Kopf ab

Manchego

Am Morgen spricht die Magd ganz wild:
»Ich hab heut nacht ein Kind gestillt –

Jeden Abend nehme ich zwei Bonbons mit ins Bett. Eines esse ich sofort, (und putze mir danach nicht mehr die Zähne). Das andere stecke ich mir in den Ausschnitt und fische es dort bei Bedarf nachts heraus, sofern ich es noch finde.
Meine Zähne und auch das Zahnfleisch sind in bester Ordnung.

Auf der Suche nach den guten Frizzella, für die kommende Nacht, stoße ich heute in einer der Süßkram- Kisten, auf ein Bonbon mit Gesicht. Ich kann mich nicht erinnern, es gekauft zu haben. muss aber wohl, denn es ist da, lächelt mich ganz zauberhaft an und ist mir auf Anhieb sehr sympathisch. So ein nettes Gesicht! An wen erinnert es mich bloß? Vertraut und beinahe zärtlich blickt es mich an, ich schaue zurück und mir wird warm ums Herz.

Ich erinnere mich, an die Marzipanrobbe, die mir vor Jahren mein damaliger Freund schenkte. Er wusste, wie gerne ich die dicken, (scheinbar) ohrlosen Tiere mochte und wollte mir eine Freude machen. Ein voller Erfolg. Ganz verliebt war ich in das niedliche Tier, das der berühmte Marzipanier Marcuse de Trompe l´Oeil mit seinen überaus geschickten Händen geformt und mit raffiniertester Siebdrucktechnik gestaltet hatte. Die Augen waren schillernde Swarowski-Kristalle (schreibt man das so?) und es war mit 24-karätigem Goldstaub aus Indochina bedeckt. Ein wahres Schmuckstück!

Bald schon drängte mich mein Freund, der immer hungrig war, ich solle nun endlich das süße Marzipantier mit ihm gemeinsam verzehren (das Schwein). Ausgeschlossen! rief ich empört und herzte das Kleine über und über.
Doch wenige Tage später, nahm er es ungefragt aus seinem Schlafkörbchen, das ich mit Sand von meinen sieben Weltreisen gefüllt hatte, betrachtete es und biss ihm ZACK! den Kopf ab. Ich schrie aus vollem Halse: Bist du verrückt! Das arme Kind! Die arme Robbe! Ausgerechnet den Kopf!

Gerade und nur den Kopf müsse man essen, erklärte er mir völlig ungerührt, dann sei das Leid des Tieres wenigstens sofort beendet. Alles andere sei üble Quälerei. Obwohl er Recht zu haben schien, war ich noch immer sehr ungehalten und traurig (in welcher Reihenfolge weiß ich leider nicht mehr). Es war genug zu essen im Hause, da hätte er wahrhaftig meine Robbe verschonen können. Überflüssig zu erwähnen, dass die Beziehung bald darauf in die Brüche ging.

(Dieser Erzählstrang endet hier)

Während ich mich so erinnere, läuft mir das Wasser im Mund voll krass derart zusammen, kein Marzipan weit und breit, nicht einmal Bethmännchen, nur das sympathische Bonbon ist zur falschen Zeit am richtigen Ort, und ich frage mich mit hochgezogenen Lefzen, ob es so gut schmeckt, wie es aussieht.

Niemandem ist gedient, gebe ich mir selbst zu bedenken, wenn man Lebensmittel solange aufhebt, bis sie schließlich verdorben sind oder vertrocknen, so, wie die zweibeinige (von vornherein kopflose) Möhre, die seit einiger Zeit in meinem Kühlschrank lebt und mich an Eichendorffs Gedicht `Symmetrie´ erinnert.
Schlagt ihr das and´re auch entzwei, so hinkt sie doch auf beiden, denke ich jedes Mal, wenn ich sie in der Gemüseschublade liegen sehe, mit weit geöffneten Beinen, eines viel kürzer als das andere.
Vielleicht sollte ich ein Foto von ihr machen und dann noch eines vom Bonbon und hinunter mit beiden.
Gesagt, getan.

