Stillleben

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Traces fouillis gris pâle presque blanc sur blanc

(Samuel Beckett, Bing)

 

Die Erwartungen der Menschen nicht zu erfüllen, ist beinahe ebenso schwer, wie ihnen gerecht zu werden. Ihre Enttäuschungen zu ertragen ohne sie mir zueigen zu machen. Das Heilsame in ihrer Entzauberung sehen.

Ich spüre, wenn sich etwas verändert, eine Haltung, ein Gefühl. Ich weiß es, noch ehe ein Satz, ein Blick eine Geste davon zeugen. Am Schwersten bleibt es, nicht einzugreifen. Es geschehen zu lassen. Nicht beeinflussen zu wollen. Ohne Anstrengung zu sein, so unverstellt wie möglich.
Das Älterwerden zeigt sich auch darin. Und in den immer seltener werdenden Spitzen. Stromschnellen bleiben beherrschbar, der Wasserfall grollt nur noch in der Entfernung. Seine Gischt eine Spiegelung aus ferner Zeit.

Wieder ist ein Jahr vergangen, das gleißende Licht des Winterhochs malt Sonnenkatzen an die hohen Wände. Die Orientalin jagt den Dezemberfliegen hinterher, Töle ihrem Schwanz.

Morgen ist Weihnachten.
Meine Mutter wird diesen Tag auf ihrer Demenzstation verbringen, der Vater feiert zusammen mit dem Bruder und im Kreise der Stieffamilie, die Schwester wird mit den Ihren sein und ich für mich.

So hat es sich ergeben und so ist es gut.

 

 

 

 

 

40 Kommentare zu “Stillleben

  1. Der erste Absatz verdient es wahrhaftig mehrmals gelesen zu werden !! Ich bin gerade mit einem ähnlichen Thema beschäftigt und fand es unterstützend, diesen Gedanken so ausgesprochen zu lesen. Danke dafür ! und ich wünsche dir Feiertage so wie du sie haben möchtest und sie dir stimmig erscheinen. Alles Liebe <3

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    • Das freut mich sehr. Wahrscheinlich sind wir alle ab einem bestimmten Alter mit diesem Thema befasst. Wiederholungen in der Vita schärfen den Blick für das, was man ändern kann und das, was man geschehen lassen muss. Die Umsetzung dieser Erkenntnis in Handlung, bzw.in Nicht-Handeln ist die Königsdisziplin.
      Alles Liebe auch für Dich!

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    • Ich fand ihn zunächst auch sehr gut… bis ich begann, darüber nachzudenken.

      ‚Die Erwartungen… nicht zu erfüllen… beinahe ebenso schwer…‘

      Ist es nicht eher absolut einfach, Erwartungen nicht zu erfüllen? Angefangen bei bekannten Erwartungen (einfach dies eben nicht tun… oder tun, wenn die Erwartung ein Nichttun war) bis hin zu heimlichen Erwartungen (die meist mit Nichttun enttäuscht werden können).

      Das ist zugegebenermaßen eine eher depremierende Überlegung, sie bestärkt mich jedoch in der Meinung: Erwartungen nicht zu erfüllen ist sehr einfach. Und damit ist das Nichterfüllen eher das genaue Gegenteil des Erfüllens. Das nämlich ist in der Tat äußerst schwer.

      Liebe Grüße

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      • Ich kann natürlich nur für mich sprechen und nicht für tikerscherk. Ich finde das Nichterfüllen von Erwartungen ziemlich schwierig. Man setzt sich dadurch der Gefahr aus von anderen nicht mehr gemocht, geschätzt oder gar bewundert zu werden ….. Man muss dem sozialen Druck widerstehen, die Erwartungen nicht zu erfüllen, dem allgemeinen Druck und dem Druck im privaten Umfeld …. wenn das nicht schwer ist !

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        • Sind das nicht die Konsequenzen des Nichterfüllens? Die zu bewältigen mag schwerfallen. Das ändert doch aber nichts an der Tatsache, dass das Nichterfüllen an sich leicht von der Hand geht – wenn man es darauf anlegt. 😉

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            • Na klar. Das ist ja soundso theoretisch, denn grundlegend wird ein Mensch mit norm-alen Sozialverständnis so etwas ja niemals bewusst umsetzen.

              Deshalb ja mein Zusatz ‚wenn man es darauf anlegt‘. Das setzt eine gewisse Skrupellosigkeit voraus – die dann auch keine Konsequenzen fürchtet.

              So gesehen ergibt t.s Satz eventuell mehr Sinn: Für Otto-Normalbürger ist das Nichterfüllen ebenso schwer wie das Erfüllen.

              Ich persönlich könnte Erwartungen nicht erfüllen, in der Tat. Hmm… was sagt das über meine Sozialkompetenz aus!? 😒

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                • Nein. Warum sollte es so sein? Das ändert aber nichts an der Tastssche, dass ich es immer wieder tue… das muss gar nicht willentlich provoziert sein. Wie schon geschrieben – alleine durch Nichttun nichterfüllt man schon Erwartungen. Sich bei einem Freund nicht melden, weil man keine Zeit oder keinen Kopf dafür hat, als banales Beispiel.

