Der Mann im roten Kleid

20150523_210004Vielleicht erzähle ich von dem barfüßigen Mann im roten Kleid und den sechs Stunden Wartezeit in der Notaufnahme der Charité ein anderes Mal.
Ich bin der Katastrophen so müde.
Schön war, trotz der Aufregung, der Weg dorthin. Vorbei am wummernden Carnival of Subcultures über die rote Spree zum glühenden Postbahnhof. Ein Abend wie ein Versprechen.

Der heruntergekommene Wartesaal, der Getränkeautomat, die Tomatensuppe mit Milchschaumhaube. vielsprachige Anweisungen vor der Triage. Ein schlaksiger Pfleger, der nach Gutdünken vorsortiert, während sein Kollege mit offenem Mund in den Rechner starrt, die Hand auf der Maus.

Dass wir die Frage, wie wir unterwegs sind wahrheitsgemäß mit BVG beantworten, katapultiert uns direktemang ans hinterste Ende der Warteliste.

Die Morgenfrische, viele Stunden später, entschädigt ein wenig für die vertane Zeit. Kühl und verzaubert liegt die erwachende Stadt im ersten Licht. Selbst der Hauptbahnhof sieht schön aus im pudrigen Schimmer.

Zuhause fallen wir bleischwer ins Bett. Die Kirchenglocken am Mariannenplatz läuten den Pfingstsonntag ein.

16 Kommentare zu “Der Mann im roten Kleid

  1. Oh weh, das klingt nicht wirklich pfingstlich. Zeigt mir aber einmal mehr, dass das Leben in der Provinz auch im medizinischen bedarfsfall nicht das schlechteste sein muss. Keine große warterei, nettes Personal, und vor meinem Krankenzimmer piepsende Rotschwänzchen. Gute Besserung nach Berlin, wem und wofür auch immer. und keine Katastrophen mehr.

    Gefällt mir

    • Wenn man aber ein geheimnisvolles Knistern unter der Haut hat, dort, wo eine Operationsnarbe verläuft, dann ist die Charité mit ihrer Infektionsabteilung schon eine besonders gute Adresse.
      Das stumm laufende Patientenfernsehen wurde in einer Endlosschleife nicht müde uns zu erklären, dass Berlin in Sachen Medizin top sei und die Charité noch topper.
      Sowas findet man auf dem Land wahrschinlich nicht und das piepsende Rotschwänzchen kommt mit dem Unterhaltungswert des Mannes im roten Kleid kaum mit, zumindest nicht Nachts. ;)

      Gefällt 2 Personen

    • Ja, diese Wartezeiten gibt es und bei manchen Patienten fragt man sich, warum sie nicht mit Krankenwagen gekommen sind und wie sie es, unter offensichtlich starken Schmerzen, aushalten solange zu sitzen.
      Wir waren nach 6 Stunden ziemlich entnervt, aber immerhin zu dritt und durch den Mann im roten Kleid und seine hustenden Monologe abgelenkt.

      Gefällt mir

  2. Haha. Ich habe mal 9! Stunden, Samstags, in der Charité gesessen – was man halt so tut, wenn einem ein Verhütungsmittel um die Ohren geflogen ist. :)
    Kann durchaus unterhaltsam sein, wenn man sich nicht gerade in akuter Gefährdungslage fühlt.

    Gute Besserung!

    Gefällt mir

  3. Ich habe gefällt mir geklickt und dann es dann wieder weggemacht. Der Katastrophen so müde und dennoch in der Lage, offen zu sein für das Kleine, Schöne und Abgründige. Ich hoffe, dir geht es gut und wünsche dir alles, alles Gute. Vor allem Erholung und viel Liebe!

    Gefällt 1 Person

    • Danke, liebe Asal.
      Liebe und Fürsorge bekomme ich, Erholung hole ich mir und alles andere wird von selbst.
      Wenn ich nicht die Blume am Wegesrand sehen könnte, würde ich im Sumpf ersticken. Wahrscheinlich ist der Morast sogar der ideale Ort für die schönsten Orchideen. (Kennst Du den Film „Adaption“?)

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s