Wie es begann

512px-Krankenhausflur_-_Chirurgische_Klinik_und_Poliklinik_der_LMU

Als ich von der Physiotherapie zurück komme sind quer durch das Zimmer dünne Seile gespannt. Längs gespaltene Möhren sitzen darauf, wie steife Reiter; der Strunk ihr Kopf.
Ein Brief ist mit einer Wäscheklammer an einer der Schnüre befestigt. Ich erkenne die Handschrift. Das Telefon klingelt, ich ducke mich unter den Schnüren hindurch und hebe ab.

Es ist Freitag der 17. Mai. Ich höre die Stimme meiner Schwester. Sie sagt meinen Namen und sie sagt „Papa hatte einen Herzinfarkt, er liegt auf Intensivstation, wir wissen nicht ob er es überleben wird.“

Ich verlasse die Klinik und setze mich mit M. ins Auto. Ich habe keine andere Wahl. Er bringt mich nach Frankfurt. In der Nacht legt er sich nackt auf mich. Ich weine.
Meine Mutter weint auch. Ohne euren Vater bin ich verloren.

Ich trinke sehr viel Bier und rauche und trinke noch mehr Bier. Meine Haut brennt, ich warte und hoffe und finde keinen Halt.
Ich darf nicht zu ihm; keiner von uns.
Zwei traurige Tage später fahre ich mit M. zurück. Ich ekele mich vor ihm.

Es ist Sonntag, früher Abend, als M. mich auf der Station N2 abliefert. Die Schnüre in meinem Zimmer sind verschwunden, der Brief liegt ungeöffnet auf dem Tisch.
Ich setze mich aufs Bett und weine die letzten Tränen. Eine Taube hat durch die offene Balkontür den Weg zu mir gefunden und läuft kopfruckend über das Linoleum. Die Abendsonne malt ein helles Viereck auf den Boden. Aus roten Augen schauen wir uns an. Sie nickt.

Auf dem Balkon, vor meinem Fenster steht ein junger Typ in der Bewegung erstarrt. Er sieht mich an und lächelt vorsichtig. Ich senke den Blick und er geht weiter.

Nebenan sitzt ein fröhliches Besuchergrüppchen und lacht, während mein Vater mit dem Tod ringt und die Tumore in den Köpfen der Mitpatienten sprießen, wie Brokkoli.

Teil II Junge Hunde
Teil III Nine years later and change

Foto: By User:Mattes (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

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