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Und wie ich so auf das Bonschi draufhalte, erkenne ich endlich wen ich vor mir habe: es ist der Eine, als ganz junger Mann, der mich da mit rosigen Wangen anschaut!

20160119_173156-1
Vor Rührung breche ich in Tränen aus und beende diese überaus lahme wie pointenlose Geschichte mit einem lauten Schluchzen.
Wieso, so frage ich mich allerdings, haben Sie alle überhaupt bis hierhin weiter gelesen?

Das Universum ist voller Rätsel.

 

 

 

 

 

Käse: „Manchego“ von Zerohund – de.wikipedia: [1]. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Manchego.jpg#/media/File:Manchego.jpg

38 Kommentare zu “Kopf ab

  1. Ich als marzipanvertilgende Lebensform kann die Versuchung im Körbchen ja nachvollziehen, aber den Kopf? Und was ist mit niedlich?
    Im übrigen muß man das Zuckergetier nur etwas länger – vorzugsweise in Heizungsnähe – warten und gedeihen lassen. Wenn die Farbe des Ferkels ausbleicht, bröselige verhärtende Konsistenz einhergeht mit Geruchslosigkeit und eine positive Klopfprobe: Rettung, Marzipantier, Rettung!

    Zu Recht verließest Du ihn, Tikerscherk – dieses Robbenbaby hättet nicht sterben müssen!

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  2. Zauberhaft diese süße Erzählung!

    Mir ergeht es ähnlich, dass ich Dinge aufbewahre, insofern sie mir beseelt erscheinen. Vor langer Zeit ergriff sich das familieneigene Pubertier einen großen, vergoldeten Schokohasen, den mir der Vibesbold in seiner Buhlphase geschenkt hatte. So schnell konnte ich garnicht schauen, wie das Papier abgerissen und der Kopf abgebissen war. Heiße Tränen schnürten mir die Kehle zu. Als ob die Seele im Kopf säße… aber wer weiß schon, wo sie sitzt und ob sie nicht ab und an in eine Marzipanrobbe oder ein Schokohäschen schlüpft ;-)

    Lieben Gruß!

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    • Oh, nein! Den Buhlhasen! Da wäre ich aber auch sehr traurig gewesen. Mir ist das ganz egal, wo die Seele der geliebten Gegenstände sitzt, ich will sie nicht malträtiert wissen, denn sie sind in meiner Seele beheimatet.

      Neulich fand ich zwei fast identische Erdnüsse mit Schale. Sie sahen jeweils aus wie schwimmende Enten, die eine größer und dunkel, die andere hell und klein. Das waren natürlich der Eine und ich. Ich habe sie ihm geschenkt, so, wie unsere Zwillingskastanien und viele andere kleine Dinge, die uns spiegeln. Er hebt sie alle, alle auf. Und ich habe jetzt ein von ihm beseeltes Bonbon.

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  3. Mein Lieblingskäse hat mich sofort bei Laune gehalten :-)

    Nein, im Ernst: Ich liebe mäandernde und/oder groteske Geschichten, die irgendwo beginnen und sich ihren Weg durch die Gedanken der/s Autorin/s sucht. (Und lahm oder pointenlos finde ich den Text nun wahrlich nicht.)

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    • Der Manchego (ohja, köstlich!) sollte eigentlich nur ein Ablenkungsmanöver sein, damit als erstes Bild im WordPress-Reader nicht die Möhre erscheint. Passenderweise kommt in dem anzitierten Morgenstern-Gedicht ein Käse vor. Es kamen also gleich wieder drei Gründe für die Wahl des Bildes zusammen. Dass Du nun auch Manchego liebst, ist ein vierter.

      (Danke!)

