Ach, Berlin

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Abends auf dem staubigen Platz.
Im Schatten der Platanen sitzen wir auf unserer Bank. Der Hund liegt schlafend zu meinen Füßen. Es ist immer noch sehr warm, hier und da lagern kleine Grüppchen auf dem vertrockneten Rasen, irgendwo spielt jemand Gitarre, einzelne Fetzen Spanisch, Französich und Englisch branden an unser Ohr; wir essen Tomaten mit Büffelmozzarella und trinken Jever alkoholfrei. Zum Ausgleich für den ausbleibenden Suff trägt das Bier den Zusatz „fun“.
Wir sprechen über die Kanzlerbahn, das Schloß, den Flughafen und lachen.

(Jugend ist Rausch ohne Wein)

Es ist Sommer in der Stadt, mit der ich so glücklich bin, wie mit einer alten Liebe. Groß genug auch Jahre der Entfremdung zu überstehen, lodert dieses Gefühl immer wieder auf´s Neue auf und brennt sich mit jedem Mal noch tiefer ins sehnende Herz.

Wenn ich auch manchmal anders töne: ich liebe Berlin.

Sick sack, oder Ekelhaftes Internet

An manchen Tagen treibe ich ziellos durchs Netz, springe von Eintrag zu Eintrag und und lande unversehens bei den merkwürdigsten Themen.
Gestern z.B. suche ich im Online-Wörterbuch nach einer italienischen Übersetzung für Kotztüte, einer meiner (meist im Stillen verwendeten) Lieblingsschmähungen, neben Arschgeige (assfiddle) und Doofmannsgehilfe. Leider erfolglos. Doch wie jedes beliebige Suchwort ist auch dieses mit Werbeanzeigen verknüpft.

Kotztüten neu oder gebraucht kaufen bei Amazon

Und alles was käuflich ist, muss selbstverständlich auch bewertet werden.
Da gibt es gute Kotztüten und schlechte. Eine Sorte ist besonders geeignet für brechende Kinder auf Hochbetten (schnell zur Hand und zu klein um sie sich über den Kopf zu ziehen), eine andere hat sich als praktisch für speiende Senioren erwiesen, die nächste ist so schön kompakt, dass sie in jede Handtasche passt und dennoch groß genug für den gesamten Mageninhalt, während die schlechten Kotztüten sich nicht einmal richtig verschließen lassen oder im schlimmsten Falle bereits zwei Minuten nach der Benutzung durchgeweicht sind, obwohl nur ¼ Liter Tee hineingespuckt wurde. Da kann man auch gleich eine herkömmliche Nierenschale nehmen.
Besonders gut schneidet übrigens die Marke sic sac ab, mit der auch ich mich vor meiner nächsten Schiffsreise (in ca. 15 Jahren) ausrüsten werde, allein des Namens wegen.

Eine andere Suche bei google ist wirklich erschütternd. Gibt man nämlich

wie schmeckt

ein, so erscheinen diverse ergänzende Vorschläge zur Vervollständigung der Frage.

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Als besonders verstörend empfinde ich, dass das Interesse am Geschmack von Menschenfleisch derart weit oben (und dann auch noch direkt hinter dem an Tofu) rangiert, und natürlich muss ich an den Kannibalen von Rotenburg oder auch den Flug 571 der uruguayischen Luftwaffe denken. Beides schreckliche Geschichten, jede auf ihre eigene Art.

Man sollte übrigens nicht den Fehler machen, sich die Ergebnisse zu dieser Anfrage tatsächlich anzeigen zu lassen und auf diese Weise weiter und immer tiefer in den stinkenden Googlesumpf hinein zu waten, einer Hölle, in der übergeschnappte Menschen ihren Mitbürgern das Gesicht wegfressen, oder deren Extremitäten abtrennen, grillen und anschließend verzehren.

Das ist so widerlich, dass man speien möchte.

Die Vollzähligkeit der Sterne

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Nichts auf der Welt, das über mich hinausweisen würde. Nichts, was nicht ich wäre. Sämtliche Motive, jede Regung, alles Elend und Glück. Abgründe, Morde, Sterben, Geburt. Jeder Sturm, der sich zusammenbraut, sich auftürmt und herniedergeht, immer auch ich.

Das schwarze Loch verschlingt den Superstern: mich.

Die Geschichten anderer. Kenn ich weiß ich war ich schon.
Mir Gedanken aneignen, die meine sein könnten.
Die Cloud, universelles Wissen, greifbar für jeden, größer als wir.
Das Wunder des Korbflechtens.
Unsere Ahnen, unsere Erinnerungen, unser Weg.
Der ewige Pflug.

Ein Sommerabend an der Oberen Altmühl. Der Dreiseitenhof aus dem 17. Jahrhundert.
Die einzige Straßenlaterne im Dorf ist schon um 11 Uhr erloschen. Nun ist es Nacht, der Himmel schwarz, die Glut meiner Zigarette das einzige Licht.
Schweigend sitzen wir im Innenhof, die Anwesenheit der Anderen fühlbar wie die vertraute Wärme der ruhenden Herde. Geborgenheit.

Ich blicke nach oben und suche etwas, woran das Auge Halt findet.
Ein Licht, ein Flackern, ein Nebel. Fern und klein, aus einer vergangenen Zeit, einer fernen Galaxie. Ein Punkt und noch einer. Ein weiterer, unendlich viele, je länger ich schaue.
Hell und heller wird es und ich immer kleiner.

Den Kopf in den Nacken gelegt spüre ich den Sog des sich ausdehnenden Nichts und eine gewaltige Angst überkommt mich, die auf mich drückt, dass ich kaum atmen kann.
Ein Tiefensog, Bedeutungslosigkeit, Selbstauflösung bis hin zum schieren nackten Sein, das Verschwinden und Aufgehen im All, in Allem.

