unbenommen

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Ein Netz kleiner Risse zieht sich durch den Asphalt. Links und rechts der Piste liegen die Felder, dahinter der Wald. Am Wegesrand ein windschiefer Bretterverschlag. Grau ist das Holz und trocken. Durch einen Spalt schaue ich ins Innere. Ein paar Halme sind über den Boden verstreut, sonst ist der Schuppen leer. Ob es hier Mäuse gibt.
Gekrümmt wie unlesbare Buchstaben stehen drei kahle Bäume auf einer entfernten Anhöhe.  Der Himmel ist bedeckt. Oben kreist ein roter Milan. Am Ortsrand thront die Schweinemastanlage.

Übermorgen jährt sich erneut der Tag, der mein Leben in ein Früher und ein Jetzt einteilte, der Tag an dem eine Tür für immer ins Schloss fiel. Als ich erwachte läuteten die Glocken.

Nur selten noch hadere ich mit dieser Unabänderlichkeit. Rudern, einfach rudern und in den Pausen das beständig in den Bootsrumpf sickernde Wasser abschöpfen. Mit allem, was zur Verfügung steht. Mit der bloßen Hand.

– Hättest Du ein anderes Boot genommen, eine andere Route.
– Ich hatte keine Wahl.

Das Dilemma keine Wut empfinden zu dürfen, weil es unmoralisch wäre und darüber noch zorniger zu werden. Der hilflose Versuch den Ärger zu rechtfertigen durch Schuldzuweisungen.

Das Unabänderliche.

Unvorstellbar, dass selbst Gräser (messbar) miteinander kommunizieren. Wenn eines wächst knackt es und das Nachbargras antwortet ebenso mit einem leisen Knacken.

– Hier bin ich.
– Ich kann dich hören.

 

 

Bild: Pierre Willscheck
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

14 Kommentare zu “unbenommen

  1. jährt sich erneut der Tag, der mein Leben in ein Früher und ein Jetzt einteilte, der Tag an dem eine Tür für immer ins Schloss fiel…

    Das ist dein Satz, beschreibt aber ein Gefühl oder einen Zustand, den ich seit Jahren mit mir herum trage. Dein Text berührt mich aus persönlichen Gründen ganz tief. Er ist sehr, sehr schön.

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    • Ach Mitzi, ich lese sie in Deinen Texten, diese Schwermut, den leisen Klang des Verlustes, Deine Melancholie. Sie klingt sehr schön, wenn auch ein wenig traurig manchmal.
      Ich danke Dir für Deinen Kommentar und gratuliere zum 100. Beitrag drüben!
      Unbedingt weiter schreiben, immer weiter. Du hast so viel zu sagen.
      Herzlichen Gruß!

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      • Besser in den Texten, als es beständig mit durchs Leben schleppen. Dieser von dir hat mich dennoch umgehauen. Im positiven Sinn. Manchmal rührt einen ein Satz genau an der richtigen Stelle. Macht ein bisschen wehmütig und ist trotzdem schön.

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    • Du ahnst nicht, wie sehr mich dieser Kommentar freut. Ich habe gerade eine kleine Krise und hatte das Gefühl meine eigene Schreibe wäre überlagert von Zweit- und Drittgedanken. Dass ich aber immer noch tikerscherkig schreibe beruhigt mich ungemein.
      Danke!

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      • Dann noch ein Kompliment hinterher: ich versuche (wie ich merke)seit einigen Texten ähnlich zu schreiben. Deine Art zu formulieren, gerade auch die Gedankeneinschübe (verständlich und unverständlich), finde ich sehr inspirierend.

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  2. Sehr schön! Ja, in etwa so wie die Kommunikation zwischen den Gräsern stelle ich mir auch die Realität der menschlichen Kommunikation vor, sie tun zwar immer ungleich komplizierter, aber letztlich kommt es wohl aufs gleiche heraus… nur sind die Gräser etwas eleganter…

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    • Ich stelle mir das Knacken wie ein höfliches Pardon vor. Ein leises Hallo, hier bin ich. Freundlich, dezent und nachbarschaftlich.
      Den Gedanken, dass die ganze Welt spricht, selbst die stummen Bäume und Gräser, finde ich schön und unheimlich.
      Danke für Deinen Kommentar!

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