direct road to the vergrätztheit

Berlin-Kreuzberg_Hallesches_Tor

Wäre ich ein überkronter Zahn, querulierte auch ich am Wochenende, um im Flutlicht des Behandlungszimmers meinem Schattendasein zu entfliehen.

Am Ende ist es aber gar nicht der Zahn, sondern Herpes Zoster, der für Pein und allgemeines Krankheitsgefühl verantwortlich ist. Die in Kirgisien ausgebildete Notdienst-Ärztin ist überaus freundlich und attraktiv dazu, der Blick durch Isolierglas auf den Mehringdamm überraschend schön, die Sprechstundenhilfen angenehm- ich werde zu dieser Praxis wechseln. Wofür samstäglicher Schmerz doch gut sein kann.

Auf dem Rückweg gehen wir, ich trotz schönsten Wetters sibirisch vermummt, den tosenden Damm entlang (es gibt einfach zu viele Autos in der Stadt), schräg rüber zur Teppich-Domäne, die inzwischen Poco heisst und demnächst wahrscheinlich zu Hotel Excelsior Superior International aufsteigen wird. Der gesamte Kiez rund um das Hallesche Tor ist am Aufstreben, die fortschreitende Verdrängung auch hier unübersehbar.
Als wir bei der AGB ankommen, bezieht dort gerade eine keifende Frau Position. Sie stellt sich vor den Eingang und brüllt ihre Misere in die Welt. Keiner schaut sie an, wie jeden Tag (und wie immer die Frage, was in ihrem Leben geschehen sein mag). Drinnen schützen drei Sicherheitskräfte die Einrichtung. Auch das wird Geschichte sein, sobald der soziale Brennpunkt erst einmal befriedet ist.

Im Grimm-Zentrum, so erzählt mir  V., wurden mittlerweile die, lange Zeit geduldeten, Obdachlosen aus der Lounge vertrieben. Mehr und immer mehr waren es geworden, die Ruhe der Studierenden nicht länger gewahrt, unhaltbare Zustände. Jetzt leben sie unter der nahegelegenen Brücke.
Armut ist so lärmend und häßlich.

Auch unter der Leipziger Straße ist die Gruppe der nichtseßhaften Männer verschwunden, bereinigt der windgeschützte, düstere Durchgang, in dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Selbst der, mit eingetrocknetem Zement, gefüllte Eimer, in dem noch der hölzerne Rührstab steckte, ist weg. Ich hatte mich über die Jahre an ihn gewöhnt. Nun werde ich ihn mir jedes Mal in seine angestammte Ecke denken, wenn ich dort am Wasser entlang, Richtung Kreuzberg gehe, und mich mehr denn je fragen, was es mit ihm auf sich hatte. An die Gesichter der Männer kann ich mich nicht erinnern. Bärte trugen sie, allesamt, und Lumpen.
Armut macht so gleich.

Am Abend sitzen wir in der Küche und essen zusammen. Wegen des wunden Gaumens war Nahrungsaufnahme in den letzten beiden Tagen nicht möglich. Der Eine schneidet mir das Brot in kleine Würfel, die ich in greisenhafter Manier vorsichtig in den Mund stecke. So geht es.

Fiebrig fühle ich mich und sehr müde. Über die Mediathek schauen wir noch gut zwei Stunden lang den hochgelobten Barschelfilm. 80er. Angorapullover und Depeche Mode. Eine Sexszene, wie man sie zu dieser Zeit nicht im Staatsfernsehen gezeigt hätte. Gute Besetzung, allein Edgar Selge und Fabian Hinrichs sind es wert reinzuschauen (wann habe ich zum letzten Mal fern gesehen?). Zwei Stunden halte ich durch, dann siegt der Herpes und vor lauter Erschöpfung laufen mir die Tränen. Der Eine bringt mich ins Bett, zieht mich aus und deckt mich zu. Bald darauf legt er sich zu mir.
Beim Einschlafen denke ich an die Obdachlosen und den Eimer.

 

 

 

 

 

Bild: By Assenmacher (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

14 Kommentare zu “direct road to the vergrätztheit

  1. Oh, nä, der Text strotzt vor guter Hoffnungslosigkeit mit anfangs noch Abzweigungen in Positive. Gut, dass man jemanden hat überhaupt! Und dass man Worte hat, um Trostlosigkeit, Schmerz und Lumpen zu beschreiben!

