Mitte Zwanzig

schpanking

Du magst das, wenn ich garstig über Andere rede, sagt der Eine, nachdem wir ein wenig über manchen Ausrutscher in der Blogwelt gescherzt haben und ich lache, denn irgendwie, ja, ich mag das. Manchmal. Nicht herabwürdigend, nicht bösartig, aber ein bisschen garstig, das gefällt mir. Souverän garstig, intelligent garstig, nicht so wie neulich der Kindsvater auf dem nächtlichen Mariannenplatz. Da streiten sich zwei Mittzwanziger, eigentlich streitet nur einer, drischt den Ball immer wieder hart gegen die Wand, die unberührt bleibt von allem, was er vorzutragen hat, das gemeinsame Kind, wie es unter der Trennung leiden wird, und lass es uns doch noch mal versuchen. Nein, das möchte sie nicht. Du Fotze, sagt er und sie zuckt nicht einmal mit der Wimper, und nochmal und nochmal, du Fotze, am Ende jeden Satzes, mit dem er die guten alten Zeiten und ihre Verantwortung und das Leiden der gemeinsamen Tochter herauf zu beschwören versucht. Doch er erreicht sie nicht mehr. Sie kennt das, ist es gewohnt, ist es leid und müde und für einen Moment fragt man sich, ob man zu Hilfe eilen müsse, doch das, was da zwischen den beiden passiert, wirkt so gewohnheitsmäßig brutal und abwertend, dass es keine Wunden mehr schlägt. Nichts rührt sich noch in der Frau, sie ist schon lange fertig mit ihm. Erkaltet. Der Mann weiss das, ahnt es zumindest und will es doch nicht wahrhaben; erschöpft sich beim Schlagen ins Leere, bei den vergeblichen Hieben mit stumpfem Schwert. Er weiss, dass der Kampf längst verloren ist, weiss auch, dass er selbst dafür verantwortlich ist, dass er jedes Gefühl, das da einmal war, zerstört hat, es nichts mehr gibt, woran zu appellieren wäre. Keine Liebe, auf die er sich berufen könnte und die auch er schon lange nicht mehr empfindet, wenn das, was die beiden einmal verbunden hat, überhaupt Liebe zu nennen ist. Er erträgt es einfach nicht, er verzweifelt über ihre gleichgültige Abgeklärtheit, ihr vollkommenes Desinteresse an ihm, nicht, weil er sie noch liebte, oder ihm an dem Wohl des Kindes gelegen wäre, auch wenn er immer und immer wieder versucht, sie in ihre Verantwortung als Mutter zu zwingen, wenn schon nicht meinetwegen, dann bleib wenigstens des Kindes wegen. Er kann es einfach nicht dulden, dass sie ihn verlässt, diese Fotze. Er trifft die Entscheidungen, er alleine, doch sie scheint das nicht zu kapieren, irgendetwas funktioniert nicht mehr in ihrem verblödeten Kopf. Was bildet sie sich ein, ihn einfach so runterlaufen zu lassen.
Ratlos und wütend geht er neben ihr her, redet ins Leere, holt tief Luft und nimmt noch einmal Anlauf, greift nach der schärfsten Klinge, das wird sie treffen, holt Luft und presst, ja japst es beinahe heraus, du hast es verdient: du, du Schlampenfotze! Fast möchte man lachen, über soviel verzweifelte Dummheit, während man zusammen zuckt und sich wundert, dass sie es nicht tut, weder zucken, noch lachen, vielleicht innerlich, ein mitleidiges Lächeln, weil er ein Würstchen ist, ein so jämmerliches kleines Würstchen, dass er einem beinahe leid tun könnte.
Leid aber tut einem vor allem die nicht anwesende Tochter und erschüttert ist man über diese grauenhafte Verrohung. Wie zwei Menschen, die das Bett miteinander teilten, sich die Liebe schworen und ein Kind zeugten, auf diese Weise miteinander umgehen. Wie ist das möglich. Die arme Tochter. Was für ein trauriges Leben.

Die Hunderunde ist vorbei, die beiden Mittzwanziger gehen weiter unter den nächtlichen Platanen spazieren, um die letzten, die abschließenden Dinge zu besprechen, ehe die Frau den Faden endgültig durchtrennen und für immer davon gehen wird.

Später am Abend liegen wir im Bett nebeneinander, ganz nah, und ich nehme seine Hand, während der Eine mir das alles erzählt und wir lachen darüber, dieses trockene beinahe verzweifelte Lachen der Hilflosigkeit und sind so froh, wie wir uns sind.

 

Bild: http://www.bighappyfunhouse.com/archives/07/04/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/

 

 

 

 

 

14 Kommentare zu “Mitte Zwanzig

  1. „…nachdem wir ein wenig über manchen Ausrutscher in der Blogwelt gescherzt haben und ich lache, denn irgendwie, ja, ich mag das. Manchmal. Nicht herabwürdigend, nicht bösartig, aber ein bisschen garstig, das gefällt mir. Souverän garstig, intelligent garstig,…“ och, jetzt fühle ich mich gleich angesprochen. „Ausrutscher in der Blogwelt“! Voll fiese, die lachen über mich….. :-)
    Aber mit dem Garstigen, da hast Du Recht: Nietzsche sagte über Heine, er habe „jenes Quentchen Boshaftigkeit“ in sich, ohne die er – also Nietzsche – sich „das Vollkommene nicht vorzustellen vermag“. So ist es.

