You Only Live Once

Rohlfs_-_Der_Gestürzte,_ca._1913-14

Flüchtlinge soll man nicht mehr sagen, erzählt mir B. Sagt wer? Sagen die Linken, sagt sie, denn das ist irgendwie schlecht. Weil: Worte die auf -ling enden, so wie Schreiberling oder Mickerling Mist sind. Abschätzig.
Andererseits: Keimling, Zwilling, Zögling, Schößling (Schössling sagt der Duden, Kommt von schießen und nicht von Schoß. Eine weitere Entzauberung am frühen Morgen. Aus dem Schoße der Pflanze wuchsen sie bislang, die kleinen zarten Triebe. Jetzt schießen sie aus dem Stamm oder Stengel oder Stängel sogar, rücksichtslos und lebensgeil. YOLO!).

Neuling, Zeltling, um die Reihe fortzusetzen.

Flüchtling ist also falsch jezze, werde ich belehrt. Wer es ernst meint sagt Refugee und veranstaltet himmelsschrammelnde Hinterhofkonzerte für die ehemaligen Flüchtlinge. Klandestin, im Dunkeln, gegen Faschismus und Grenzen.
Die zufällig vorbei fahrende Polizei bleibt stehen, steigt aus, ohne Dienstmütze. Stehen sie da und kratzen sich am Kopf und hören immer nur Refugees welcome und die Gitarre wimmert und der Verstärker jault, aber zu sehen ist niemand, und stemmen die Hände auf die Hüften. Ratlos. Warte mal, noch nicht funken. Besucher der Veranstaltung werden von den Beamten abgefangen und bei der Einschätzung um Hilfe gebeten. Is dit wat künstlerischet? Ja, ja, brummel, nicknick, torkeln die Halskrausenbekifften von dannen.
Das ist doch bierernst und politisch und links dazu, denke ich, aber mich fragt ja keiner, muss an dem Hund an meiner Seite liegen, und die Bullen sind auch erstaunlich nett, man wundert sich, doch wo sind die Refugees?

In der Theaterwelt setzt sich mehr und mehr das Gendersternchen gegenüber dem gender gap durch, erzählt B. weiter. Sie weiß das, denn sie ist vom Fach. Küntler*innen treten da auf. Das Sternchen spricht sich als Pause und steht für all die anderen Zeichen, die dort noch eingefügt werden könnten (um sämtliche Geschlechter der Welt zu repräsentieren, denn wer nicht benannt werden kann, den gibt es gar nicht. Kein ding sei wo das wort gebricht.). Selbst der Friedrichstadtpalast kann das inzwischen. Zu lesen auf BVG-Bussen und in aktuellen Programmheftchen.

Der (dem) aufmerksamen Lesx wird nicht entgangen sein, dass ich weder über Flüchtlinge schreibe, noch gendere. Wer dahinter Desinteresse vermutet liegt falsch. Während die Genderdebatte mir tatsächlich nur (noch) ein müdes Achselzucken abringt, beschäftigen mich die massenweise Flucht und die ihr vorausgehenden und nachfolgenden, damit verbundenen Schicksale umso mehr.

Ich denke viel darüber nach, spreche mit Freunden und dem Einen, bin entsetzt über Heidenau, über Leichen in Transportern und über Ertrinkende (diesen Satz schreibe ich nun zum zweiten Mal. Anstatt ihn von weiter unten im Entwurf zu kopieren, tippe ich ihn Buchstabe für Buchstabe hier hinein, weil ein Unbehagen, ein Aberglaube mich davon abhält einfach zu kopieren und zu pasten. Nicht bei diesem Thema, hier mal nicht. Das nützt den Refugees sowenig wie ein Hinterhofkonzert im Dunkeln, wie es den Holocaustopfern nicht helfen wird, dass seit neuestem ein Wachdienst dafür Sorge trägt allzu ausgelassenes Treiben auf dem Stelenfeld zu unterbinden. Trotzdem: soviel Zeit und Anstand und Pietät muss sein. Wenigstens einen Satz doppelt schreiben, sich wenigstens am Mahnmal zusammen reissen. Überhaupt mal irgendetwas machen, und sei es nur die Tastatur bearbeiten, während im erstaunlich großen Mittelmeer weiterhin die Menschen, Kriegs- und Armutsflüchtlinge, ertrinken, landesweit Asylunterkünfte angezündet werden und in der S-Bahn auf osteuropäische Kinder uriniert wird).