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    • Ich übe mich in Gleichmut. ich versuche es zumindest. Anders lässt es sich kaum ertragen. Die Trostlosigkeit im wahrsten Sinne) der Armut, ist das Schlimmste.
      Der Eimer erscheint mir wie ihr Sinnbild: feststecken.

      Und ja, so gut, dass man jemanden hat.

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  2. Ja der Eimer als Symbol / das dachte ich sofort / und dir das aushalten von Schmerz / und gute Besserung.

    Und dann denke ich lange nach: welche Wege mag es geben aus der Armut? Gibt es welche?

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    • Ich denke vor allem über den Umgang mit Armut bzw. Verarmten nach. Nähme jeder das Gebot der Nächstenliebe ernst, würde man diese Menschen nicht vertreiben, sondern ihnen mindestens Suppe oder warme Kleidung bringen und versuchen die Räumung ihrer Quartiere zu verhindern, so, wie es bei Wohnungsräumungen üblich ist. Es gibt viel zuwenig Solidarität mit Obdachlosen. Die Bürger scheinen zu glauben, dass Armut ein privates Schicksal ist und nicht die Folge eines gnadenlosen Wirtschaftssystems, das auch sie jederzeit zu Bedürftigen machen kann.

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      • Ja so sehe ich es ebenfalls und sehe aber auch das Suppe Decke und womöglich Euros alleine nur eine temporäre Hilfe ist. Abgesehen davon das annehmen Voraussetzung ist.

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      • Da bin ich ganz deiner Meinung ! Obdachlose sind ein Dorn im Fleisch der Wohlstandsgesellschaft, man sieht sie nicht nur, man hört und riecht sie auch. Solidarität gibt es wohl deswegen so wenig, weil wir dem irrationalen Glauben anhängen, dass Armut irgendwie ansteckend ist

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        • Meinst Du, dass es die Angst vor Ansteckung ist, warum man sie meidet, die Armen? Der Gedanke ist mir ganz fremd. Mir scheint es eher so etwas wie ein Kastendenken zu sein, eine innere Hackordnung, auf der Grundlage des Glaubens, dass jeder bekommt, was er verdient und somit seines Glückes Schmied ist. Wer arm ist, hat selbst Schuld.

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          • Ich meine, dass man die Armut als eine Art Krankheit betrachtet an der man sich „anstecken“ könnte, von der man sich besser fernhält, mit der man nichts zu tun haben möchte …. aber ja, sicher, es wird auch viele geben, die meinen, dass Armut selbstverschuldet ist. Den Ansatz, dass jeder bekommt, was er verdient, halte ich für sehr protestantisch-religiös angehaucht. Die gleiche Mentalität aus der letztlich der Kapitalismus entstanden ist: gottgefällig ist, wer fleißig und vor allem erfolgreich ist bzw im Umkehrschluß: wer erfolgreich ist, zeigt dadurch seine Gottgefälligkeit. Das ist ein Thema über das ich mich stundenlang empören könnte :)

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  3. ach…. so selten liest man so warme Worte zu unsäglichem Inhalt wie Armut und Trostlosigkeit und mir treibt es dann so dann und wann die Schamesröte ins Gesicht, weil auch ich mich in Gleichmut übe und …
    ….
    wunderbare Zeilen
    ….
    blödes Gewächs da, das kleine Brotwürfelchen erfordert und also bitte…. bessern Sie sich ganz schnell und gesunden!

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    • Die Schamesröte. Kenn ich und sie ist doch so sinnlos. Da schreibe ich einen Text über Obdachlose, statt mit dem Auto durch die Stadt zu fahren und sie aus einer Gulaschkanone zu versorgen. Mitleid, das nicht tätig wird nützt niemandem, denke ich dann, und zergehe vor Selbstmitleid über die Schlechtigkeit der Welt, deren Lauf ich mittrage und mitbestimme. Es ist so kompliziert. Dabei ist helfen so einfach.

      Danke udn danke! Die gute Pflege zeigt Wirkung. Der Gaumen ist schon fast wieder hergestellt.

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