Schneewittchen

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Manchmal versuchte meine Mutter mich zwischen zwei Zigaretten zu erziehen. Die letzte Tasse Kaffee war gerade ausgetrunken, der Rotwein noch nicht entkorkt, so stand sie, ein wenig unberaten im Flur herum, unschlüssig ob sie erst noch Lidschatten nachlegen und sich dann ein Glas genehmigen sollte, oder umgekehrt.

Zufällig komme in diesem Moment ich die Treppe herunter. Ihre Augen bleiben an mir hängen, werden erst groß, dann klein. Sie mustert mich aus immer enger werdenen Schlitzen, schüttelt schließlich den Kopf und sagt:

– So gehst du mir nicht aus dem Haus!
Obwohl chancenlos , versuche ich es mit: Wieso nicht?
Schau dich mal an, wie du aussiehst.
– Ich weiß, wie ich aussehe.
– Wie eine Prostituierte, sagt sie und ihr Gesichtsausdruck ist verächtlich.
– Stimmt nicht, antworte ich und tue, als würden mich ihre Worte nicht treffen.
– So gehst du jedenfalls nicht auf die Straße.

Jetzt kommt mein Vater die Stufen herauf, sieht mich, bleibt auf dem Treppenabsatz stehen und schnalzt mit der Zunge: Oh! Todschick!, sagt er lächelnd und nickt dabei anerkennend.

Ich zucke zusammen und weiß schon jetzt, dass ich ihr das büßen werde.

 

 

 

 

Bild: „Christmas 00444“ von Anna Anichkova – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Christmas_00444.jpg#/media/File:Christmas_00444.jpg

25 Kommentare zu “Schneewittchen

  1. Ei weh. Liebe Tikerschek, wie ich unlängst in „Mein verhungertes Selbst“ beschrieb, bevorzugte meine Mutter – eine große Dame, bitteschön – die Flüssignahrung, nicht nur fester Nahrung, auch allen verBindungen gegenüber. Gut, wenn dann die Väter Seelengefährten sind. Suboptimal, wenn nicht. Aber so sind wir die Summe all jener Himmel und Höllen, die uns ins Jetzt formten. Ich für meinen Teil hätte auf die Höllen und Tode verzichten können.

    Lieben Gruß!

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    • „Aber so sind wir die Summe all jener Himmel und Höllen, die uns ins Jetzt formten.“

      So denke ich auch. War zwar nicht schön, dafür ist es jetzt umso besser. An diesen Aufgaben bin ich gewachsen, obwohl ich – so wie Du – gerne darauf verzichtet hätte.

      Lieben Gruß zurück!

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  2. Ich wäre eigentlich froh gewesen, wenn sich meine Mutter zwischen zwei Zigaretten und dem Weinglas (bzw. -gläsern) noch für meine Kleidung interessiert hätte.

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      • Das wenigstens kann ich meiner Mutter nicht vorwerfen – auf die Idee, dass ich eine Konkurrentin sein könnte, wäre sie nie gekommen. Dafür hat sie von mir verschmähte Verehrer immer freundlich zum Wein eingeladen (nur meine Freundinnen hat sie nicht im Haus geduldet).
        Im Grunde genommen war sie aber immer ein lieber Kerl.
        Weh tut es immer noch, vor allem weil es nie aufgehört hat. Die Mischdiät aus Zigaretten, Wein, Schlaftabletten und Milchkaffee (unter weitestmöglicher Vermeidung von fester Nahrung) scheint gar nicht so ungesund zu sein.

        PS: Schöner blog übrigens, den du da schreibst – hab ihn erst vor kurzem entdeckt – Danke!

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      • Er ist sehr schön – und traurig –, dieser Text über den Abschied von der Mutter.

        Vielleicht hätte ich so etwas damals auch machen sollen, als ich mit 20 ausgezogen bin – nicht nur 1 000 km zwischen uns legen, sondern einen klaren Trennstrich ziehen.
        Vielleicht wäre es für uns beide besser gewesen. Vielleicht wären meiner Mutter die Sucht- und sonstigen Unglücksdarbietungen – nach der gescheiterten Schauspielkarriere musste der Alltag als Bühne für die große Tragödin herhalten – fad geworden ohne ihr treustes Publikum, mich.
        Vielleicht wäre sie daran aber auch ganz zugrunde gegangen und ich hätte den Rest meines Lebens mit Schuldgefühlen zugebracht.
        Schade, dass das Prinzip von Trial and Error im Leben einfach nicht anwendbar ist, dass Fehler nicht wieder rückgängig zu machen sind bzw. man nie wirklich weiß, was eigentlich richtig gewesen wäre.

        Im Gegensatz zu dir glaube ich schon, dass mich meine Mutter immer geliebt hat, die Sucht war (ist) ihr halt nur wichtiger.
        Und das Unglück war (ist) auch echt.

        Deshalb könnt ich auch immer kotzen, wenn ich in den Medien – den sozialen und den anderen – diese erbaulichen Geschichten lese über Menschen, die an ihrem Unglück (dem behinderten Kind, der eigenen Behinderung, der schweren Krankheit usw.) gewachsen sind. Abgesehen davon, dass damit all die, die das nicht schaffen, als minderwertige Versager abgestempelt werden, bin ich einfach der Überzeugung, dass Unglück Scheiße ist und dass, selbst wenn manche daran angeblich wachsen, ein Leben ohne Unglück einfach verdammt noch mal besser ist.

        Aber ich divergiere …. entschuldige ….

        Danke für die Einladung zum Kommentieren – auch wenn ich es heute eindeutig übertrieben habe.
        Vielleicht kann ich bald auch mal was Humorvolleres beisteuern, das ist sonst eigentlich eher meine Sparte.

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        • ich stimme Dir zu: Scheiße bleibt Scheiße. Auch, wenn wir an unseren Qualen wachsen, wäre es schöner ohne sie gewesen. Das Leben an sich, mit seiner Endlichkeit birgt Aufgaben genug, da braucht es nicht noch weitere Katastrophen.
          Ich möchte nicht anfangen auf die Ferne zu analysieren, aber ich denke, dass Schuldgefühle Teil jedes Ablösungsprozesses sind, und das insbesondere Kinder von Suchkranken sich sehr schwer tun zu gehen, weil sie in den Mustern der Sucht gefangen sind.

          Ich freue mich, dass Du hierher gefunden hast. Eine Pflicht zum Lustigsein gibt es nicht. Obwohl auch ich ein lebenslustiger Mensch bin, habe ich einen Hang zur Melancholie.

          Schönen Gruß

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