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  2. Ein Blogeintrag nach meiner Fasson, wie rudernd in ähnlichem Fahrwasser! Besonders der Anfang, besonders das Ende! Es wärmt mir, trotz der geschilderten Verrohungen, mein Internettagebuchschreibherz!

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    • nein, kein Punkt, an den man jemals kommen möchte. Ich befürchte mit dem richtigen Maß an Spirituosen gibt es daür keine Altersbeschränkung.
      Zum Glück trinke ich keinen Alkohol und bin auch schon deutlich über Mitte Zwanzig.

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  3. Eine Verrohung der Beziehungen ist etwas schreckliches, besonders wenn Kinder davon betroffen sind. Ein Kind fühlt sich wehr wohl und geborgen, wenn die Eltern sich verstehen und lieben.
    Leider können manchmal die Beziehungen sehr verrohen, Das kann man hier so richtig mitfühlen!
    Thanks for sharing.

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    • Natürlich können Eltern nicht der Kinder wegen zusammen bleiben. Sie müssen sich auch nicht lieben und es kann auch mal krachen. Es gibt aber eine Grenze, die solte man mit keinem Menschen überschreiten, weil es würdelos und zerstörerisch ist sich derart zu beschimpfen.

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  4. Naja, man weiss das ja oft alles nicht, wie es denn nun wirklich ist. Vielleicht hat sie ja auch schon einen neuen Vater für die gemeinsame Tochter, seit einem halben Jahr? Da kann man schon mal austicken, auch als bestgewillter ‚Erzeuger‘, der man dann gerne schon genannt wird. Trennungen mit Mitte 40 sind zwar nicht zwangsläufig einfacher, aber jedenfalls deutlich reflektierter, mindestens in der Selbtsachtung oder eben der Selbstvernichtung. Dem gemeinsamen Kind können solche Details sowieso egal sein.

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    • Sie haben Recht und das Gleiche mutmaßten wir auch. Wahrscheinlich ist viel geschehen, bis der Vater derart ausfallend wurde und vielleicht hat die Frau ihm Anlass gegeben wirklich wütend auf ihn zu sein. Trotzdem. Das F-Wort?
      Ich mag es ebenso wenig, wenn Frauen die Väter ihrer Kinder nur noch Erzeuger nennen. Das ist vielleicht weniger vulgär, aber es ist viel grausamer und verletzender und herabwürdigender.
      Vielleicht habe ich gut reden, weil ich selbst keine Kinder habe und die Situaton deswegen nicht beurteilen kann, doch gibt es wirklich triftige Gründe derart respektlos miteinander umzugehen?
      Und ist es für die Kinder tatsächlich einerlei, wie die Eltern auseinandergehen oder miteinander umgehen?

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  5. Fremder Leute Differenzen interessieren mich nicht. Aber – gerade, wenn sie so laut ausgetragen sind – be.rühren sie mich. Ich mag das nicht. Die zunehmende Lautheit; die zunehmende Sprachlosigkeit, die kompensiert wird mit einer Fülle an Worten, die schärfer als Schwerter schneiden. Ich mag auch die Grenzüberschreitung nicht. Emotional in etwas hineingezogen zu werden. Berlin ist diesbezüglich für mich und meine mit den Jahren immer sensibler werdenden Antennen kaum ertragbar. Nur eine halbe Stunde auf den Straßen Berlins und ich fühle mich ausgesaugt als hätte ich 30 Stunden Hochleistungssport geliefert. Wildfremde Menschen, die einem ihr Leid entgegenspucken, beinahe feindselig, wie Gift, welches sich in die Seele einbrennt, um dort weiter zu gären.

    …und diese vielen, vielen, schrecklichen Worte. Diese Fülle entleerter Worthülsen, die deswegen umso spitzer und schneidender sein müssen. Nicht meins. Und so torkel ich auf meiner Gratwanderung zwischen angebrachter Abstumpfung, Ignoranz und Entsetzen. Zum Freuen gibt es ja nicht mehr wirklich viel. Aber ja doch… Ihren Blog, in dem die Worte wie Kinder liebkost in ihr Beitragsnest gepflanzt werden. Gefällt mir. Sehr!

    Gefällt 2 Personen

    • Gibt schon ziemlich viel Elend und Gebrüll auf Berlins Straßen. An manchen Tagen ertrage ich es nicht über den Kotti zu gehen, weil es mich derart runterzieht, an anderen funktioniert mein Lotoseffekt und das, was ich sehe bedrückt mich gar nicht, sondern interessiert mich einfach.
      Worauf ich immer mit beschleunigtem Puls reagiere ist, wenn Leute sich anbrüllen. Das setzt mir regelrecht zu.
      Ich kann verstehen, dass Ihnen dieses Pflaster viel Kraft raubt. Aber geht es ohne Berlin?

      Vielen Dank für die sehr freundlichen Worte zu meinem Blog- freut mich.

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