Dampfnudel

Stjärnhusen_7_Mars_2004
Meine Mutter lässt die Zeitung auf den Schoß sinken und schaut mich an. Ihr Gesicht ist verschwitzt, auf der Oberlippe stehen Schweißperlen.
Ihr Blick macht mir Angst. Und sie sagt: Kathe, ich muss dir etwas sagen, es ist etwas passiert.
Ich sitze im Schneidersitz auf dem Rasen und beobachte die Ameisen, wie sie über die Grashalme torkeln, immer in Eile, und ich bin froh keine von ihnen zu sein. So allein.
Mit beiden Händen greife ich ins Gras und halte mich daran fest. Gleich wird sie etwas Schlimmes sagen, das weiß ich.
Mir ist stumpf und schwerfällig und plump zumute, eine dicke Kartoffel, eine Dampfnudel in einem Setzkasten voller Fingerhüte und Zinnfigürchen. Etwas warmes, das sich ausdehnt, ungeformt und wertlos.
Solange ich sie nicht anschaue kann sie nicht weiter reden. Ich richte meinen Blick fest auf den Boden.
Kathe, ihr sanfter Ton ist alarmierend.
Es ist etwas Schlimmes passiert, sagt sie jetzt und die nackte Angst kriecht mir die Wirbelsäule hoch bis in den Nacken. Ich halte den Atem an, Tränen steigen mir in die Augen.
Es nützt nichts, sie spricht. Ich muss sie gar nicht anschauen. Sie spricht und sie sagt: Matthias ist tot.

Es brennt in der Nase, zwischen den Augen, im Kopf hinter der Stirn. Mir wird heiß und ich dehne mich aus.
Weil sie lügt. Es steht in der Zeitung, sagt sie. Sein Vater. Mit dem Brotmesser im Schlaf.
Die Presse lügt, hat jemand gesagt. Der Onkel oder jemand anderes.
Nachts im Schlaf, mit dem Brotmesser aus Liebeskummer. Sich selber konnte er dann nicht mehr und hat die Polizei angerufen. Später in der Zelle hat er sich am Fenstergitter erhängt.
Ich weine und ich weiss nicht warum, denn es stimmt ja gar nicht und ich fühle mich so schwer und schaue sie immer noch nicht an, wie sie schwitzt auf der Gartenliege.
Matthias ist der Beste im Schnell-Gehen. Mit kurzen Hosen. Matthias ist der Lustigste. Matthias ist mein Freund. Ich bin verliebt in Matthias, schon lange.

Sommerferien. Es ist heiß, die Ameisen torkeln über die Grashalme, meine Mutter hat Schweißperlen auf der Oberlippe und Matthias ist tot. Wegen der Freundin, die den Vater verlassen hat.
Ich werde ihn besuchen. Vielleicht in der Gerichtsmedizin oder im Krankenhaus, wenn es ihm besser geht.

Am ersten Schultag liegen Blumen auf seinem Platz. Ich hatte es vergessen aber die anderen Kinder wissen es und ihre Eltern kommen mit in den Klassenraum heute und stehen und schweigen neben seinem Tisch. Ich habe keine dabei, weil ich es nicht wusste und weil er ein Junge ist. Und die Lehrerin, die mit Vornamen Hortensie heisst und spitze Eckzähne hat wie Dracula, ist sehr blass. Ihre Arme hängen schwer am Körper herunter. Sie trägt ein dunkles Kleid mit gelben Rechtecken, wie erleuchtete Fenster in der Nacht. Wie New York.

Matthias kommt nicht an diesem Tag und im Krankenhaus ist er auch nicht. Er kommt das ganze Jahr nicht mehr und ich bin immer noch verliebt in ihn.

Er liegt jetzt unter der Erde zusammen mit seinem Vater.

 Bild: See page for author [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

 

8 Kommentare zu “Dampfnudel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s