Kein Oben und Unten, kein ich und Du, nur Demut und Gnade.

Titel: Hans Blumenberg „Die Vollzähligkeit der Sterne“

Wie es begann

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Als ich von der Physiotherapie zurück komme sind quer durch das Zimmer dünne Seile gespannt. Längs gespaltene Möhren sitzen darauf, wie steife Reiter; der Strunk ihr Kopf.
Ein Brief ist mit einer Wäscheklammer an einer der Schnüre befestigt. Ich erkenne die Handschrift. Das Telefon klingelt, ich ducke mich unter den Schnüren hindurch und hebe ab.

Es ist Freitag der 17. Mai. Ich höre die Stimme meiner Schwester. Sie sagt meinen Namen und sie sagt „Papa hatte einen Herzinfarkt, er liegt auf Intensivstation, wir wissen nicht ob er es überleben wird.“

Ich verlasse die Klinik und setze mich mit M. ins Auto. Ich habe keine andere Wahl. Er bringt mich nach Frankfurt. In der Nacht legt er sich nackt auf mich. Ich weine.
Meine Mutter weint auch. Ohne euren Vater bin ich verloren.

Ich trinke sehr viel Bier und rauche und trinke noch mehr Bier. Meine Haut brennt, ich warte und hoffe und finde keinen Halt.
Ich darf nicht zu ihm; keiner von uns.
Zwei traurige Tage später fahre ich mit M. zurück. Ich ekele mich vor ihm.

Es ist Sonntag, früher Abend, als M. mich auf der Station N2 abliefert. Die Schnüre in meinem Zimmer sind verschwunden, der Brief liegt ungeöffnet auf dem Tisch.
Ich setze mich aufs Bett und weine die letzten Tränen. Eine Taube hat durch die offene Balkontür den Weg zu mir gefunden und läuft kopfruckend über das Linoleum. Die Abendsonne malt ein helles Viereck auf den Boden. Aus roten Augen schauen wir uns an. Sie nickt.

Auf dem Balkon, vor meinem Fenster steht ein junger Typ in der Bewegung erstarrt. Er sieht mich an und lächelt vorsichtig. Ich senke den Blick und er geht weiter.

Nebenan sitzt ein fröhliches Besuchergrüppchen und lacht, während mein Vater mit dem Tod ringt und die Tumore in den Köpfen der Mitpatienten sprießen, wie Brokkoli.

Teil II Junge Hunde
Teil III Nine years later and change

Foto: By User:Mattes (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Sexbuddy

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Babsen und ich sitzen zusammen und trinken Kaffee, als sich eine email mit Pling in mein Postfach schiebt. Babs added you as sexbuddy, steht dort.

-Du hast mich gerade als sexbuddy geadded, neudeutsche ich.
-Als sexbody?
-Sexbuddy!
-Body?
-Oder so.

Sexkumpel. Hemdsärmelig, handfest, rustikal, unverbindlich-verbindlich. Krachen lassen.
Freundschaft zeigt sich heute nicht mehr so eindimensional wie früher.
Eine weitere Verwendung für Freundeskörper ist übrigens die Organspende.

Einfach mal drüber nachdenken und adden.

 

Bild: deviant art, copyright: ninja 8004, Pirate vs Ninja.

Nine years and change

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Ob ich ihn begleiten möchte, nach Singapur. Multiethnisch, schöne Menschen, vertikale Gärten. Wir werden mit Hausbediensteten leben.
Du bist alles für mich, er schaut mich an.
(Du bist mir so fremd)
Den Ring möchte er nicht zurück nehmen.
Solltest du jemals in existenzielle Schwierigkeiten geraten stehe ich dir selbstverständlich zur Verfügung.
Die letzten Zeilen. Wenigstens diesen Abschied besiegelt er nicht mit weißen Lilien.

Neun Jahre später.

Ich hätte nie gedacht in diesem Leben noch von dir zu hören.
Ich wäre beinahe gestorben.
Ich hoffe wirklich, wirklich, wirklich, dass es dir gut geht.
Es geht mir gut.

Seine Tochter ist vier, die Frau eifersüchtig, sie leben in NYC, er hat Heimweh.
Wir könnten skypen oder telefonieren.
Das möchte ich nicht, nicht von vorne.

Nine years and change.


Bild: Ryan Custodi, busy chinatown street, singapore, cc-lizenz, appropriate attribution
https://www.flickr.com/photos/34371745@N05/4087636583/in/photostream/

Poupette (*.txt)

Hermafrodita_2-1

Wenn aber ich allein und Frau nur selber bin, wisch gern den Mund an mir ich selber ab.

Frauennamen, die sich von Männernamen ableiten. A oder Ette. Karla und Henriette. Vom Vater belächelt gefallen mir solche (aus einer Rippe geformte) Namen. Ette la poupette.
Ein Püppchen zu sein muss man sich erarbeiten. Durch den schmalen Reifen der Emanzipanzion hindurch.

Alouette, je te plumerais

Hochsommer. Zu heiß für alles. Ein großes Nein vom südlichsten Rand Europas.
Zu warm sogar für Haut und Körper.
Schlafen unter glatter Seide.

Mein erster August in Berlin. Siesta in flirrender Hitze. Ein Doppeldeckerbus streift die Akazie vor dem Haus, die Blicke der Fahrgäste; ich ziehe das Tuch über seine Auberginenhaut, er nimmt es seufzend als Fürsorge, sein schwerer Körper auf meinem.

Dieser Text ist Teil dieses Projektes. Stichwort: nackt