Vierhändig

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Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

13 Kommentare zu “Vierhändig

  1. Liebe Tikerschek, mir hat sich anhanden Deiner Schilderung – Himmel, die Ähnlichkeiten sind v-erschreckend – zum ersten Male meine Magersucht als „Korrespondenz zu meiner Mutter“ erklärt. Sie war so üppig. So fleischlich. So grauenhaft. Die riesigen Brüste. Das wogende Becken. Das schwingende Hinterteil. Stämmig. Stabil. Massiv.

    Meine weibliche Figur formte sich erst, als ich sie verabschiedet. Spätpubertierende. Jahre, die mit Abgrenzung verplempert wurden. Und doch der Humus sind, aus dem wir erwachsen.

    <3

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  2. „… ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg“

    Hallo? Natürlich wollen wir will ich das lesen. Die Serie hat für mich fast etwas Romanhaftes. Wobei ich überhaupt nicht weiß, wieviel Prozent gesicherte Vergangenheit, wieviel mehr oder weniger Erinnertes und wieviel dichterische Freiheit ist. (Und ganz ehrlich: Ich will es auch gar nicht wissen.)

    Jedenfalls würde ich es gewiss sehr bedauern, wenn die „Geschichte“ nicht weiter ginge.

    Gefällt 2 Personen

  3. darf ich dich fragen, was deine mutter von ihrem leben erwartete – und was es ihr tatsächlich brachte.

    was waren ihre träume, sehnsüchte, und wahrscheinlich passte es nicht wirklich zu dem, was war.

    haben deine eltern harmoniert? warum gerade diesen mann?

    meine mutter hat einen mann geheiratet der absolut nicht zu ihr passte.
    und was sie sich für ihr leben vorstellte, war garantiert nicht das, was eintraf.

    jahrelange harte arbeit im geschäft – und einen narzissten mit selbstgerechter tyrannischer ader.

    ich erinnere mich noch als sie einmal zu mir sagte: bloß NIE heiraten und KEINE kinder!

    hat mich schwerst geprägt – manche sätze wirken tief!

    im endeffekt war meine mutter glaube ich enttäuscht und zutiefst unglücklich.

    obwohl ja alles vor einem liegt – man will es nur nicht sehen – oder denkt – ach, das kriege ich schon hin.

    nur menschen bleiben meistens wie sie sind!

    ist es das alte eingewurzelte denken den „anderen“ doch verändern zu können – was ja eigentlich gar nicht geht.

    oder sich selbst nicht richtig zu kennen?

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    • Ich werde vielleicht noch die eine oder andere Deiner Fragen in den Texten die kommen beantworten.

      Der unglückliche Mensch wird mit keinem Menschen glücklich werden und auch nicht „den Richtigen“ finden. Unglück heilt nicht durch andere. Mit ihnen, das schon.
      Es tut mir sehr Leid, das Deine Mutter so unglücklich war. Das hatte sie mit meiner gemein, deren Leben auch nicht so verlief, wie sie es sich erhofft hatte.

      Schöne Grüße

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  4. ich bin weiterhin fasziniert von der Art, wie du Spannungen aufbaust. Innere Spannungen, Spannungen in Beziehungen. Viele Sätze lang Unwägbarkeiten – vielleicht, ich weiß nicht, wahrscheinlich … Dann, wie ein Faustschlag: Das Außen bricht ins Innere ein.

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