Der Trichter

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Ständig fällt alles runter, den ganzen Tag lang. Immer. Das Deo vom Waschbeckenrand, der Füller auf den Fußboden, das große Messer in die Untiefen der Spülmaschine und der Deckel des Espressokännchens auf´s Cerankochfeld. Immer laut, immer scheppernd, immer nervtötend, aber immerhin weiß ich so, dass ich noch lebe und ein Zuhause habe, in dem es klappert und lärmt, während draußen der Ostwind die Wolken über den Winterhimmel jagt und mit kalter Hand an den Zweigen rüttelt.
Die Hölle klingt anders. Einsamer, dumpfer, düster wie ein tiefes Erdloch und gefährlich zischend wie prasselnd brennender Reisig.

Im Flur rutscht mir der Schlüssel aus der Hand, der Kater reisst die Lampe mit dem gusseisernem Fuß zu Boden, der Karabiner der Hundeleine knallt gegen die Wand und beim Einkaufen rollen die 50-Cent-Stücke unwiederbringlich unter die Supermarktkasse. Damit sie nicht ganz verloren gehen, oder das Personal sich nach Feierabend unerlaubterweise daran bereichert, werden sie, über einen im Boden eingelassenen Trichter, nach unten in den Keller geleitet und dort in einem groben Leinensack gesammelt. Bei Einbruch der Dunkelheit sieht man den Filialleiter, wie er den Parkplatz mit einem schweren Sack auf dem Rücken überquert, diesen in den Kofferraum seines Wagens wuchtet und sich verstohlen ins Messingfäustchen lacht.

In einer unbemerkten Ecke des Ostbahnhofs, konnte man eine Zeitlang sein überschüssiges Kleingeld auf interessantere Art loswerden. Der Tierpark Berlin hatte dort einen sogenannten Spendentrichter aufgestellt, bei dem man die Münzen auf eine Startrampe stellte, von der aus sie mit Schwung in den breiten Trichter gelenkt wurden, sofort an Fahrt aufnahmen, sich in die Kurve legten und zügig Runde um Runde drehten, wie beim Sechstagerennen. Enger und enger wurden die Kreise, schneller und immer schneller die Münzen, bis sie schließlich von einem unsichtbaren Strudel ergriffen -rasend- in den dunklen Hals des Trichters gezogen wurden, dort, in der Senkrechte, geradezu hektisch weiterkreiselten und es sie am Ende in die Tiefe, in den schwarzen Krater hinunter riss.

Eines Tages stehe ich wieder vor dem Trichter und schaue zu, wie mein gesamtes Kupfergeld im Orkus verschwindet, während neben mir eine Familie an der Vitrine der  „American Sportsbar“ aus zwei Dutzend, kunstvoll zu Bergen modellierten, Eissorten ihre Auswahl trifft. Die Schuhe der vier spiegeln sich in dem breiten Chromband wider, das den unteren Rand der Vitrine einfasst, und ich sehe, aus dem Augenwinkel, die Füße der beiden Kinder unruhig vor der gefrorenen Vielfalt hin- und hertippeln.
Aber da ist noch etwas, eine wiederkehrende Bewegung, die ich unbestimmt am Rande meines Gesichtsfeldes wahrnehme. Ich kann den Blick nicht von der trudelnden Münze lassen, die kurz vor dem Abgrund ihre verzweifelten Pirouetten dreht und deren Reise schon bald zuende sein wird. (Metaphern, überall Metaphern), doch die Bewegung neben mir hält an, scheint sich nach und nach zu steigern, hochzuschrauben, schneller zu werden. Ich halte es nicht länger aus und drehe mich schnell um.

Dort, an der Seite der Vitrine, sehe ich ein aufgeplustertes Taubenmännchen, das sich, in vertrauter Weise, kopfruckend um die eigene Achse dreht, sich dabei rhythmisch verbeugt und neugierig sein Spiegelbild beäugt.

Ich vergesse meine Münze und wende mich ganz dem tanzenden Täuberich zu.

Wie ist er hierher gekommen? Hat er sich irgendwann, so wie die wärmesuchenden Obdachlosen, unter den Strom der Reisenden gemischt und ist durch den Haupteingang hereingeschlichen, oder ist er bereits in zweiter oder dritter Generation, als Nachkomme der ersten Einwanderer, irgendwo dort oben in der Dachkonstruktion geboren?

