Vergegnung

Orlacs_Hände_1

Was ich ihm damals wirklich übel genommen habe, was mich über die Maßen gekränkt hat, im ganz wörtlichen Sinne, war die Haltung seiner Eltern. Zu uns, zu mir und zu den nicht geborenen Enkeln.
Ich dachte, sie müssen doch nach dem Glück ihres Sohnes fragen. Ob er den richtigen Menschen an seiner Seite hat, und nicht sich selbst bedauern wegen eines zukünftigen Mangels.
Natürlich war es nicht seine Schuld. Vielleicht hätte er es mir auch einfach nicht erzählen sollen. Ich muss nicht immer alles wissen und seine Wahrhaftigkeit ging allein auf meine Kosten. Überhaupt: sein Hang zu großen Worten und Gesten. Schampus und Brillanten.
Ich will nicht, dass sie zu unserer Hochzeit kommen, habe ich ihm gesagt, denn ich wusste, dass das das Schwerste überhaupt für ihn war.
Seine Eltern standen ihm so nah und sie waren das, was man sich unter guten Leuten vorstellt. Aufrecht, gebildet und immer loyal zu ihren Kindern. Das waren sie und sind es sicher immer noch. Aber sie mochten mich eben nicht. Ich habe ihrem Sohn nur Unglück gebracht.
Als er ihnen am Telefon erzählte, dass er mit Jemandem zusammen ist, freuten sie sich. Wie schön, wer ist sie? Als sie erfuhren, dass ich es bin (ich schon wieder) musste dieses Enkelargument herhalten.
So stelle ich es mir vor. Es war nur vorgeschoben, gar nicht so gemeint.
So denke ich es mir und das entlastet mich. Wenn nur ich es bin, und nicht meine Kinder.

Ich erinnere mich an ihn, wie er mit breiten Schultern in einem weißen Hemd am Klavier sitzt und darauf herumklimpert. Imagine. Irgendeine Abschlussfeier seiner alten Schule, eine Aula, Holzboden und rote Wangen.
Damals war er knapp Zwanzig. Zwischen Mann und Welpe. Dick die Pfoten, groß der Kopf, ein wenig unbeholfen und kräftig und manchmal überraschend elegant. Sein ganzer Körper nur Muskeln und Sehnen. Nicht zuviel und nicht zuwenig davon.
Ich war sieben Jahre älter als er und er hielt mich für die schönste Frau der Welt. Wahrscheinlich war ich das auch.

Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihm gespielt hätte.
Ich konnte es nur einfach nicht besser, so wie die Dinge standen und so, wie ich war.

 

Bild: By Robert Wiene († 1938) [Public domain], via Wikimedia Commons

7 Kommentare zu “Vergegnung

  1. Bei uns waren es beide Mütter, die gegen unsere Ehe waren. Ihre Mutter wollte uns „totschweigen“ meine Mutter warnte meine Braut vor meinem Nichtsnutz! Niemand kam zur Eheschließung. Nun sind wir schon 59 Jahre verheiratet und die Liebe von damals hat uns für immer zusammen gehalten und dauert an. Eltern erlauben uns nicht eigene Fehler zu machen, Sie wollen „nur unser Bestes“.

    Über die Jahre haben sich unsere Mütter geändert.

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