Im Spiegel

 

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Im Herbst fliegen meine Mutter und ich für zwei Wochen nach Spanien. Die Wärme soll mir helfen. Es muss schlecht um mich stehen.

Wir erreichen das winzige Studio im zehnten Stock mit einem der Aufzüge. Während meine Mutter sich einrichtet, sitze ich auf dem Sofa und schaue durch die geschlossene Balkontür nach draußen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie ihre Tiegel, Tuben und Parfums vor dem Spiegel im Bad platziert. Das Licht bricht sich in den geschliffenen Flakons und wirft unzählige goldene Punkte an die Wand. Ich stehe auf und räume meine Sachen in die Kommode. In der obersten Schublade finde ich eine Bibel, auf spanisch. Beim Blätter-Bingo bleibt mein Finger auf dem Wort amor liegen. Ich werte das als gutes Zeichen und lege die Bibel, zusammen mit einem Kugelschreiber und einem Oktavheft zurück in die Schublade.

Das Appartementhaus steht auf einer kleinen Anhöhe. Dahinter erheben sich kahl die Berge. Ab und an knattert ein Auto über die baumlose Uferstraße, dann ist es wieder still. Die Saison ist vorbei.
Die meisten Wohnungen im Haus werden ganzjährig von ihren Eigentümern, englischen oder niederländischen Rentnern, bewohnt, die tagsüber regungslos am Pool liegen und sich am Abend auf ihre Balkone zurückziehen, wo sie essen und in die untergehende Sonne blicken. Ruhig liegt das Meer, seine Zungen lecken dunkle Zacken in den Sand.

Mittags sitze ich neben dem Pool und schaue auf die tiefblaue Linie am Horizont. Ich weiß nichts mit mir anzufangen, das Wasser ist zu kalt zum Schwimmen, das mitgebrachte Buch längst gelesen und der nächste Ort eine Dreiviertelstunde zu Fuß entfernt.
Neben mir liegt meine Mutter. Ihre Augen sind geschlossen, die Kippe in ihrer Hand brennt langsam herunter. Ich betrachte die dunklen Haarstoppeln oberhalb des Randes ihrer Bikinihose. Die Dehnungsstreifen auf ihrem Bauch schimmern im Sonnenlicht wie silbrige Laufmaschen. Oder wie Schneckenspuren, denke ich.

Sie hat das kommen sehen, hat sie gesagt. Doch weder Tabletten noch heiße Bäder und nicht mal der Treppensturz hatten genutzt. Jemanden zu finden, der einem dabei half war schwer, denn es war illegal, damals noch, außerdem war es gefährlich. Sie wünschte es hätte geklappt, wir alle drei, denn bis heute leidet sie unter den Spuren der Schwangerschaften. Wir haben ihre Figur ruiniert. Das verstehe ich und es tut mir Leid, dass ich daran nichts mehr ändern kann.

/

Jahre später, ich sitze in einer Psychoanalyse-Vorlesung, berichtet der Professor von einer depressiven Patientin. Er beschreibt deren ausgeprägte Nasolabialfalten und ihre hagere Erscheinung. Im Laufe der Analyse stellte sich heraus, dass sie unter starken Schuldgefühlen litt, die im Zusammenhang mit dem Tod der Mutter standen, die jung an Kinderlähmung gestorben war. Das damals noch kleine Kind, glaubte durch seinen Ungehorsam, die Lähmung verursacht zu haben und dadurch die alleinige Schuld am Tod der Mutter zu tragen.

Ich verlasse den Hörsaal. In der Toilette betrachte ich mein Gesicht. Bald darauf breche ich das Studium ab.

