Schön, schöner, Schöneberg

Auf der Potsdamer Straße befindet sich nicht nur das Katholikenfachgeschäft Ave Maria, welches als Gründungsjahr in einem Schaufenster 1999 angibt, in einem anderen aber behauptet bereits seit 1996 zu existieren (Du sollst nicht lügen).
Inzwischen gibt es dort auch jede Menge Galerien, wie eigentlich überall in Berlin, wo die Gentrifizierung in gewachsene Kieze einkommensschwächerer Mitbürgerinnen hineingrätscht.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die „wahrscheinlich größte Blockbuster Videothek“ LSD an der Ecke zur Kurfürstenstraße dicht macht, nachdem der benachbarte Straßenstrich bereinigt wurde. Stattdessen wird dort ein Einkaufzentrum mit Nobelboutiquen (stores) entstehen.
Der berühmteste Türsteher der Welt hat hier schon seinen Platz gefunden, die ersten Fritz-Cola und ChariTea-Schuppen gibt es auch schon und Noah Becker soll inzwischen auf der Roten Insel wohnen. Der Anfang vom Ende. 20150608_164239
Auch Schöneberg wird über kurz oder lang überrollt werden von den bärtigen Affen.
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Solange es aber noch so ist, wie es ist, schmuddelig, laut und urban, bin ich gerne hier unterwegs.
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Und wo Särge angeboten werden, gibt es offensichtlich noch Kundschaft dafür.20150608_162914
Hier wird noch mit Bedacht gestorben und sich nicht nur zu Tode gefeiert.

 

19 Kommentare zu “Schön, schöner, Schöneberg

  1. „Der berühmteste Türsteher der Welt hat hier schon seinen Platz gefunden …“ Wer? Rummelsnuff? Mit Spaten und Pfeife oder ohne?

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  2. Alternativ und Kreativ ist immer auch in reich verfügbar. Juppies halt. Ansonsten ziehen sie in Berlin in der sogenannten Gentrifizierungskaravane im Kreis herum. Der neueste Bezirk ist vermutlich gerade Lichtenberg.

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    • Naja, es ist schon ein bisschen anders. Die Alternativen und die Kreativen sind in dem ganzen Gentrifizierungsablauf immer die sogenannten „Trüffelschweine“, die an einen Ort ziehen, weil er für sie bezahlbar ist, weil es Leerstand gibt und weil er offen ist für Neues.
      Dann rücken die Familien nach, kleine Gewerbetreibende usw. Und schließlich die Geldsäcke, denen das bunte Leben gefällt, die aber gleichzeitig dafür sorgen, dass es verdrängt, bzw. nachhaltig zerstört wird.
      So geht es auch gerade mit Schöneberg.
      Mir graust vor einem Berlin, in dem ein Viertel/ Kieze aussieht, wie das andere. Wir sind auf dem Weg dahin.

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      • Ick wees scho wie gentrifizierumg klappt. Ich wollte nur nahelegen, dass auch reiche sind kreativ und alternativ schimpfen. Siehe Hipstertum. Meiner Meinung nach ist daher die „klassische Beschreibung“ von Gentrifizierung nicht mehr ganz realitatsabbildend. Was am Endergebnis nichts bis wenig ändert… leider;-)

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        • Da hast Du Recht. Das vermischt sich alles, bzw. es verwischt sich eher. Die „bösen Gentrifizierer“ fahren mit dem Christiania-Bike in dn Bioladen, wählen grün und wohnen in einer riesigen Eigentumswohnung.

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          • Während sie sich total individuell und bescheiden geben. Heuchler allesamt. Dann lieber meinen Burger von unglücklichen Kühen und mir dessen bewusst, dass die anderen auch nicht glücklich waren.

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            • Naja, der Burger von unglücklichen Küken ist dann noch mal ein ganz eigenes Thema. Lebe aus ethischer Überzeugung bzw. Notwendigkeit vegetarisch.

              Die Gentrifizierungsdebatte ist so schwierig und hat soviele Facetten und letztlich bleibt immer die Frage who is to blame und was kann gegen die rasante Verdrängung getan werden.

