In another land

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Menschenströme, die sich durch Straßen wälzen und über Plätze schieben. Material für den Lauf der Zeit, für die Geschichte, die sie hervorgebracht hat. Soldaten. Ohne Bedeutung der Einzelne. Erfüllungsgehilfen (im Schraubgriff von Versprechen und Drohung).

Irgend jemand muss diese Kriege führen, den Regenwald abholzen und das Grundwasser vergiften.

Wir haben nicht gemerkt, als es geschah, wir wussten nicht, dass sich unter unseren Füßen und mit jedem unsere Atemzüge etwas wandelte und vollzog. Beinahe wie im Traum gingen wir über eine unsichtbare Grenze, ohne es zu wollen und ohne es zu wissen.
Nur langsam verstehen wir, dass sich etwas geändert hat, etwas eingeläutet wurde. Die Glocken der Geschichte, des Weltenlaufs. Auf der Schwelle zu einer anderen Zeit.
Die neuen Menschen sind schon da.
Welches Tor wird sich vor ihnen auftun und welche Wege werden sich ihnen zeigen?

We heard the trumpets blow and the sky
Turned red when I accidently said
That I didn’t know how I came to be here

Kann ich aus der Mitte einer Menschenmenge heraus fühlen wie groß sie ist?
Ob es eine Millionen Menschen sind oder sogar zwei oder mehr?
Macht es einen Unterschied für das Jetzt, ob wir noch 20 oder 50 Lebensjahre vor uns haben? Ist das nicht ganz gleich, wo wir noch nicht einmal wissen können, ob wir schon am Abgrund stehen oder nicht? Und stehen wir nicht immer auf der Klippe, weil unser Leben uns in jedem Moment wegbrechen kann, ganz ohne Vorwarnung?

Ist der Herbst denn nicht schön trotz und gerade wegen seiner Nachbarschaft zum Winter?

Die Ereignisse, die folgen werden, legen bereits ihre Schatten auf das Heute.
Ein ahnungsvolles, dunkles Raunen, das uns schaudern lässt, in ehrfürchtiger Erwartung.

Durchscheinend und zart ist die pergamentene Haut betagter Menschen. Ein Bald, (oder ein Noch?), das über allem schwebt und es so unendlich kostbar schimmern lässt. Ein Opal, so schön.
Der Vater, den ich so oft wie möglich sehen möchte. Auf Vorrat für den Rest des Lebens ohne ihn, für das Irgendwann (und mich streite mit ihm, weil ich es nicht ertrage, dass er nicht bleiben kann).

Kann denn nur der Sommer uns in Sicherheit wiegen und ist es am Ende Sicherheit und gar nicht Schönheit wonach wir suchen? Und sind Schönheit und Sicherheit nicht ganz und gar unvereinbar miteinander?
Sind im Gegenteil Unsicherheit und Vergänglichkeit nicht sogar die Grundvoraussetzung für Schönheit, und wird Schönheit durch die Wunden, die sie reisst, nicht zu etwas ganz und gar Schrecklichem und Furchteinflößendem, vor dem wir fliehen sollten?
Aber verlieren wir dann nicht unsere Freude und unser Leben?

(is there any any, is there none such, nowhere known some)

Werde ich mein Kind noch aufwachsen sehen, fragt G. die Oberärztin und diese fängt an zu weinen.

Es ist eine traurige Welt, in der wir leben. Eine Welt des Abschieds, des morgenroten Untergangs.
Eine Welt von unantastbarer, grausamer, gleichgültiger Schönheit.

 

 

Bild: Sascha Kohlmann, cc-Lizenz. appropriate attribution, https://www.flickr.com/photos/skohlmann/8843395517/in/photostream/

 

 

 

 

 

 

13 Kommentare zu “In another land

  1. Beauty is the essence of life. That’s been my belief all my life. Beauty is the essence of life. Beauty. You sum it up so nicely „Eine Welt von unantastbarer, grausamer, gleichgültiger Schönheit.“
    So true. Maybe beauty is just a vicious, vile disguise. I hope it’s not. I hope, but maybe it’s a lie.
    We’re so different, but your text is what I feel. Thanks so much.

    Gefällt 1 Person

    • Herzlichen Dank.
      Wahrscheinlich kennst Du diesses Gedicht?

      THE LEADEN ECHO

      HOW to kéep—is there ány any, is there none such, nowhere known some, bow or brooch or braid or brace, láce, latch or catch or key to keep
      Back beauty, keep it, beauty, beauty, beauty, … from vanishing away?
      Ó is there no frowning of these wrinkles, rankéd wrinkles deep,
      Dówn? no waving off of these most mournful messengers, still messengers, sad and stealing messengers of grey?
      No there ’s none, there ’s none, O no there ’s none,
      Nor can you long be, what you now are, called fair,
      Do what you may do, what, do what you may,
      And wisdom is early to despair:
      Be beginning; since, no, nothing can be done
      To keep at bay
      Age and age’s evils, hoar hair,
      Ruck and wrinkle, drooping, dying, death’s worst, winding sheets, tombs and worms and tumbling to decay;
      So be beginning, be beginning to despair.
      O there ’s none; no no no there ’s none:
      Be beginning to despair, to despair,
      Despair, despair, despair, despair.

      THE GOLDEN ECHO

      Spare!
      There ís one, yes I have one (Hush there!);
      Only not within seeing of the sun,
      Not within the singeing of the strong sun,
      Tall sun’s tingeing, or treacherous the tainting of the earth’s air,
      Somewhere elsewhere there is ah well where! one,
      Oné. Yes I can tell such a key, I do know such a place,
      Where whatever’s prized and passes of us, everything that ’s fresh and fast flying of us, seems to us sweet of us and swiftly away with, done away with, undone,
      Undone, done with, soon done with, and yet dearly and dangerously sweet
      Of us, the wimpled-water-dimpled, not-by-morning-matchèd face,
      The flower of beauty, fleece of beauty, too too apt to, ah! to fleet,
      Never fleets móre, fastened with the tenderest truth
      To its own best being and its loveliness of youth: it is an everlastingness of, O it is an all youth!
      Come then, your ways and airs and looks, locks, maiden gear, gallantry and gaiety and grace,
      Winning ways, airs innocent, maiden manners, sweet looks, loose locks, long locks, lovelocks, gaygear, going gallant, girlgrace—
      Resign them, sign them, seal them, send them, motion them with breath,
      And with sighs soaring, soaring síghs deliver
      Them; beauty-in-the-ghost, deliver it, early now, long before death
      Give beauty back, beauty, beauty, beauty, back to God, beauty’s self and beauty’s giver.
      See; not a hair is, not an eyelash, not the least lash lost; every hair
      Is, hair of the head, numbered.
      Nay, what we had lighthanded left in surly the mere mould
      Will have waked and have waxed and have walked with the wind what while we slept,
      This side, that side hurling a heavyheaded hundredfold
      What while we, while we slumbered.
      O then, weary then why
      When the thing we freely fórfeit is kept with fonder a care,
      Fonder a care kept than we could have kept it, kept
      Far with fonder a care (and we, we should have lost it) finer, fonder
      A care kept.—Where kept? Do but tell us where kept, where.—
      Yonder.—What high as that! We follow, now we follow.—Yonder, yes yonder, yonder,
      Yonder.

      Gerard Manley Hopkins

      Hier rezitiert von Richard Burton:

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