abverheit

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When too perfect lieber Gott böse

Nam June Paik

Ist das bei Ihnen eigentlich ein Dauerzustand, fragt der Dozent während einer Schreibübung.
Alle heben den Blick von ihren Texten, ich auch. Er schaut mich an. Er schaut tatsächlich mich an.
A. sitzt neben mir und ich spüre, wie ihr der Atem stockt. Ganz ruhig sitzt sie da. Ohne sich zu rühren.
Das Rascheln und Kritzeln und Räuspern hat aufgehört. Es ist still im Raum. Draußen parkt ein Auto ein, man hört das leichte Aufjaulen des Getriebes im Rückwärtsgang, dann ist es wieder still. Nur die Heizung gluckert leise.
Der Dozent schaut mich an und wiederholt seine Frage in dem charmanten Schweizerdeutsch, an dem ich mich in den letzten beiden Tagen so erfreut habe.

Ischt das bei Ihnän ein Daurzustand? will er wissen

Unwillkürlich richte ich mich auf und ziehe die Schultern zurück.
Zu meiner eigenen Verwunderung wird mir nicht heiß oder kalt, ich spüre weder Wut noch Ärger noch Scham. Im Gegenteil, ich bin derart verblüfft, dass ich so etwas wie eine belustigte Heiterkeit empfinde.
Wie er es wagen kann. Wie er so ohne mit der Wimper zu zucken seine Befugnisse überschreitet am hellichten Tag im Beisein von zwei Dutzend Menschen.
Auch ohne mich umzudrehen, weiss ich, dass alle Blicke im Raum auf mich gerichtet sind. Jeder ist gespannt, was jetzt passieren wird. Werden sie endlich hinter mein Geheimnis kommen? Werde ich etwas über mich preis geben?
Und ich enttäusche sie nicht.

Ja, sage ich, sieht so aus.

Dr. B schaut mich einen Moment aus seinen lustigen Augen an. Dann legt er den Kopf ein wenig zur Seite , senkt den Blick bedeutungsvoll und schwyzerdütscht

Da sind Sie ja ein ganz armes Schwein. Da werden Sie ja niemals jemanden finden, der so ist wie Sie. Da werden Sie ja immer allein bleiben.

Die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet.
In meinen Ohren fangen die Glocken an zu läuten, meine Kiefermuskeln verspannen sich und mir wird heiß.
Ohne nachzudenken, sage ich:

Da geht es mir nicht anders als allen anderen Menschen auf der Welt . Niemand findet jemanden, der so ist wie er. Und ich suche auch nicht nach jemandem, der so ist, wie ich.

Immer noch sieht er mich an, wiegt den Kopf hin und her, so sehr bezweifelt er, was ich eben gesagt habe, seufzt und richtet den Blick wieder auf sein Manuskript. Ganz so, als ob nichts gewesen wäre.

Ich habe etwas sehr wichtiges gelernt.

 

 

 

 

 

Die liebe Friederike hat eine Blogparade zum Thema „Ich war fremd“ initiiert. Dies ist mein (verspäteter) Beitrag.

Bild: Wikimedia Commons, keine Einschränkung

 

 

 

 

 

9 Kommentare zu “abverheit

      • Ja und mit der Belustigung und in etwa der Antwort (allerdings im Heidelberger Dialekt) auch von einem Dozenten. Das war sogar noch vor meiner Kopf-Operation,also dem Grund weshalb ich das mittlerweile bekomme, weil die Folgen offensichtlich sind. Die ICP mit der ich geboren bin (und in der Dozenten-Situation gemeint war) fällt nicht unbedingt auf (man sieht es, aber viele merken einfach nur da stimmt was nicht). In meiner Situation mit dem Dozent war damals noch amüsant, dass er den „armes Schwein“-Teil (bei ihm hieß der „da sind Sie ein Einzelstück“, aber das war in dem Kurs für gewöhnlich negativ konnotiert und er meinte es neutral bis positiv) eigentlich deshalb sagte, weil ich verglichen mit anderen Leuten, die etwas anders aussahen, gar nicht so aussehen wollte wie die die „normal“ aussahen und in unserer Situation wollte er ein bisschen darauf anspielen. Ich habe das aber zuerst nicht verstanden und noch gesagt Das wäre ja auch grausam, wenn es mich noch mal gäbe. Danach hatten wir ein ziemlich besonderes Verhältnis, er und ich.