Ich schaue sprach- und tatenlos zu.

Unter der Weltzeituhr am Alex verweilt eine Gruppe junger Frauen. Sie trinken Kaffee und lachen. Ihre langen Haare glänzen in der Sonne. Jede von ihnen hat eine Primark-Tüte in der Hand.
Milk kills, steht auf  dem T-Shirt der einen, Refugees welcome auf dem einer anderen. Darunter zeichnen sich ihre runden Brüste ab.

35 Kommentare zu “You Only Live Once

  1. Verstehe. Meist bin ich auch ohne Worte, nur manchmal wollen welche raus zu den Flüchtlingen. Die Genderdebatte geht mir ziemlich am A…. vorbei, ich halte sie für überflüssig, es gibt wahrlich Wichtigeres auf der Welt. Soso, „ling“ kommt also nicht gut an, na sowas. Immer diese Spitzfindigkeiten. Ach, sollen sich doch die Menschen an Äußerlichkeiten stören, wenn es ihnen Spaß macht und sie sonst nichts Wichtigeres zu tun und zu sagen haben. Deine drei letzten Sätze haben mir besonders gut gefallen – herrlich! :-)

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    • Die Genderdebatte hat aus meiner Sicht ihre Berechtigung. Sie scheint mir nur teilweise etwas aus dem Ruder gelaufen und gegen die Sprachpolizei habe ich inzwischen Allergiepickel entwickelt.
      Ist schon schön, wenn jede* achtsam im Umgang mit jede* ist. Noch toller finde ich es, wenn Menschen beherzt zugreifen. Tätig werden. handeln. Dazu gehört auch, nicht bei Primark etc. einzukaufen.

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  2. Ja! Und die drei letzten Sätze, ja!, Buchstaben lassen eben alles mit sich machen. Man kann sie sogar rund schreiben, um nicht anzuecken.
    Ich lass mir die Linglings nicht klauen. Stell dir vor, sie nähmen uns den Frühling. Außerdem bin ich selbst einmal Flüchtling [gewesen?] Bin ich jetzt nachträglich aberkanntes Kind?

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    • Du bist das, als was Du Dich empfindest, würd ich mal sagen. Flüchtling, Refugee? Das entscheidest Du ganz allein. Und wenn Du Dich Schmurkslschnaff nennst, soll mir das auch Recht sein. :)
      Ich befürchte die Flüchtlinge haben ganz andere Sorgen, als ein Suffix.

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  3. Refugee. Ich kratze die letzten Reste Latein zusammen. fugere – fliehen. Das Präfix re- wirkt verstärkend.
    Ist das besser, weil uns Amerikanisiertes ach so modern und lieb geworden ist? Oder wird damit das Problem weit weg auf eine Sachthemaebene gehoben, geschoben?
    Ich sammle gern Worte, mache Wortspiele. Jetzt sammle ich mal eine halbe Stunde -linge. ;-)

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      • Oh, ‚erwischt‘, da war ich unachtsam – diese Hübsche hatte ich beim tippseln garnicht (mehr) im Sinne (vom Exzess meiner sz-Schwäche hast Du mich im Übrigen geheilt).

        Nein, die andere war gemeint.

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      • Wovon Du mich befreitest, war mein Widerwille ob jeglicher Auslassung, worum es nun wirklich nicht schade sein sollte. Ein Greuel, welches, wie ich fürchte, lediglich Verdruß bereitete.
        Kein Verlust, vielmehr ein Gewinn, einer an (Lebens)Qualität. :)

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        • Wenn Dir der zunehmnde Verlust des sz kein Verdruß mehr ist, freu ich mich.
          Was aber sagst Du dazu, dass es inzwischen Gräuel statt Greuel heisst, wegen grau und Grauen und so?
          Irgendwann schreiben wir wie antiquierte Bornierte- ich freu mich drauf.
          Ich hätte zu gerne in einer zeit gelebt in der man Tierchen noch mit „Th“ schrieb.

