Sandy Ego

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Wir sitzen vor dem Hangar und schauen ins Feuer.
R. schichtet mit einem langen Stock die Holzscheite um. Mit der anderen Hand legt er die Flasche auf seine vorgeschobene Lippe, neigt sie ein wenig und lässt etwas Bier in seinen leicht geöffneten Mund laufen, gerade soviel, dass die Flüssigkeit ans Zäpfchen flutet und den Schluckreflex auslöst. Die Flammen tanzen in dem grünen Glas.

Früher waren alle Bierflaschen braun, denke ich, und die Weinflaschen waren noch kegelförmig. 

– Vergangene Woche soll eine Frau in der Nähe vom Hangar vergewaltigt worden sein, nachdem jemand ihr etwas in den Drink geschmissen hatte.

– Wer lässt auch sein Glas unbeaufsichtig rumstehen?

Krass finden es aber dann doch alle. Ich glätte meinen Wellengang indem ich an meine Großmutter denke. Das wirkt fast immer.

/

Ich sitze auf einem Betonpoller bei der Rettungstelle. Neben mir steht ein Aldiltüte voller Bierflaschen. Vor den Augen des Pförtners trinke ich mich Schluck für Schluck in den Vollrausch, heule zwischendurch und warte darauf, dass man mich herein bittet. Irgendwann sind alle Flaschen leer, meine Nase vom Rotz verklebt und die Alditüte liegt zu meinen Füßen.
Inzwischen ist es dunkel, aber immer noch sehr warm. Drinnen heimelt die Neonbeleuchtung professionellen Ernst. Emergency.
Als erstes muss ich die Ärmel hochkrempeln.
Ich bin kein Junkie!
Unter den Verbänden das Haus vom Nikolaus in allen Größen. Die Haut brennt.
Ich kann es immer noch nicht, höre ich mich lallen.
Meine Zunge ist schwer doch tief in meinem Ohr ist es hell und aufgeräumt, ein Raum aus weißem Wachs.
A
ber besser als vorher. Dann fange ich wieder an zu heulen.

– Wollten sie Selbstmord begehen?

Auf gar keinen Fall, sonst wär ich doch nicht hier. Deswegen bin ich ja hier. Kein Selbstmord. Seh ich so aus?

Niemand lacht oder lächelt auch nur.

Das Verhältnis vom Himmel zur Erde stimmt nicht. Es muss mehr Himmel als Erde sein, denke ich. Viel mehr Himmel, damit die Erde nicht so schwer ist. So, wie in New Mexico, wo der Himmel erdrückend und groß war.

Ich erinnere mich an den Mann, der im Schneidersitz am Strand von San Diego (Sandy Ego) saß und auf seiner uralten schwarzen Schreibmaschine heraumklapperte. Unter Einsatz seiner gebräunten Arme mit dem goldenen Flaum tippt er auf der Maschine herum und hinter ihm, auf der Promenade, gleiten die Inlineskaterinnen, mit ihren langen Beinen und den extrakurzen Shorts, vorbei und der Mann performt weiter mit seinem athletischen Kreuz und dem Gesicht zum Meer. Es reicht ihm, zu wissen, dass man ihn sieht. Er muss nicht sehen, wie er gesehen wird. Er spürt das und haut es in seine Maschine:
Sie schauen mich an. Ich spüre ihre Blicke im Rücken und aus dem Pazifik vor mir blicken tausend Augen auf mich. Nachts kommen die Haie und warten auf weiße Beine und Hüften und Brüste. Wenn sie zubeißen drehen sie ihre Augen nach hinten, ganz so als wollten sie das Sterben nicht sehen. Sie müssen es nicht sehen, es reicht ihnen, wenn sie es schmecken.

An einem Tag fahren wir rüber nach Tijuana. Das Auto müssen wir an der Grenze lassen, so steht es im Vertrag. Am Morgen schaue ich aus dem Panoramafenster im 7. Stock. Eine Boeing steigt auf in den rosablauen Himmel. Summend betrachte ich meine Schlüsselbeine im Spiegel.

 

 

 

 

Mein Beitrag zum txt-Projekt, das fünfzehnte Wort (Tanz)


Bild: https://www.flickr.com/photos/portalfab/21784284058/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

 

 

 

5 Kommentare zu “Sandy Ego

  1. Sag mir bitte, wer der Mann am Strand von San Diego ist. Ich will da nicht raten und denke doch, man kann (es er-)raten.

    Und vielleicht auch, ob man den Dritten Abschnitt, den mit diesem Mann nicht möglicherweise mit einem „=“ oder irgendwie anders hätte abtrennen müssen? (können?). Du hast es nicht getan.

    Denn ich suche noch irgendwie nach dem Mittelpunkt, um den sich dieser Tanz dreht.

    (Was nun ganz und gar keine Kritik darstellen soll!)

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    • @ Joachim

      Ich weiss nicht, wer der Mann am Strand ist. Was denkst Du, wer es sein könnte? Und weiter: weshalb hätte ich den dritten Abschnitt in Anführungszeichen setzen sollen wie ein Zitat?
      Es ist kein Zitat. Es sind Gedanken, die ich habe. Erinnerungen, die mir während Abschnitt zwei in den Kopf kommen.
      Der Tanz geht nicht im Kreis herum. Er ist linear, es sind Perlen auf einer Schnur. Schwarze Perlen. Schön und geheimnisvoll.
      Zeilentiger trifft es mit dem Tanz der Göttin Kali ganz gut.

      Du kannst mich gerne kritisieren, auch wenn der Inhalt meiner Geschichten davon nicht unberührt bleiben muss. Über die Form spreche ich hingegen wirklich mit Freude, solange es konstruktiv ist.
      Und erklären tue ich alles, was ich kann. Mit Freude.

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