Zärtliche Polizisten

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Im Briefkasten liegt ein Benachrichtigungsschreiben für ein Paket aus Usbekistan. Abholbar bei der hiesigen Zollbehörde innerhalb von 10 Tagen, Lagerungsgebühr 50 Cent daily. Ich schaue auf den Kalender und stelle fest, dass ich schon ziemlich lange nicht mehr nach der Post gesehen haben muss, denn übermorgen geht das Paket bereits zurück. Angeblich per shipping.
Wie soll das denn gehen? Welches Meer könnte das sein?
Ein Blick in die Wikipedia und ich lerne, dass Usbekistan nicht bloß ein Binnenstaat ist, sondern sogar ein Binnenstaat inmitten von Binnenstaaten. Nur Liechtenstein (nicht Roy) ist ebenso binnig in der Welt unterwegs. Ein bisschen kann man sich das vielleicht vorstellen, wie eine Kapsel in einer Kapsel, oder ein innenliegendes Bad n einem fensterlosen Bunker, nur halt ohne Deckel oder Decke und natürlich viel heller, also doch irgendwie ganz anders, aber binnen durch und durch.

Usbekistan hat also, wie ich schon ahnte,  gar keinen Meereszugang und shipping ist deswegen nicht.
Überhaupt sieht es bezüglich Wasser ziemlich mau aus in dem zentralasiatischen Staat. Ein Großteil der Flüsse führt kaum noch Wasser und wenn das so weiter geht, lese ich, kann man in in absehbarer Zeit nicht mal mehr auf dem Aralsee herumschippern, dessen südwestlicher Teil sich im Nordosten des Landes befindet und dessen Austrocknung immer weiter voranschreitet. Bald wird es dort nur noch Wüste geben, die mit Kamelen zu durchqueren sein wird, nicht aber mit Frachtern. Und Schuld daran sind allein die Russen. Die haben nämlich damals zuviel Wasser aus dem See entnommen und damit ein ökologisches Desaster angerichtet. Das Einzige was heute und für die Zukunft vielleicht noch helfen könnte den Aralsee zu retten, wäre das gezielte Abregnen-lassen großer Wolken. Darunter litten dann allerdings die umliegenden Binnenländer. Eines davon ist (im Süden) Afghanistan.
Wenn ich an Afghanistan denke, habe ich gleich viel deutlichere Bilder und Vorstellungen im Kopf als zu Usbekistan, über die ich mich jetzt und hier nicht auslassen möchte.

Ähnlich muss es dem Zollbeamten ergangen sein, der, nachdem ich ihm das Benachrichtigungsschreiben und meinen Ausweis vorgelegt habe, alles gründlich prüft und mich mit strengem Blick fragt, was ich denn ausgerechnet aus Usbekistan erwarte und was genau drin sei in dem Paket.
Ich kläre ihn auf, dass es sich bei der Sendung um Frauenzubehör handelt und bilde mir ein in seinen Augen ein abwinkendes, War ja klar, zu lesen.
Das Interesse des Polizisten an mir und meinem Paket erlischt augenblicklich, er händigt mir eine Wartemarke aus und bedeutet mir Platz zu nehmen.

Nachdem ich einen schlechten, zuckersüßen Automatencappucino geschlürft und mir die Vitrine mit den durch Einfuhrverbote belegten Waren angeschaut habe (z.B. Schildkrötenpanzer), wird meine Nummer angezeigt. Ich darf die einzige Tür an der Stirnseite des Raumes öffnen, die in einen riesigen Saal mit grauem Linoleumboden führt, dort zu dem hintersten Schreibtisch gehen, wo mich ein freundlicher Beamter erwartet, vor seinen Augen den zugenähten und mit mehreren Siegeln verschlossenen Leinensack, auf dem mein Name steht, mit einem Teppichmesser öffnen und ihm die Ware vorzeigen.