Hat er eben gerade, in diesem Augenblick, sein Spiegelbild entdeckt, sieht sich zum ersten Mal im Leben und ist davon so gefangen, dass er sich immer und immer wieder anschauen muss, von allen Seiten? Sich betrachten, seine Wirkung erkunden, seine Choreographie überprüfen, seiner selbst gewahr werden? Wer bin ich?

Oder kommt er regelmäßig zu der Vitrine, weil er in der bahnhofsinternen Taubenkolonie noch nicht die richtige Partnerin gefunden hat und sich mithilfe des Spiegels eine Begegnung simuliert, die ihn über seine Einsamkeit hinwegtröstet.
Vielleicht ist er auch homosexuell und balzt sein eigenes Bild an, weil er es als schwule Taube noch schwerer hat jemanden zu finden, der zu ihm passt. Oder ist es ganz anders und er ist einfach nur eitel, ein Narziss im Taubengewand, der hier ganz selbstverliebt die Chromleiste der Eisvitrine nutzt, um sich an seiner Schönheit zu berauschen und der sich schier nicht satt sehen kann an der eigenen stattlichen Erscheinung.

Und während ich so über ihn nachdenke, über sein Leben, über seine Beweggründe ganz alleine neben einer Vitrine zu tanzen, hält er plötzlich inne und schaut mich an. Wir schauen uns an. Aug in Aug. Mit schräggestelltem Kopf und angelegtem Gefieder sieht er zu mir herüber, in der Bewegung erstarrt. Er blinzelt und schaut.

Zwei Sekunden nur. Dann dreht er sich um und stolziert durch die Bahnhofshalle davon.

Ich blicke ihm hinterher, wie er sich unter die Reisenden mischt und dabei geschickt ihren achtlosen Schritten ausweicht. Beim Dunkin Donuts– Pavillon verliere ich ihn schließlich aus den Augen. Ich wende mich wieder dem Trichter zu. Die Münze ist längst verschwunden.

 

 

 

Musik zum Text: Nexther List, Can´t Take My Eyes Off You

(youtube- Direktlink)

 

11 Kommentare zu “Der Trichter

  1. Liebe Frau Tikerscherk,
    ich vermute stark, der Täuberich hat Sie angetanzt.
    Ganz sicher, sah er Ihren Blick in der Vitrine und Ihr Gesicht spiegelte sich im Glas. Da konnte er nicht anders und hat alles gegeben.
    Erst der direkte Blick in Ihre Augen machten ihm klar, wie unerfüllbar seine Sehnsucht bleiben würde und so schickte er sich an, wenigstens ein paar Kekskrümel beim Donatpavillon zu ergattern, was immer noch besser ist, als sich vor den nächsten Zug zu werfen.

    Gefällt 5 Personen

    • Sehr schmeichelhaft, was Sie da sagen, Frau Meertau, denn ich mag Tauben sehr gerne Dieser hier, war ein besonders seelenvolles Exemplar.
      Doch ich glaube, es war ganz anders. Ich glaube der Täuberich war professioneller Tänzer und übte für seinen nächsten Auftritt, in der Hoffnung zur Belohnung ein paar köstliche Krümel zu ernten.
      Ich hoffe, dass es so war, denn seine Einsamkeit und die Vergeblichkeit seines Balzens an jenem Tag, machten mich sehr traurig. (Wäre ich bloß nicht so heillos melancholisch).

      Gefällt 1 Person

  2. So war es:
    Die Taube ist in das Center hineingeschlichen.
    Dann hat sie sich umgeschaut. Da liegt ein Tütchen mit
    chips, dachte sie. Das aß sie dann einfach schnell auf.
    Sie spazierte herum.
    Abends fand sie ein riesiges Fläschchen. Darauf stand: Go – rba – tschow
    oder so. Sie trank es vollends leer und flog auf ein Dach.
    Alles war auf einmal so fließend. Schwankend. Schön.
    Sie mußte blinzeln und sich freuen.

    Wahrscheinlich kam irgendwann ein Bahnmitarbeiter
    und entsorgte sie.

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