Stundenglas

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Was machst du eigentlich den ganzen Tag?
Diese Frage stellt Frau Brüllen jeden Monat auf´s Neue, und ich glaube, ich mochte sie bislang vor allem deswegen nicht beantworten, weil das minutiöse Auflisten meiner Verrichtungen mir beinahe so zwanghaft vorkommt wie Kalorienzählen und mich dadurch an meine (vor langer Zeit überwundenen) Essstörungen erinnert.
Zum anderen graut mir ein wenig davor das Verrinnen der Zeit sichtbar aufs Papier zu bringen, einzutragen, wie in ein Haushaltsbüchlein, in dem sämtliche Ausgaben vermerkt werden. Nur Einnahmen gäbe es in diesem Falle leider keine, es sei denn, man interpretierte Zeitersparnis als Zeitgewinn und versähe diese mit einem Pluszeichen.

Was, um auf´s Thema zurück zu kommen, mache ich denn nun den ganzen Tag, was auch nur irgendwie erzählenswert sein könnte? Das wusste ich schon als Kind nicht so genau, wenn ich, zum Beispiel, einen Brief an meinen Großvater schrieb. Und weil mir das meiste, was mich betraf irgendwie wichtig vorkam, erzählte ich ihm kurzerhand so ziemlich alles, was ich erlebt hatte und was mir dazu in den Sinn gekmmen war.

Und so will ich es auch heute halten:
wenn ich also nicht schlafe, dann mache ich Sachen. Und viele dieser Sachen haben im Augenblick mit meinem, immer noch kranken, Hund zu tun. Zum Beispiel 5 mal am Tag Spezialfutter anrühren und 4 Mal am Tag Medikamente geben. Zuerst Antramups, dann Metimazol. Was auf mups endet, denke ich mir, wird schon nicht so besonders giftig sein und bestenfalls neutralisiert es sogar die Schädlichkeit des -zols.
Dann aber lese ich, dass sich hinter Antramups nichts anderes verbirgt als der Wirkstoff Omeprazol, den auch ich manchmal gegen Magen nehme. Und Omeprazol, so lese ich weiter, ist ein sogenannter Protonenpumpenhemmer. Ein was? Ja, ein Protonenpumpenhemmer. Da staunt man, wa? Ich jedenfalls hatte keine Ahnung, dass es überhaupt Protonen und Pumpen in mir drin gibt, womöglich sogar in direkter Nachbarschaft zu meiner Seele, der Unsterblichen.
Hier wird gepumpt, dort geliebt und mit ein bisschen weniger Protonenflow hat die arme Seele Ruh.
Mein Körper, so lerne ich, gleicht einem Maschinenraum, und wie Hirnforscher, die Popstars der Wissenschaft, heraus gefunden haben, ist unser Denkorgan tatsächlich durch die Anwendung von Magnetismus steuer- bzw. beeinflussbar. Einen Magnet aufs Gehirn gehalten, genau an die Stelle, wo religiöse Überzeugungen und Vorurteile wohnen, soll diese vorübergehend abstellen.
Ganz so einfach wird es schon nicht sein, aber so in etwa. Auf jeden Fall (de todos modos) birgt diese Methode viel Potenzial, das, in Verbindung mit Werbung und anderen Suggestionen, endlich den perfekten Bürger schaffen könnte.

Der kranke Hund kriegt also zwei mal täglich den Protonenpumpenhemmer, dessen einzige ernst zu nehmende Nebenwirkung Erblindung ist, was bei einem nasenorientierten Wesen, das ohnehin so kurzsichtig ist, dass es Fahrräder erst dann erkennt, wenn es bereits deren Reifen berührt, eigentlich ziemlich wumpe ist.
Mich hingegen hatte diese mögliche Komplikation zunächst abgeschreckt, denn die in meiner Kindheit durchlebte Erblindung hatte ich als sehr einschränkend und deswegen nicht wiederholenswert empfunden.
Dann aber sagte die Schwester, der Teufel schisse (Konjunktiv Präsens, 3. Person Singular) nicht zwei mal auf den gleichen Haufen, und auch, wenn sie in hier irrt, so höre ich diesen beruhigenden Satz doch immer wieder gerne.
Meine Schwester ist zwar wirklich keine Expertin in Glaubensfragen, dafür aber eine ausgezeichnete Ärztin. Ihre medizinsichen Empfehlungen treffen gemeinhin mitten ins Schwarze und mit Omeprazol aka Antramups war mein schmerzhaft geplagter Magen schnell kuriert. Jetzt tut das Mittel am Hund kleine Wunder und ich verabreiche es Töle nicht einfach nur zwei Mal am Tag, ich hoffe und glaube auch noch, was das Zeug hält an ihre Genesung und meide derweil Magneten.

 

 

 

 

Dieser Text entstand vor den Attentaten in Paris. Ihn gestern zu veröffentlichen kam nicht in Frage, weil ich angesichts einer solchen Katastrophe nicht derartige Banalitäten in die Welt tragen wollte. Auch heute, einen Tag später, hat sich daran nichts geändert. Ich habe es jetzt trotzdem getan, weil das, was geschehen ist, morgen und übermorgen noch genauso furchtbar sein wird.
Beim nochmaligen Lesen stellte ich fest, dass der Abschnitt über Religiosität und Magnetismus sich durch die Ereignisse ganz anders liest. Ich habe mich entschlossen den Text dennoch so bei zu behalten, wie er ist.

 

 

 

 

 

13 Kommentare zu “Stundenglas

  1. Pingback: Clara | die Schrottpresse

  2. Es spielt keine Rolle, ob Du „glaubst was das Zeug hält“. Wenn es dem Hund hilft, dann hilft es wirklich, da Hunde nichts von einem Placeboeffekt auch nur ahnen. Sei nett zu ihr (ich nnehme an es ist eine Hündin) und sie wird es Dir danken.

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    • Recht hast Du.
      Weder ich, noch mein Hund sind besonders gläubig.
      Möglicherweise leben wir unter einem guten magnetischen Feld.

      Es ist eine Hündin, ja. und so, wie ich mich um sie kümmere und sie betüttele, kann sie gar nicht nicht genesen.
      In kleinen Schritten geht es langsam bergauf.

      Gefällt 1 Person

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