mit Biss

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Als Raucherin war ich mir sicher, dass meine alljährliche, hartnäckige Wintererkältung nicht vom Nikotinabusus herrührte. Als Nichtraucherin glaube ich das Gleiche von meinen sporadisch auftretenden, federleichten Infekten.
Eigentlich ist es ja auch keine Erkältung, sondern eher ein bisschen Fieber mit Nebenhöhlen, Zahnschmerzen und vor allem Abgeschlagenheit. Das dringende Bedürfnis zu ruhen, zu liegen, zu delegieren und dabei auf gar keinen Fall zu denken und zu sprechen, nicht mal albernes Zeug. Termine absagen und meinen Wundertee aus Ingwer, Chili, Knoblauch und Zitronensaft zu trinken, der auch den Einen (der als Raucher ebensowenig an nikotinbegünstigten Infekten erkrankt wie ich) beeindruckt und überzeugt hat. Das will schon was heißen, denn der Eine gehört zu der Sorte Mensch, die auf gar keinen Fall Medikamente nehmen. Nichts, was irgendeinen Zweck verfolgt, als den reinen Genuß und auch diesen nur selten übermäßig ausufernd. Selbst großflächige Verbrennungen, zugezogen beim Kaffee-Aufbrühen, werden klaglos ausgehalten und konsequent nicht behandelt. Ob das Heldentum oder Sturheit ist, weiss ich noch nicht. Gehört vielleicht beides zusammen.

Kein Held ohne Biss,
kein Burschenschafter ohne Schmiss
,

reime ich frei aus meinem vernebelten Kopf heraus und merke, dass es schon wieder Zeit wird ins Bett zu gehen. Doch ehe ich mich auf meine brandneue, superbequeme Matratze zurückziehe um von dort weiter die Welt zu regieren, möchte ich die geneigte Leserschaft, im Rahmen meiner krankheitsbedingten Zutraulichkeit, noch an zwei, für sie möglicherweise völlig uninteressanten, Gedanken teilhaben lassen, die mir gestern beim Einschlafen durch den Kopf gingen.
Der Erste: anderswo in der Welt ist gerade Monsun, während wir hier in den gemäßigten Breiten so eine Art Winterfrühling erleben. Ach, wenn es doch in viel mehr Dingen so gemäßigt zuginge! In der Liebe, in der Politik, in allem am Besten. Ein leises Plätschern, statt der großen Brandung. Der beschauliche Bach, statt des tosenden Wasserfalls. Wie wäre das? Das Leben wie eine Audio-CD, der die Spitzen, die Höhen, der Körper eines Konzertereignisses fehlen. Immer schön in Ruhe, im Gleichmaß und niemals sich überschlagend. Gemäßigt eben. Würde mir das gefallen? Was wäre mein Leben ohne all die Katastrophen? Wer wäre ich dann, vor allem?
(Hier endet der Gedanke. Zu hypothetisch, zu umfassend, zu existenziell für jetzt und überhaupt).

Der Zweite: gestern erreichte mich die Mail eines sehr geschätzten Lesers, mit dem ich ab und an einen bereichernden Gedankenaustausch pflege. Er fragte mich, wie eigentlich der Eine damit umgehe, dass ich von einer Katastrophe in die nächste stürze. Wie hat er es ausgehalten, als ich meinen Herzstillstand hatte?
Ich weiss es nicht. Sowas hält man wahrscheinlich aus, weil man muss. Ohne Strategie. Mit Biss (und mit Liebe). Die naheliegendste Reaktion, irgendwann den Hinterausgang zu nehmen, hat er heldenhafterweise bis jetzt nicht gewählt, und beschwert hat er sich auch nicht.
Nicht über die großen Dinge jedenfalls, eher über die kleinen.

 

 

 

 

 

26 Kommentare zu “mit Biss

  1. Der Eine hat sich NICHT über den Herzstillstand beschwert? Das sollte er aber, damit es sich nicht wiederholt. Genörgel über die kleinen Dinge hingegen sollten unterbleiben.
    Schlage weiter, Herz, durch alle Grippen und Monsune hindurch und gib viel Anlaß zum Bleiben….

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    • Schön gesagt, summa!

      Um weitere Herzstillstände zu verhindern, hätte er vielleicht dem Notarzt ins Gewissen reden sollen, der Eine. Genörgel über kleine Dinge buche ich im Allgemeinen unter liebevoller Fellpflege oder unter Notwehr ab. Wenn´s zu arg wird nörgeel ich mit voller Wucht zurück. (Unter uns: ich nörgele mehr als er).