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      • Gerade fiel eine ausufernde Antwort der „Entf“-Taste zum Opfer, wegen Unfähigkeit mich zu entscheiden. Ich bin in dieser Frage auf vielfältige Weise gespaltener Meinung (und selbst jene einerseits/andererseits zerfasern noch). Den Argumenten für und wider ‚Vereinfachung von Sprache‘ kann ich je einiges abgewinnen – mißtraue mir nachgerade deswegen! – und manches, was mich in gewisser Hinsicht regelrecht fuchsig machen kann, finde ich in anderem Kontext ungemein charmant und amüsant, bisweilen erhellend. Kreatives Verwenden von Kommata zum Beispiel.

        Wichtiger als die Frage wie ein Wort geschrieben wird (werden soll), scheint mir doch das Wissen darum, was es bedeutet. Und was dieses „bedeuten“ wiederum aufzeigt. Wenn die Schreibweise diesem Wissen förderlich ist, soll es mir recht sein. In diesem Sinne habe ich allerdings erhebliche Zweifel was die Rechtschreibreform(en) angeht.

        ***

        Nun, solange wir nur wie »antiquierte Bornierte« schreiben (und nicht denken!), bin ich mit Freuden dabei – wobei, wenn man bedenkt, wohin sich das ‚Denken‘ zu bewegen scheint, ist es vllt. nicht verkehrt, sich dieser Bewegung stur entgegen zu stellen, zumindest was bestimmte Werte angeht. (Um mal wieder zum Thema deines Textes zurückzukehren.)

        ***

        Thierchen, hach! Ob wohl die Betonung damals eine andere war? Auch das -ey statt ‚unserem‘ neumodischen -ei entzückt mich immer wieder, ohne daß ich es mir hinreichend erklären kann.

        (Was das Leben zu einer anderen Zeit angeht, würde ich mir dies nur wünschen, wenn ich wählen könnte wie es mir dort ginge, wie also die Umstände wären. Schrecklich unträumerisch, ich weiß.)

        Ohje, statt auf das Angebot zu plaudern einzugehen, habe ich mir wieder seltsame Gedanken gemacht. Sieh es mir bitte nach.

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        • Du nun wieder. Entschuldige Dich bitte nich für Deinen wunderbaren Kommentar. Er hat mir Freude gemacht.

          Mit der Rechtschreibreform geht es mir mal so und mal anders:. manches finde ich durchaus richtig, anderes wieder nicht.
          Wieso sägt eigentlich keiner die Groß-und Kleinschreibung ab? Fänd ich zwar doof, aber Gründe gibt es doch genug dafür.
          Wenn ich Thierchn denke, dann spreche ich das „h“ mit.
          Ey statt ei käme mir immer vor wie ein prolliger Ruf am Ende des Wortes. Ey!

          Mir ist es ganz gleich, wie man eigentlich schreibt. Für mich bleiben es Schößlinge und Thierchen. So frei sind wir, das genauso zu entscheiden wie bei den Kommata. Manche sind villeicht nach LEhrbuch nicht richtig, setzen aber da eine Pause, wo eine hingehört. Die Freiheit nehme ich mir. Tut keinem weh.

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      • Dein Kommentar hat nun mir viel Freude bereitet; garnicht mal, weil ich allem zustimmen würde („Ey!“ – wie kannst Du nur!1! (Ein Aspekt den ich so noch nie sah und der mich zum umdenken bewegen könnte. Zumindest was etwaige Verwendung hier angeht.)), sondern vielmehr, weil im Gesagten viel mitschwingt das mir am Herzen liegt. Mag sein, daß ich da (über)interpretiere – ein „wer-weiß?“ das mich immer wieder anregt und an das ich keine Erwartungen knüpfe. Auf die Schnelle verschlagworte ich das mal mit „Konzilianz in Freiheit“.

