Behandeling

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Komm, wir gehen in die Schlemmerabteilung am Ostbahnhof
, sage ich zu dem Einen, und meine damit Rewe im Souterrain des trostlosesten aller Berliner Bahnhöfe. Mit mäßiger Euphorie machen wir uns fertig für die sonntägliche Tristesse, eine kleine Runde an der frischen Luft kann uns nicht schaden, danach legen wir uns einfach wieder ins Bett. Durch den Badezimmerspiegel schieße ich ein paar Photos von uns beiden. Nie war der richtige Moment dafür im letzten Jahr, jetzt ist er da, die 25- Watt-Beleuchtung steht uns ausgezeichnet, ich mache gleich sieben. Verschwommen, zerzaust und glücklich sehen wir auf den Bildern aus, die mich schon wenige Sekunden nach ihrer Entstehung anrühren, als verwiesen sie auf einen längst versunkenen Sehnsuchtsort, ein Atlantis der Liebe, untergegangen in den Wehen der Geschichte.

Wir sind da, wir leben!

Ungeduscht und mit hochgestelltem Kragen gehen wir durch den diesigen Februarnachmittag, mich fröstelt. Der frisch gewaschene Hund trottet brav an unserer Seite. Es geht ihm wieder gut, die Krankheit scheint wirklich überstanden.

Auf der Schillingbrücke kommen uns auffällig viele auffällig gekleidete Menschen entgegen, nicht als Gruppe, sondern jeder für sich, das Berghain ist nicht weit entfernt, und ich bin mal wieder hin- und hergerissen, ob ich heute großzügig sein und ihnen die Aufmerksamkeit schenken soll, nach der es sie, auf ihre verdrogte, paranoide Weise, mit verstohlenen Seitenblicken, over-acting den Irren spielend, dürstet (Schaust Du mich an? Du hast mich angeschaut. Du glotzt mich an!), oder ob ich sie vollkommen ignorieren, links liegen lassen soll und so die Beifall fordernde Bühne mit meiner Abrissbirnen-Verweigerung in Trümmer lege.

Man müsste ein Schild bei sich tragen, denke ich, eine Pappe, auf einem Holzstab montiert, und immer, wenn mir jemand entgegen käme, dessen ganzer Habitus, dessen hungrige Existenz nach Aufmerksamkeit schreit – m´as tu vu? – höbe ich es hoch, das Schild, trüge es vor mir her, wie ein Kruzifix bei einer Prozession und blendete den Bedürftigen mit meiner gütigen Gnade:

Ja, ich habe dich gesehen!

Mit dem Ernst eines Messdieners ginge ich an ihm vorbei, das Kinn feierlich erhoben, den Blick vage ins Unendliche gerichtet.

Hoffentlich kommt einem nicht mal einer entgegen, überlege ich weiter, während wir schweigend nebeneinander hergehen, der gerade cloud nine, oder irgendeine andere Designerdroge intus hat, unter deren unheilvollem Einfluss er sich auf mich wirft, sich vor den Augen des Liebsten in mein Gesicht verbeisst, wie ein Beutelteufel in die Schnauze seines Rivalen, und auf diese Weise versucht seine unstillbare Gier nach Leben zu befriedigen.
Ich sehe mich schon am Boden liegen, den Wahnsinnigen über mir. Eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife hält an, die Beamten versuchen mit vereinten Kräften den Zombie zu überwältigen, greifen schließlich zu ihrer Dienstwaffe und strecken ihn mit einem gezielten Schuss nieder. Der Mann ist sofort tot.

Bald darauf erliege auch ich im Krankenhaus meinen furchtbaren Verletzungen und tauche als 9. Opfer des noch jungen Jahres in der Berliner Drogenstatistik auf. Irgendjemand hat am Tatort mein Handy an sich gebracht und wenige Tage später gehen die Badezimmerbilder durch die Presse.

So glücklich war sie 30 Minuten vor ihrem grausamen Tod!

Zum Glück erreichen wir den Bahnhof ohne größere Zwischenfälle und stärken uns dort mit einem Ferrero Küsschen und einem Cappuccino.
Den Nachmittag verbringen wir, wie geplant, in unserem Bett, dem Sehnsuchtsort.

Wir sind da, wir leben noch!

 

 

 

 

 

22 Kommentare zu “Behandeling

  1. Noch nicht mal Henry-Miller-Tristesse-Schreibart, ne, noch doller – und zwar erinnert mich das an Texte von Andreas Altmann. Und doch wieder anders- eben original! So gut!
    Hier auf dem Lande gibt es halt Fernsehwürstchen, auch eine Art von Tristesse.
    An die frische Luft gehen ist immer für was gut!

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    • Besser ist das. Wenn irgend möglich, immer die Straßenseite wechseln, sobald Dir jemand u 80 entgegen kommt. Idealerweise gleich neben eine Polizeiwache ziehen, oder beser noch neben eine Kaserne. Drogen machen alles kaputt.

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  2. Ja. Meiner derzeitigen Verfassung entspricht sehr gut einer Deiner Sätze, den ich folgerichtig als meine Lieblingsformulierung ausgemacht habe: „… oder ob ich sie vollkommen ignorieren, links liegen lassen soll und so die Beifall fordernde Bühne mit meiner Abrissbirnen-Verweigerung in Trümmer lege“.

    Abrissbirnen-Verweigerung. Genau. Danach ist mir momentan auch ziemlich oft.

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    • Ein kleiner Tipp: wenn Dich wieder jemand nötigen möchte ihm Beachtung zu schenken, einfach durch ihn hindurch schauen und „Bühne abreissen“ denken. So mache ich es immer, und es lässt mich ungemein zufrieden zurück, mich den Ansprüchen an mich als Publikum und als Claqueurin widersetzt zu haben.
      Abrissbirne eben.

      Gefällt 2 Personen

  3. Die Stadt mit ihren ganzen Zombies ist einfach gefährlich, ohne stichfeste Weste wegen der vielen Messerstecher, Taucherbrille gegen die ständigen Pfeffersprayer (Antänzer + Polizisten) traue ich mich nicht mehr auf die Strasse. Nicht ansprechen lassen – nirgends einmischen – seinen Weg gehen.

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  4. Noch weitergedacht könnte man sich auch eine nicht zu große am Ort des Grauens kurze Zeit später angebrachte Messingtafel mit dunkelgrau ausgelegten Serifenbuchstaben vorstellen, die an jenen ungeheuerlichen Drogenüberfall erinnert. Mit Lebensdaten und einem Sinnspruch (z.B. „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“, Luk. 23:34 oder Ähnlichem).

    PS: Und wie immer Frau tikerscherk: Ein wunderbares Bildstück in Worten!

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    • Ein Gedenkort auf einer der hässlichsten Brücken Berlins. Das wäre doch mal was, auch wenn ich zugeben muss, mein Leben nur sehr ungern dafür geben zu wollen. Sollte nicht Drogenaufklärung Sache der Erziehungsberechtigten und der entsprechenden Institutionen sein? Muss ausgerechnet eine Kinderlose dafür herhalten?
      Ach was, ich will nicht aufrechnerisch sein. Jeder trägt auf seine Weise zum Gesamtwohl bei. Dies ist mein Beitrag.

      (Vielen Dank, ich hatte Spaß beim Schreiben!)

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