Nonnenmacher

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Der Weg führt uns über abgeerntete Felder. Hell stehen die Weizenstoppeln, wie ausgebleichte Knochen.
Ein Schmetterlingspaar tanzt durch die Lüfte. Es riecht nach Gülle.
In der Ferne erhebt sich dunkel der Wald.
Hier und da ist ein Hochsitz zu sehen.

Dem Weiler vorgelagert sind Obstbäume, Weiden und Tierställe. Die einzige Straße ist menschenleer. Am Wegesrand stützt ein morscher Birnbaum sich auf einen Brennholzstapel, Heuballen liegen herum, ein halbabgeerntetes Maisfeld steht zwischen zwei Häusern und überhaupt ist hier alles in heimeliger Unordnung, liegt kreuz und quer umeinander, ist lidschäftig, wie der Franke sagt und die grunzenden Schweine haben sich in der Ortsmitte zu einem schmutzstarrenden, zufriedenen Haufen zusammen gefunden.

Durch den 12-Häuser- Weiler führen zwei Wanderwege. Für die sommerlichen Ausflügler gibt es gleich drei Gaststätten, in denen sie Zungenwurst, Jostabeer-Kuchen oder Kochkäseschnitzel essen und ihren Durst mit Faust-Bier löschen können. Eine ältere Dame bestellt einen sauer Gespritzten, der ihr im Gerippten gereicht wird.
Heimat, oh Heimat.

Vor einiger Zeit, so erzählt der Freund, habe ein ortsansässiger Bauer bei ihm die Förderung zur Einarbeitung einer landwirtschaftlichen Hilfskraft beantragt. Es handelte sich bei der Person um eine Transsexuelle, die den steinigen Weg einer Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau gegangen war, und in Zukunft, an diesem gottverlassenen Ort, die Kastration der Schweine vornehmen wollte.

David Lynch hätte es sich nicht besser ausdenken können.

16 Kommentare zu “Nonnenmacher

    • Das wäre eine Herausforderung. Hab ich schon ab und zu mal ins Auge gefasst aber immer wieder verworfen. Ich befürchte aber ich habe kein Talent zur und wenig Interesse an der Vermarktung.
      Vielleicht findet sich irgendwann jemand, der meine gesammelten Geschichten filmreif machen möchte. Das würde mich freuen.

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  1. nun vielleicht hätte david lynch es sich nicht besser ausdenken können…… aber….. sie haben es gefunden und erzählt. die großen geschichten denken wir uns tatsächlich seltener aus, als das wir sie einfach mitten im leben finden…
    *kann mich kaum konzentrieren, weil ich an kochkäse denken muss…..*
    **rennt jetzt in den supermarkt, um endlich mal wieder die utensilien zur kochkäseherstellung zu besorgen**

    Gefällt 3 Personen

    • Kochkäse kenne ich aus meinem Elternhaus, hab aber noch nie welchen gegessen. Ist das eigentlich eine hessische bzw. süddeutsche Angelegenheit und gehört da immer Kümmel rein? Was braucht es sonst noch zur Herstellung?
      Sollte ich mich vielleicht doch mal überwinden und welchen essen, oder warte ich besser bis zur kalten Jahreszeit?
      Fragen über Fragen an einem sonnigen Samstagnachmittag.

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      • kümmel kann, muss aber nicht. ansonsten benötigt man nur quark, salz und natron….. ist ja wirklich pipileicht und schmeckt tausendfach besser als der fertige aus dem supermarkt.
        meines wissens kommt er aus dem odenwald? ist ja sozusagen ein vorort vom maindörfli :-)

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    • Abgründe. Klaffende Wunden. Trügerische Idylle. Sein und Schein.
      Diese Geschichte hat mir einen Schauer über den Rücken gejagt, wie sonst nur die Filme Lynchs es schaffen.
      Wenn das sichtbar geworden ist, bin ich sehr zufrieden.

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    • Analog oder vegan verstehen die Menschen dort vermutlich gar nicht. Ohne die tägliche Wurst an Fleisch mit Mett und Fett an Käse mit Schmand an Schmalz läuft dort gar nichts.
      Ich behaupte sogar, dass Mett die Schmiere des ländlichen Lebens ist, was mir als Vegetarierin die Verklärung deutlich erschwert.
      Landleben, das ist für mich neben der Stille eben auch der Hochstand, die Ferkelkastration, die hauseigene Schlachtung und die Mastanlage.

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  2. Oh ja, manchmal schreibt das Leben die besten Geschichten, aber jemand muss sie auch aufzeichnen! ;-) Kochkäse kenne ich tatsächlich nur aus dem Odenwald, habe ihn aber nie probiert. Ich mag auch keinen hessischen Spundekäs – und Kümmel schon gar nicht!

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