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      • @dasmanuel: Wenn ich nun von Dir erwarten würde, daß Du Dich so verhalten wirst wie ‚man‘ es von Dir gewohnt ist – eben weil Du „nicht anders (!) kannst“ – wie leicht fiele es Dir dies nicht zu erfüllen?

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        • Du wirst mir zustimmen, dass das eine sehr spezielle Erwartung ist – die wohl schwerer nicht zu erfüllen sein kann als etliche andere. Das ändert aber nichts an meiner Meinung, dass es generell nicht schwer ist, Erwartungen nicht zu erfüllen.

          Man kann es doch auch weniger abstrakt formulieren: Erwartung nicht erfüllen endet in den allermeisten Fällen in Enttäuschung. Und es wird doch niemand widersprechen wenn ich sage, dass es viel einfacher ist, Menschen zu enttäuschen, als sie glücklich zu machen!? Die menschliche Psyche ist so beschaffen.

          Ausnahmen bestätigen auch hier eher die Regel, als sie zu widerlegen.

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          • Es mag einfacher sein, Menschen zu enttäuschen als sie glücklich zu machen. Was ich aber meinte ist die Schwierigkeit die Enttäuschung von Menschen, die man gerne hat, in Kauf zu nehmen, den Dingen ihren Lauf zu lassen, ohne einzugreifen, sich zu entschuldigen, getroffene Entscheidungen wieder halb zurück zu nehmen etc., um dem anderen nicht weh zu tun, aber damit wiederum eigene Grenzen und Bedürfnisse zu überschreiten bzw. nicht zu erfüllen.

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            • Demnach ist die Interpretation von Myriade zutreffend.

              Der Satz ist in seiner Schlichtheit sehr poetisch und trifft beim Leser wohl genau den Nerv, den er treffen soll. Was mein Verständnis jetzt wieder über meine Sozialkompetenz aussagt… hmm.

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  2. Da ich auch älter werde…. (besonders dieses Jahr)…. kommt mir das „Geschehen lassen“ sehr bekannt vor. Ohne Anstrengung und unverstellt zu sein, ist wirklich eine der großen und schwierigen Lektionen. So denke ich mir das jedenfalls….. aber es kommen noch schwerere…. örks

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    • Mir scheint es mehr und mehr so zu sein, dass das Leben nur aus Lektionen besteht. Jede Stufe bereitet auf die nächstschwierigere vor. Beinahe wie bei einem Geschicklichkeitsspiel.
      Wenn Du dieses Jahr noch älter wirst, dann bist Du ein Dezemberkind?

      Ich wünsche Dir und dem Mann und dem Fräulein wunderbare Feiertage auf Eurer Insel!

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  3. An Zimmern (den Schreiner in Tübingen)

    Die Linien des Lebens sind verschieden,
    Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
    Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
    Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

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  4. Ein ganz wunderbarer, verdichteter Text, geht mir unter die Haut und fasst mich an, hab Dank dafür! Ich bin gern bei Dir zu Gast, liebe Tikerscherk und ich wünsche Dir gute Tage und glänzende Nächte, es soll Dir gut ergehen und Du mögest behütet und beschützt sein vom Großen göttlichen Geheimnis! Viele liebe Grüsse zu Dirvon Margarete/ Graugans

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  5. Das Bild birgt etwas vom Geist der alten japanischen Meister. Wenn das Wort nicht so abgedroschen wäre, würde ich auch den Text als besinnlich bezeichnen wollen… mit allen Sinnen Erkenntnis erlangen, wie es ja irgendwie Deine Art ist, wenn ich mich nicht gänzlich täusche. Du weißt, wie sehr ich das mag… ich denke an Dich.

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    • Ich dachte mir, dass Dich das Bild ansprechen würde. Es strahlt eien souveräne und klare Ruhe aus.

      Und Du irrst nicht. Ich erfasse alles zuerst einmal mit den Sinnen und verstehe es auch mit diesen. Der Verstand kommt erst sehr viel später, meist in der Rückschau zum Einsatz. Das ist nicht immer hilfreich, aber nicht zu ändern, und dass Du es magst freut mich wirklich sehr.
      Ich wünsche Dir schöne Feiertage mit den Deinen und mit Kafka!

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        • Das, wenn ich es noch wüsste! Das Bild liegt in meinem Commons-Ordner, unter der Rubrik „ohne Einschränkung“. Es ist von einem US-amerik. Künstler, entstand Mitte des 19. Jh, daran erinnere ich mich noch.Hab leider versäumt den Namen zu notieren.
          Über Google-Images solltest Du es finden. Falls nicht, gib bitte Bescheid und ich werde nochmal nachforschen.

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  6. Vom Stil her hat es mich sehr an John Ruskin erinnert, einen bedeutenden englischen Kunstgelehrten und Zeichner aus dem 19. Jahrhundert, dessen Zeichnungen mich in ihrer Mischung aus Akribie und improvisiert wirkender Lockerheit schwer beeindrucken. Werd mal recherchieren.

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