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    • Da hast Du Recht. Soweit ich informiert bin, gibt es inzwischen ein paar Leute, die das begriffen haben und sich für den Verbleib der Sexarbeiterinnen einsetzen.
      Solange der Straßenstrich bleibt, wird der Kiez nicht ganz von stumpfen Geldwürsten überrollt (wobei dei Junkies am Kotti leider auch nicht das „Schutzschid“ waren, das man sich erhofft hatte).

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    • Noah Becker soll ganz unauffällig mit zwei paar verschiedenen Socken unterwegs sein. Bleibt natürlich trotzdem Noah Becker.
      Es ist immer noch sehr schön auf der Roten Insel, wie auch im Crelle-Kiez.
      Aber der Wandel kommt und da geht wieder ein Stück, ein ganz besonders schönes, des alten Berlin verloren.

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  3. Dein Videothek-Beispiel zeigt aber auch, dass es nicht so einfach ist. Dein Berlin mit dem Istambul-Supermarkt, den Straßenstrich oder Sarggeschäften ist auch irgendwann entstanden. Wie war Berlin in den 1920’ern? Oder 1848? Wie im 13. Jahrhundert? Wikipedia: berlo mit der Bedeutung Sumpf, Morast, feuchte Stelle.

    Es ist die Frage, wie man Gentrifizierung definiert. Steigende Mieten, raus drängen der „Ureinwohner“ (wer immer die sind), Vernichtung einer Kultur sind massive Probleme. Doch die Ureinwohner waren nie „reich“, die Kultur war nie elaboriert (was sie ja gerade ausmacht), die Straßen waren immer schmutzig. Es gibt historisch keine Berliner, genau wie es keine Amerikaner gibt. Berliner wie Amerikaner sind jetzt und sind morgen ganz anders. Nichts kann daran etwas ändern. „He alder“, selbst der Dialekt wandelt sich. Wer was anderes glaubt, der verharrt in Western-Romantik.

    Nun werden die Straßen eben sauber(er) und steril(er). So ist das eben mit der Ordnung. Mit der Sterilität steigt die Anfälligkeit für Allergien. Es ist seltsam, das Streben nach Geld durch Wenige hat die Bezirke zu dem gemacht, was sie sind und nun vernichtet dieses Streben sie wieder, pushed die nächste Generation in die Gettos, weil an der mehr zu verdienen ist. Die Alten sind ausgeblutet. Offensichtlich braucht sie niemand (mit genügend Geld und Macht) mehr. Wann weinen wir um die Juppies?

    Gentrifizierung ist als turbo-kapitalistischer Prozess zu begreifen. Der ist nicht neu. Der ist Prinzip unserer Gesellschaft, heute mehr denn je. Mein Haus, mein Boot mein – nein, sach ich nicht. Jugendschutz. Manchem kommt es eben auf die Größe an.

    Ich ergänze (das Boot): mein Deutschland. Notfalls verkaufe ich die Oma, der ich gerade die Rente oder Harz4 kürzte. Sie muss weg. Gentrifizierung ist das Prinzip der verbrannten Erde. Das tun nicht alle. 1% Idioten richten 99% des Schadens an. Die Meisten sehen nur zu. 1% der Reichen haben wieviel Prozent des Geldes?

    Das widerspricht Dir und Deinem Protest nicht. Doch ich denke, das Problem sitzt tiefer. Es geht weniger darum, Altes zu verlieren. Gentrifizierung offenbart nur die Pestbeulen, das Zeichen der Krankheit. Doch der Patient stirbt nicht an den Symptomen. Berlin stirbt nicht an Gentrifizierung.

    Es stirbt an aktivem Herzversagen.

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    • Rund um den SozialPallasT gibt es noch ausreichend Armut um diese Institution zu halten.
      Ich wünsche mir ja, naiv formuliert, Wohlstand für alle. Genauso wünsche ich mir, dass alle da bleiben können, wo sie sich wohlfühlen, wo ihre Heimat ist und nicht von Reicheren verdrängt werden.

      Gern geschehen! (Foto)

      Gefällt 1 Person

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