        Das mit dem genauso gut in Worte fassen können: Ich danke. Früher hätte ich das vielleicht auch von mir selber gesagt, ich war lange Schriftmensch, dann kam das große Ende (Vollblockade oder ähnlich, es gimg irgendwann gar nichts mehr, nichtmal Einkaufszettel.). Seitdem lerne ich alles von neu. Aber es ist schön, dass meine Übungen da drüben offenbar nicht mehr so das große Straucheln sind.

        Gefällt 1 Person

  1. Zunächst mal Glückwunsch zum Foto und zum Zitat von Paik. Dann folgt dein stimmiger Text, der mich zunächst rätseln ließ, was denn genau bei dir der vermutete,von dir bestätigte und vom Dozenten gerügte Dauerzustand ist, permanente „Abverheit“? Ist was? Deine elaborierte Antwort in dieser stressigen Situation jedoch erhellt den Sachverhalt. Wonach ist es erstrebenswert zu suchen?
    Einmal hörte ich eine junge Frau über einen unglücklich verlliebten Freund sagen: Der Philipp ist so ein netter, lieber Mann. Kann der nicht einfach sein Gegenteil finden?“
    Sie meinte wohl „Gegenstück“ im Sinne der zwei Kugelhälften im Gleichnis von Platon. Aber ihr Versprecher ist näher an der Wirklichkeit. Ein netter, lieber Mann wird in der Regel ganz und gar nicht sein liebes, nettes Gegenstück finden. Es liegt wohl daran, dass die Chance, die 2. Kugelhälfte zu finden, recht gering ist, und daher geben die meisten zu früh auf und bescheiden sich mit ihrem Gegenteil.

    Gefällt 2 Personen

    • Das freut mich sehr, vielen Dank.

      Es fällt mir schwer an Gegenteile und Gegenstücke zu glauben. Was könnte das sein? Jemand, der mich in allem ergänzt, oder jemand, der in allem vollkommen verschieden von mir ist? Kann es so jemanden überhaupt geben?

      Ich glaube an Begegnungen, an das Verbundensein und an die Liebe, weil ich sie immer wieder erfahre.

      Inzwischen weiß ich, dass der Dozent allein von seinen Ängsten und Befürchtungen, von seiner Einsamkeit und seinem Narzissmus gesprochen hat.
      Sein Bedauern für mich war nichts als der Ausdruck seiner Ängste und seines Selbstmitleides. So spricht der Einsame und Unglückliche, der den Bezug zu seinen Mitmenschen derart verloren hat, weil er in allem immer nur sich sieht, dass er die unsichtbar verlaufenden Grenzen nicht mehr wahrnehmen, geschweige denn respektieren kann. Ein Weirdo.
      Damals wusste und verstand ich das noch nicht.

      Abverheit ist schwyzerdeutsch und bedeutet „misslungen, missraten“.

      Gefällt 5 Personen

      • Man muss sich ja selbst mögen, um jemanden lieben zu können. Aber jemanden wie mich brauche ich wirklich nicht. Den habe ich schon.

        Also lieber das Gegenteil oder das fehlende Stück, jemand der anders ist. Oder „Begegnungen und Verbundensein“. Das hast Du sehr schön und korrekt gesagt.

        Aggressionen haben sehr oft die Ursache im Aggressor und nicht in dem Angegriffenem. Irgendwann muss man sich das mal klar machen.

        Was wollte ich sagen? Nicht das es mich etwas anginge, doch ich frage mich, was Ischt bei Ihnän der Daurzustand?

        Ich sehe nun zwei Augen aufblitzen. Kluge Augen. Sach nix.
        (Grüße)

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