      Mein Herz verrichtet wacker seinen Dienst und schlägt zuverlässig für mich und für die Liebe

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  2. Letzten März wühlte ich im Gartenboden und staunte über den gezielten Griff, mit dem ich eine Erdkröte in Händen hielt. Unlängst – naja, im September – beim Abriss der Garage… dasselbe Spiel.. ich wühle und rupfe und oops…sitzt das dicke, goldige Ding auch schon auf der behandschuhten Hand. Die letzten Tage überwiegt mein Bedürfnis nach Schlaf. Irgendetwas hat die fehlende Schneedecke über meine Synapsen gezogen, auf dass es mich nur noch mit einem halb gelupften Auge auf mein Umfeld blicken lässt.

    Das_selbe in grün wie bei Ihnen… da wird zur Kenntnis genommen, dass die Hand verbrüht, die Zahnwurzel leicht angeschwollen, die Bandscheiben aufmüpfend gesprungen ist, dass die Nasennebenhöhlen und auch die Stirnhöhle verstopft sind. Leidenschafts- wie beinahe schmerz-los. Es ist egal. Einfach nur die Decke über die Nase und die Augen ziehen und entschwinden und aufwachen, wenn die Sonne das Sein kitzelt und vorwitzige Knospen leise kichern. Wahrscheinlich war.s die Kröte und nicht die Lerche. Die hat mich in den Winterschlaf gehext. Naja, oder so ähnlich.

    Gute Besserung, Frau Tikerschek! ..und lieben Gruß

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    • Ich bin nicht so tapfer wie Sie oder der Eine. Nicht bei den kleinen Malaisen. Da jammere ich gerne und stelle mir die fürchterlichsten Krankheiten vor, die sich hinter diesen ersten, scheinbar harmlosen Symptomen verbergen.

      „Die Kröte und nicht die Lerche“ :)

      Vielen Dank, es hat geholfen.

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  3. Liebe Tikerscherk, zu Deinem ersten Gedanken des gestrigen Tages: Ich wünschte, es wäre so. Viel mehr Gleichklang in der Welt, Ruhe miteinander, untereinander… Es bedrückt mich mehr und mehr zu sehen, wie die Welt immer mehr aus den Fugen gerät. Hierin spielt für mich keine Rolle, ob es immer schon so war, ob die Welten immer schon miteinander gekämpft und gerungen haben. Früher hatten sie Säbel. Heute genügt ein einziger Knopfdruck, der alles zerstört. DAS ist es im Grunde, was mir in Bauch und Kopf herumgeht.
    Natürlich wünscht sich ein jeder, dass er in Not und/ oder Krankheit nicht allein gelassen wird. Vorstellen könnte ich mir auch, dass es für viele Partner eine Selbstverständlichkeit darstellt. Dass sich diese Frage gar nicht stellte (oder stellen dürfte). Vor 13/14 Jahren litt meine damalige Schwiegermutter an Krebs, der Schwiegervater hat sie jeden, wirklich jeden Tag in der Klinik besucht. Bis die Schwestern eines Tages zu ihm sagten, dass sie seine Kraft und seine Stärke bewunderten: „Es wird nirgendwo so oft verlassen wie auf einer Krebsstation.“
    Abgesehen von der ja nicht lebensbedrohlichen Schmerzerkrankung, die aber doch mitunter recht großen Einfluss auf mein Leben hatte (bis ich lernte, mich zu arrangieren damit), bin ich vor Jahren nach einem schweren Verkehrsunfall verlassen worden. Begründung: „Jetzt habe ich gesehen, wie schnell das gehen kann, jemanden zu verlieren. Das halte ich nicht aus.“
    Es sind viele „kleine“ Bausteine, die mich gelehrt haben, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. Und umso dankbarer bin ich für das, was ich im Leben (bekommen) habe.

    Gefällt 3 Personen

    • Mehr Gleichklang und Ruhe, das wünsche ich mir auch.
      Was Du da erzählst, der Freund, der Dich vorbeugend verlässt, um Dich nicht irgendwann ganz zu verlieren, erschüttert mich. Das muss man erstmal aushalten.
      Wahrscheinlich werfen einen diese Erfahrungen auf die wesentlichen Dinge zurück. Dankbarkeit für das, was man hat, ist eine gute Haltung. Andere wären verbittert, nach Deiner Erfahrung und durch ständigen Schmerz.
      Ich bewundere Dein positives Denken.

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  4. Seit ich nicht mehr rauche ist die Krankheit wesentlich, also schon – besonders bei kalten Füßen – quasi und das besonders im Hals vor vorher die Luftröhre anderweitig beschäftigt war.
    Noch vor den Winterreifen wird eine passive Umschalung des zwischen Kopf und unten befindlichen Körperteils zur Pflicht. Wobei entstehendes Barthaar durchaus flanierend wirkt. Besserung und täglich eine Zwiebel.

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