        Wie Du mit Konventionen brichst, ist ja nicht beliebig – auch wenn ich leise Zweifel hege, ob es wirklich niemandem weh tut. Aber kommt es denn überhaupt darauf an? Und: ‚Schmerz‘ kann durchaus gut sein – freilich muß er das nicht.

        So, ich hör dann mal auf, nicht, daß das noch in Lobhudelei ausartet. ;-)

        PS: Pausen-Komma: Genau so.

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        • „Konzilianz in Freiheit“ stimmt mich nun wieder froh, lieber Stony.
          Und gegen Lobhudelei hab ich nichts einzuwenden, solange ich spüre, dass sie ehrlich gemeint ist.
          Ich danke Dir also für Dein anregendes und erfreuliches Lob!

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  4. Und da hab ich -auch ganz vom Fach – gemeint zu lernen das Gender-gap sei nun hip, da es Platz schaffe für das was sich dazwischen sieht. Und bitte gendere in den Kommentaren richtig. Ich als Mann fühle mich mit „jede*“ nicht gewürdigt. Das macht mich traurig. Sehr sogar. So sehr, dass ich Milch trinken muß. Die eigentlich das Blutgeld eines armen Kalbs ist. Siehst du, wozu du mich treibst?

    So fängt Amok an.

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    • Es ist ja mal so: jedx darf sich als das definieren, was ex denkt, das ex ist oder sei oder wäre. Und das Sternchen ist der neue gap, das Synonym mithin, so wie Flüchtling und Refugee auch exakt das Selbx ist.
      Dass ich Dich in die Arme des Milchabusus und damit des Kälbchentodes getrieben habe bedauere ich. Andererseits: warum sollte es Dir besser gehen als mir. Alle Milchtrinkenden sind Mörder*innen.

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      • Die Endung mit x ist bescheuert. Also echt mal. Wie klein ist eigentlich das Ego der Menschen. . .
        Nur wollte es besser gehen will du sonst ja ein schlechter Mensch wärst, würdest du mir das dir zueigene Leid wünschen. Und das wollen wir ja nicht sein. Also schlechte Menschen. Milchtrinker eigentlich schon.

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  5. Vielen Dank für Deinen Beitrag. Im Angesicht der Ausmaße der Flüchtlingskrise , die Europa zu übermann scheint, ist ja die Diskussion über die Wortwahl fehl am Platz. Es ist durchaus richtig, dass Du die „…linge“ in Frage stellst, welche die „Lingelei“ abschaffen wollen.

    In Orwells Buch „1984“ beschreibt er, wie die Menschen dabei waren Worte zu verändern, in den Vor- und Schlusssilben einfach abgeschnitten werden.

    Ob es nun Flüchtling oder Refugee heißt, spielt doch überhaupt keine Rolle, denn schließlich „bleibt eine Rose eine Rose mit irgend einem anderen Namen“.

    Die Not dieser Menschen kann in Europa, und anderswo, gemildert werden.

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    • Auf diese glatte Eis mag ich mich gar nicht begeben.
      Weil mir das Thema nicht wichtig genug ist, obwohl ich durchaus gute Gründe sehe sich mit Sprache und ihrer Wirkung auf das Denken und Handeln auseinanderzusetzen. Ich sehe auch ein, dass die Diskussion um das Binnen-I seine Berechtigung hatte, finde aber inzwischen, dass die Debatte ins Groteske abgleitet und der eigentliche Kern zugunsten narzisstischer Befindlichkeiten aus dem Blickfeld geraten ist. In diese, häufig aggressiv geführten Schaukämpfe mag ich nicht hinein geraten, nicht einmal mehr zuschauen.

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  6. Warum nicht einfach Flüchtende(r) oder Fliehende(r)? Wenn schon ‚Flüchtling‘ nicht mehr sein darf. Refugee … tz. Immer diese Anglizismen, ganz furchtbar das.

    Ebenso furchtbar wie die Welt, in der wir leben.

    Oder flüchten.

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