Houdinis Tod

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Fragen, die ich mir nie gestellt habe, weil sie nicht aus meinem Inneren an mich heran oder aus mir heraustreten. Nicht treten und nicht einmal klopfen, oder wenn, dann nur ganz sachte. Worte, die nur als Text vor mir stehen, weil andere sie sagen oder sie präsentieren, so wie die lange Bücherreihe der Neuen Juristischen Wochenschrift im Wartezimmer des Anwaltes, die nicht zu mir spricht. Wohl aber der dort befindliche riesige verschlossene Kasten hinter der übergrünen Zimmerpflanze, breit und tief und etwa kniehoch, laut brummend und uns, die vom Neonlicht Begossenen, zum Nachdenken anregend. Wer oder was und weshalb, und wieso hier?

Drei Hirschköpfe aus Plastik als Garderobenhaken. Schwarz weiss rot, der Anwalt wird doch nicht? Bestimmt nicht.

Ein Entfesselungskünstler könnte sich darin befinden, die Kiste angeschlossen an ein Belüftungssystem, daher das Brummen. Wo bin ich bloß hingeraten?

Houdini, Houdini, wer erinnert sich noch an Harry Houdini? Gehörte er nicht der gleichen Gattung an, wie die Menschen, die Frauen zersägen. Kuriositätenklimbim aus vergangenen Tagen. Oder ist Entfesselung immer noch en vogue als Gegenstück zu BDSM (das kennen inzwischen nicht nur die Eingeweihten. Es sagt sich so wissend und so angepornt: BDSM. Dabei schreckten die meisten wohl schon vor einem einfachen Kabelbinder zurück).

Wir sitzen an dem langen Schreibtisch, dahinter das großformatige Foto einer West-Berliner Straßenkreuzung, und reden über die Verwaltung eines Todes. Wir besprechen, wie es sein wird und was es zu bedenken gilt. Ganz ernst und ruhig sitzen wir und imaginieren den freien Fall. Keiner zuckt. So ist das eben, der Lauf der Dinge.

1000 Gulden. Ich habe Dir 1000 Gulden gegeben und nun musst du sehen, was du daraus machst.

Ich denke mir ein großes Fenster. Mit Blick und weit genug oben, um ihn für immer abzuwenden.

Man stürzt so tief, wenn die Wurzeln sterben.

 

 

 


Foto: 
Kevin Doley, Saboten-Com lomo portraits  https://www.flickr.com/photos/pagedooley/4256706596/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

16 Kommentare zu “Houdinis Tod

  1. Auch Zauberer verlassen uns trotz aller Fesseln. Ein paar Kabelbinder im Handgepäck sind o.k. damit kann man immer etwas anfangen: Plakate/Planen aufhängen, Elektroleitungen befestigen, aufsässige Kerle fixieren, Phantasien beflügeln –

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  2. Das erinnert mich an das Sterben meiner Mutter.
    Da war der Tod Thema.
    Jahre im verwirrenden Vorfeld.
    Unvermeidbar.
    Jagte sich mit Widerhaken in die Seelenhaut.
    Und popelte.
    Renitent.
    Und da war es schon, als würde sich die imaginäre Nabelschnur um meinen Hals legen. Mehr strangulieren als sie selber es zu Lebzeiten je tat. „Ich habe so Angst vor dem Sterben,“ sagte sie. Da war er dann da tatsächlich be-greifbar. Der Tod. Es vergingen noch viele Monate, in denen das bevorstehende Unfassbare in Worten versuchsweise domptiert wurde. Wie absurd. Man ordnet im Vorfeld das Chaos. Lächerlich. Als ginge es. Aber vielleicht auch nur deswegen nicht, weil es sich im freien Fall so schlecht nach den Koordinaten greifen lässt. Und von wegen die Zeit heilt alle Wunden.

    Ich hoffe, dass der Ihre Anlass nicht so unerheiternd ist wie der meinige, an den es mich erinnert. Ich falle übrigens noch immer. Obwohl es 18 Jahre her ist. Allerdings nutze ich die besagte Nabelschnur mittlerweile als Liane und schwinge mich an dieser zu den Sternen auf.

    Also ehrlich mal… Sie müssen mich ja für komplett meschugge halten, … Berechtigterweise. Trotzdem: lieben Gruß, viel Kraft und von Herzen alles Gute! Kann ja nie, nie, niemals nicht schaden!

    Und klar kenne ich Houdini. Harry. Spiritist. Freimaurer. Und wie endete er? Genauso tod wie alle anderen auch. Hm.

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    • Sie machen mir ja Mut.
      Seelenpein zu Lianen? Immerhin. Ich befürchte mich zieht das nur noch mehr runter.

      Houdini war übrigens Anti-Spiritist. Er kämpfte gegen die Spiritisten und überführte regelmäßig Geisterbeschwörer des Betruges.
      Am Ende erlag er einem Blinddarmdurchbruch, den er sich (angeblich) zugezogen hatte, weil er sich wiederholt in den Bauch schlagen ließ, um zu zeigen, wie unverwundbar er war.
      Und dann starb er doch. So, wie alle.

      Lieben Gruß an den See aus Kreuzberg Süd-Ost

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