/

Meine Mutter schlägt die Augen auf. Ich schaue erst weg und dann wieder hin. Auf ihrer Oberlippe haben sich kleine Schweißtröpfchen gesammelt. Ob ich den Schlüssel haben kann, frage ich sie, ich muss auf Toilette. Sie reicht ihn mir wortlos. Oben angekommen stelle ich mich auf den Balkon und rauche. Erst dann gehe ich ins Bad. Das Gesicht, das mich aus dem Spiegel anschaut ist schön. Kleine goldene Punkte sprenkeln die Haut wie Sommersprossen. Ich lächele und es lächelt zurück. Singend kehre ich zurück an den Pool.

 

 

 

 

 

 

Bild: Von No machine-readable author provided. Guanxito2006 assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1225800

18 Kommentare zu “Im Spiegel

      • Mich hat deins zu deiner Mutter hin gerührt und ich konnte mich richtig mitfreuen und dann kam die leidige Geschichte mit meiner Mutter, als ob sie nicht mal stillhalten könnte! Ich bin dann weg vom PC in die Küche und habe an meine Tochter und ihre Kinder gedacht, wo ich heute war, mit denen ich heute viel gelacht habe, gesungen und getanzt und rumgealbert und so und dann war ich wieder versöhnt und konnte Mutter Mutter sein lassen. Vorbei … aber der Stachel ist wohl doch noch da-

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        • Zuerst einmal Glückwunsch zu Deiner gelungenen Bindung an Deine Kinder.
          Bei mir war das leider nicht so, dass sich der Text ander liest erstaunt mich. Vielleicht fehlen Dir einfach die anderen Mutter-Texte hier, die das klar machen könnten.
          Trotzdem geht es mir nicht darum meine Mutter zu bashen. Ich versuche das komplizierte Gefüge einer Familie, ein krankendes System darzustellen, in dem ein MItglied zum Symptomträger für das Gesamte wird.

          Die Stachel bleiben immer. Aber sie wachsen so ein, dass sie nur selten noch schmerzen. Sie sind eben auch ein Teil von uns.

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  1. deswegen beschäftige ich mich ja auch seit 16 jahren mit bewusst-werden und achtsamkeit. geistestraining

    aufwachen aus der illusion.

    nicht mehr schlafen

    das leben so sehen wie es ist

    und dann das wahre, schöne und gute darin erkennen und mit einem bejahendem so-sein leben

    sein eigenes feuer finden – den göttlichen funken in uns

    meine mutter ist aufgrund ihrer gedankenwelt vollkommen abgedriftet.
    über 25 jahre psychopharmaka – eine totale persönlichkeitsveränderung und ein vollkommes abhängigkeitsverhältnis. nichts mehr eigenbestimmt.
    der schluß – geschlossene abteilung – einweisung ins pflegeheim.
    2 jahre später – darmkrebs – keine op – nur palliativ medizin.
    und mich – als einziges übrigbleibsel unserer 5köpfigen familie.

    alleinerziehend – sohn war da sechs.

    auch diese herausforderung gemeistert.

    ich bin froh, daß meine eltern mein leben nicht mehr belasten.

    meine zwei geschwister habens nicht geschafft.

    mein bruder fuhr mit 19 mit seinem motorrad gegen eine eiche – unfalltod

    meine schwester starb eine halbes jahr nach meiner mutter – kehlkopfkrebs – systematisch totgesoffen und geraucht.

    das leben ist kein ponyhof

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  2. die ganze geschichte hat auch ein gutes. wenn man mal den roten faden findet……..

    und ja, es geht mir gut –
    und wenns mal nicht so gut läuft dann hilft mir immer „auch dieser tag geht vorüber“ und alles ändert sich und nix bleibt gleich.

    man steigt nicht zweimal in den gleichen fluß – heraklit

    dir auch schöne grüße!

    Gefällt 1 Person

  3. Uijuijui, da gebärmuttert es sich nun wie eine Lawine durch das Bloggeschehen. Möge es uns allen, die wir von dieser Lawine berührt werden, nur Gutes und Heilsames bringen.

    Ich habe Dir Deine Fragen (unter „solve et coagula“ beantwortet, liebe Tikerschek.

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