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  4. Ich hasse es, wenn ich Japp auf Marzipan bekomme, denn meistens bekomme ich dann keins. So ein Marzipanbrot. Das schneide ich mir dann mit einem Messer in Scheiben und schiebe es mir genüßlich rein. Ich gehe jetzt einkaufen, mal sehen, ob nicht noch irgendwo ein Resteweihnachtssüßskramverkauf läuft, bei dem ich noch so ein Brot abstauben kann. Verdammt!

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  5. Auch bei mir verstaubten eher die feinen Marzipantierchen und -figuren, als dass ich es je geschafft hätte ihnen den Kopf abzubeissen, noch nicht einmal den Schokonikoläusen … meine Mutter entsorgte sie dann, Jahre später … ich gebe zu: es fällt mir immer noch schwer!

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    • Pro-Tipp: Mit Gummibärchen desensibilisieren!

      ***

      Ich brachte es nicht fertig den herzförmigen Geburtstagskuchen, den mir die Liebste einst buk, anzuschneiden. Freundlicherweise übernahm den grausamen Akt ein Mitbewohner … lecker war’s.

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      • Gummibärchen habe ich immer versucht solange im Mund zu behalten, bis sie sich ganz aufgelöst hatten. Irgendwann aber kam der Moment, wo ich sie in den Bauch biß und kurzerhand erledigte. Das Raubtier in mir.
        Einen Herzkuchen könnte ich auch nicht zerschneiden. Man hätte höchstens den Rand ringsum absäbeln und so das Herz immer kleiner werden lassen. Das letzte Stückchen hätte man dann in Acryl eingebacken und sich das Schmuckstück um den Hals oder ans Fenster gehängt. Irgendwie so…

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      • Oh ja, das kenne ich nur zu gut – oft versucht, stets gescheitert. Die Disziplin eines Kojak ist mir nicht zu eigen.

        Nun, was besagten Kuchen anging: Als Reaktion auf mein fassungsloses »Aber … das geht doch nicht!«, erntete ich ein ‚Nächstes-Mal-gibt’s-Napfkuchen‘-Augenrollen. Derart brüskiert blieb mir nicht viel mehr, als mich stumm seufzend zu fügen.

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  6. Habe schon einmal einem Goldhasen [!!] mit einem Bergsteigerhammer den Schädel die Ohren eingeschlagen (weil, dies zu meiner Entschuldigung, es war ein Qualitätshase aus super dicker Schokolade) – und ich hoffe doch, nun moralisch nicht gänzlich verworfen zu sein vor Ihren Augen!

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      • Mir ist auch selbst nicht wohl in der Erinnerung und ich hätte es in der Wortwahl sicher auch schonender erzählen können. Scusi. Ich glaube, der Doktor saß mit Blick zur Wand („Schauen Sie doch mal eben weg!“) oder war sogar verreist. Er war sicher verreist. Und es war einfach eine so leckere dick gegossene und daher schwer zu zerteilende Schokolade …

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  7. Passt jetzt nicht ganz, aber bevor ich Marzipan selber machte (und alle möglichen Leute bei mir Schlange drum standen) hatte ich eine walisische Freundin, die immer darum bat, ich möge ihr Marzipankartoffeln von Deutschland aus schicken und wenn die Saison nichts hergab kiloweise Ritter Sport Marzipan. Der schente ich einmal, es war an einem Geburtstag eine aus Marzipan bestehende Currywurst, da sie sich hobbymäßig auch auch für regionaltypische Essgewohnheiten interessierte und Currywurst doch bei vielen Leuten sehr beliebt ist. Die meldete mir nach dem Verspeisen zurück beinahe enttäuscht zu sein weil die „Wurst“ nicht nach Wurtst schmeckt und außerdem um das dafür geschlachtete Marzipanschweinchen zu trauern.

    Hast du Erfahrung im Formen von Play-Doh-Knete? Auf etwa die Konsistenz kommst du mit dem Rezept, das ich in meiner Stöckchen-Antwort erwähnte. Vielleicht lässt sich eine Robbe daraus formen?!

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