollen Geschehnisse, die zu dem Großen Unglück geführt hatten, hatten sie, bald nach dem Untergang unserer Welt, eine überdimensionale Steinskulptur an der Küste errichtet, die den Forschern der folgenden Jahrtausende unlösbare Rätsel aufgeben würde. In dem Sockel der Skulptur gemeißelt entdeckte man die Zeichen einer unbekannten Schrift. Der Klammeraffe stand dort. Die Skulptur selbst sah so aus:

@

 

/

Die Wirklichkeit.

Nieselregen und Betonplatten, Hausflure und Treppengeländer, Briefkästen, Baustellen, Zäune, Autos, ein unterirdisches Archiv. Tunnel und Trompeten.
Krähen.

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Leise rauschen die Heizungsrohre, oben auf dem Schrank höre ich den Kater schnaufen. Unsere Fingerspitzen finden sich im Dunkeln. Mein Kopf wird schwer, der Atem langsam. Tiefer und immer tiefer sinken wir ein, ich spüre Deine Wärme, die Nacht schließt sich über uns.

So werden sie uns finden, eines Tages.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Klaus Wagensonner „work“
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

8 Kommentare zu “Manuskript

    • Ach, nein. ich wusste nichts vom Tod Westerwelles, als ich diesen Text schrieb. Es läge mir fern solche Anpielungen auf den Verstorbenen zu machen. Mich erschüttert sein Tod, ganz gleich, wie ich zu dem stehe, was er vertrat. Er war ein mensch und er hat gelitten. Das dauert mich.

      Gefällt 2 Personen

  1. Auf einer Osterinsel kann man wahrscheinlich alles überleben. Hut ab, vor Deinem Bild: einer der die Zeichen noch mit dem 0,18 Stift stichelt -früher war auch ein 0,13 noch interessant- jetzt macht alles der Hochleistungs-drucker.

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