Beinahe Kollegen

1988___ken_animal_lovin_by_emma_in_candyland-d2zsdgg

Irgendwann stellte sich ein zukünftiger Mitarbeiter vor, der mir auf Anhieb sehr gefiel. Nicht als Mann und auch nicht als Sexualpartner. Eher so als Type und Kollege. Er hatte eine große Nase, ein schmales Gesicht und einen schrägen Humor. Seine aufrechte Körperhaltung erinnerte an die schreitenden Männer von Giacometti, seine Stimme war klar und kräftig. Dazu hatte er ausgesprochen schöne Hände, was nichts zur Sache tat, aber auch nicht schadete.
Als der Kollege, wie es bei uns üblich war, zu einem Einarbeitungstag, der zugleich als Bewährungsprobe vor der Einstellungszusage diente, auftauchte, trug er ein bauchfreies Glitzertop in Hellblau, dazu eine enge Schlaghose, die vorne ein schönes Päckchen machte, und eine schmale Handtasche, die er lässig unter die Achsel geklemmt hatte. Schweiß lief an seinen Schläfen herunter und hinterließ einen feinen Streifen in der perlmuttfarbenen Puderschicht, die ganz wunderbar mit dem roséfarbenen Lidschatten und dem königsblauen Lidstrich harmonierte.
Ich sagte ihm wie gut er aussah, dass aber der Kundenkontakt es nicht zuließ sich derart unkonventionell zu kleiden. Dies bedauerte der zukünftige Kollege aufrichtig. Unter solchen Umständen könne er den Job leider nicht machen. Er habe sich sein Leben lang versteckt und gedenke nicht dies weiterhin zu tun. Auch nicht für einen Job. Das sei so verständlich wie schade, sagte ich. Wirklich schade, fand auch er.

Wenig später stellte sich eine Frau für die gleiche Stelle vor. Sie war Ende vierzig, ziemlich stramm, hatte zupackende Hände und dicke, blaue Augenbrauen. Auch sonst war ihr Gesicht ausdrucksstark und ihre Stimme tief und samtig.
Als die Kollegin zu ihrem Einarbeitungstag erschien, trug sie einen bienenkorbhohen, grünen Turban und schulterlanges, klimperndes Ohrgehänge. Ihre Augenbrauen hatte sie passend eingefärbt und ihre längsgestreiften pludrigen Berberhosen machten sich gut zu ihrer aufwändig bestickten Weste. Dazu trug sie schwarze Cowboystiefel unter deren Sohlen lustig die Metallbeschläge klapperten.
Ich gratulierte ihr zu ihrem unkonventionellen Stil, gab aber zu Bedenken, dass die Kundschaft doch eher konservativ sei und derlei Extravaganzen möglicherweise nicht goutieren könnte.
Unter diesen Umständen könne sie den Job leider nicht machen, sagte sie, man müsse schon seine ganze Personality einsetzen dürfen und nicht nur den spießigen, angepassten Teil.
Sicher, sicher, stimmte ich ihr zu, aber so sei es nun mal.
Sie fand das bedauerlich. Ich auch.

Den Job bekommen hat schließlich eine farbenblinde Frau, die sich, um verheerende Fauxpas  zu vermeiden, schwarz kleidete. Von Kopf bis Fuß. Immmmmmer.
Sie liebte Kandinsky, so erzählte sie mir. Besonders mochte sie seine fein abgestimmten Grautonharmonien.

 

 

 

 

 

Bild: http://emma-in-candyland.deviantart.com/art/1988-Ken-Animal-Lovin-181042720

25 Kommentare zu “Beinahe Kollegen

  1. Fast schon surreal. Ein Kerl „bauchfrei im Glitzertop in Hellblau“. Und eine Dame im „bienenkorbhohen, grünen Turban“. Muss eine irre Branche sein, oder was haben Sie geraucht? – Nichts für ungut ;-)

    Gefällt mir

  2. „Ein frisches Gelb, ein Apfelgrün..“ – „Wir waren mit Grau eigentlich sehr zufrieden.“ – „Zufrieden? Ich habe hier eine Graukollektion von einer belgischen Firma…“ – „Herr Winkelmann!“ – „Ich weiß schon… Da haben Sie 28 Grautöne in jeder Qualität, da werden sie bestimmt zufrieden sein: Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, …“ – „Herr Winkelmann!“ – „… Steingrau, Bleigrau, Zementgrau …“. – „Herr und Frau Melzer wollen ja wohl was Frisches. So mehr ins Gelbe oder Grüne.“ …
    „Wir hätten gern das Aschgrau!“
    „Soll ich da mal so ein ganz frisches Steingrau empfehlen?“

    Fiel mir grad so ein, der Loriot ;-)

    Gefällt 1 Person

    • Ach, Loriot. Vielen Dank für´s Erinnern!

      Bei unterschiedlichen Grautönen muss ich immer an Giorgio Armani denken mit seinem bunten Grau.
      Und als ich eben versuche Grau in den Plural zu setzen, merke ich, dass Graus daraus wird. Dabei bin ich eine ausgesprochene Graufreundin.

      Gefällt mir

    • Die Geschichte ist so passiert, genau so.
      Vielen Dank, liebe Annika!

      Als Kollegin war ich, glaube ich, in diesem Job, ganz passabel. Hab mir mit den unklaren Hierarchien allerdings sehr sehr schwer getan.

      Gefällt mir

        • So habe ich es empfunden. Wenn so getan wird, als sei man ein Team Gleichberechtigter, man aber tatsächlich zuerst alle inoffiziellen Gesetze und Strukturen herausfinden muss, dazu noch derart gelästert und gemobbt wird, ist man verloren.
          (Ich hab damals übrigens, unter uns, eine Mittelohrentzündung bekommen, beide Trommelfelle platzten und ich war eine Weile taub wie eine Nuss. Da hab ich gekündigt).

          Gefällt mir

  3. Die Geschichte lässt meine Denkerei hüpfen, mich an skurrile Kollegen denken oder an Schüler, in denen sich Solches schon andeutete. Was für ein feiner Text! Eben die Buntheit des Lebens, nicht in Kätzchenblogs auffindbar.

    Gefällt mir

  4. Ich liebe deinen lakonischen Beitrag zum schillernden Berlin. Hatte mit meiner Tochter neulich eine Diskussion über ihre Zukunft. Ihr war klar, dass die Organisation, in der sie mal arbeiten will 100 Prozent so sein muss, wie sie sich das vorstellt. Die Idee, erst mal anzufangen mit der Arbeit und sich dann vielleicht einen Freiraum zu erarbeiten fand sie absurd.
    Deiner gar nicht mehr so neuen Kollegin empfehle ich einen Laden in meiner Nachbarschaft. http://www.colorblindpatterns.com. Die machen magische Sachen, vor allem aus arabischen Schriftzeichen.

    Gefällt mir

    • Danke!
      Schöne Stoffe haben sie da in Deiner Nachbarschaft. Die Kollegin hab ich schon lange nicht mehr, bin irgendwann gegangen.
      Mit Idealen anzufangen in der Berufswelt kann nicht schaden. ich tu mir schwer mit den Hedonisten und Ich-Schreiern. Das passt einfach nicht in ein Team.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s