Was ist das für ein Material? will er wissen.
Kaschmir, antworte ich.
Ob er mal anfassen dürfe.
Gerne.
Er fährt mit der Hand ganz vorsichtig über die schwarze Wolle, als handele es sich um ein scheues Tier und schaut mich dann an.
Das ist aber nicht besonders weich, in seiner Stimme schwingt Enttäuschung mit.
Das wird noch, beruhige ich ihn und mich gleichermaßen, nach dem ersten Waschen, so wie der Schal hier.
Aus einem unkontrollierten Impuls heraus greift der Mann über den breiten Schreibtisch hinweg zu mir herüber, nimmt einen Zipfel meines Schals zwischen Daumen und Zeigefinger und prüft die Weichheit der Wolle mit konzentriertem, in die Ferne gerichteten Blick. Dabei streichelt er, sozusagen en passant, mit dem Handrücken ganz sachte über mein Kinn.
Das ist weich, sagt er und sieht so selig aus, als hätte ich ihm einen großen Wunsch erfüllt. Zur Belohnung darf ich mitsamt meines Paketes das Zollamt durch den Haupteingang verlassen und muss nicht, wie alle anderen, wieder in den Wartesaal zurück und dann erst über den Seiteneingang ins Freie treten.

Ich gehe zu dem Parkplatz vor dem Haus, lasse den ganzkörperschwanzwedelnden Hund aus dem Auto, lege ihr den Maulkorb an und drehe eine kleine Runde durch den angrenzenden Volkspark Wilmersdorf.
Eigentlich mag ich an Polizisten nur ihre Uniform, denke ich und schaue in den abendlichen Himmel, aber dieser hier war wirklich sehr sehr niedlich.

 

 

 

 

Bild: „Zentrale Unterstützungsgruppe Zoll – Beamter (1)“ von High Contrast – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 3.0 de über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zentrale_Unterst%C3%BCtzungsgruppe_Zoll_-_Beamter_(1).JPG#/media/File:Zentrale_Unterst%C3%BCtzungsgruppe_Zoll_-_Beamter_(1).JPG

29 Kommentare zu “Zärtliche Polizisten

  1. Du schreibst Dir aber auch manchmal ein Zeuch zurecht! Und dann wieder diese Uniform-Macke. Sehr, sehr schön :-D
    Shipping könnte aber immerhin noch ein Zeppelin oder ein Ballon sein. Eine Gasblase mit einem Weidenkorb darunter, der nur auf den richtigen Wind wartet, um im Äther mit der Kaschmirwolle nach Usbekistan zurückzuschwimmen.
    Ja, ich weiß: Ballons fahren. Aber nicht im Luftäther. Und nun hast Du ja Deine Wolle und die Kamel-Karawane bring noch viel mehr von Samarqand nach Nischapur, über Bagdad nach Aleppo und Angora und dann zur Post.

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    • Ach, ein Zeppelin, voller Matrosen, die mir das Ersehnte bringen, das wäre schön!
      Es handelt sich bei dem Frauenzubehör übrigens nicht um schnöde Wollknäuel, sondern um handwerklich verarbeitetes Kuschelgarn, in Form eines körpernahen, knöchellangen superschmiegsamen Rockes, den ich zu und zu gerne vom Kapitän des Luftschiffes persönlich in Empfang genommen hätte.
      Du regst Phantasien an… seufz.

      Gefällt 2 Personen

  2. Schöne Geschichte vom nach Kaschmirzärtlichkeit sich sehnenden Zollbeamten. Und obwohl Shipping ganz banal jede Art von Transport bezeichnet – da braucht’s kein Schiff dafür – ist der Gedanke sehr schön, dass der weiche Kaschmir per Schiff anreist. Übrigens ist die usbekische Botschaft fast bei mir um die Ecke (und auf die tadschikische kann ich von meinem Fenster aus schauen).

    Gefällt 1 Person

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