Das Dunstkalb

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We’re going down, down, down, if that’s the only way
To make this cruel, cruel world hear what we’ve got to say
Put the right letters together and make a better day

(Prince, Alphabet Street)

Eingestandenermaßen“, lese ich in einem Buch und das wiedererinnerte Wort gefällt mir so gut, dass ich es nachschlage, um zu sehen wie gebräuchlich es noch ist, oder ob es womöglich kurz davor steht in den klaftertiefen Abgrund des Verschallens zu fallens.

Und wo ich schon am Blättern bin finde ich weiter vorne im Alphabet das angestaubte „Eingesottenes“, (die Gesamtheit eingekochter Früchte). Als Synonym dazu wird „Dunstobst“ aufgeführt, ein Wort dessen umständliche, den Einsatz sämtlicher Gesichtsmuskeln erfordernde Aussprache mich erheitert und das, mit der sich in beiden Silben wiederholenden Endung „st „, zur gleichen interessanten Gattung wie Samthemd gehört.
Alliteration oder Homoioteleuton?, frage ich mich da selbstverständlich und stimme innerlich für letzteres. Reine Vermutung, eingestandenermaßen.
Der fleischgewordene Leser wüsste ob ich richtig liege, aber der ist nicht hier, nicht bei mir, jedenfalls nicht in persona, und ich bin mit meinen Mutmaßungen und den ahnungslosen Katzen alleine. Die Duden-Redaktion zu befragen kostete 1,99 € die Minute. So wichtig ist es dann doch nicht.

(Die Wrase Frage ist nun in der Welt und ich vertraue darauf, dass sie mir beantwortet werden wird).

Das „Dunstkalb“, auf das ich beim weiteren Schmökern stoße, bezeichnet, laut Duden, die im Mutterleib abgestorbene Frucht eines Rindes.

Ich kann gar nicht anders: sofort sehe ich es vor mir, das  zusammengerollte, Kälbchen mit dem großen Kopf, den kleinen Hufen und den geschlossenen Augen. Lange Wimpern, kurzes, feuchtes Fell.

Und gemeinsam mit dem Bild, tauchen auch Fragen in mir auf, und ich bin bei der Mutter im Stall, die das tote Kind wie einen Stein im Leib trägt und durch Pressen versucht es ins Leben zu bringen, nicht ahnend, daß es dafür längst zu spät ist.

Warum nur blieb seine Milchglasseele im Nebel der Ungeburt?
(Hörte sie nicht den Ruf der Sommerwiese?)

Darum, dieso, deshalb

Wenigstens blieben Milchpulver und Bolzenschuss ihm erspart, denke ich sogleich (so sehr wirkt die aktuelle Lektüre über eine KZ-Aufseherin in Birkenau auf mich), sonst trüge ich es heute an meinen Füßen und du legtest dir sein gepökeltes Fleisch auf´s Brot, in der besten aller möglichen Welten.

(Wie ist es möglich, dass ein einziges Wort im Duden mich so traurig stimmt).

4 Kommentare zu “Das Dunstkalb

  1. Deine letzte Frage habe ich mir auch grad gestellt. Ich, die Wort-Liebhaberin, habe mich mehr an den neu dazugelernten Worten gefreut, zu denen übrigens auch (*scroll, scroll*, ich konnte es mir nicht merken) „Homoioteleuton“ gehört….

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    • Es muß an meinem Bluesgen und an meiner Lebenserfahrung liegen.:)

      Gefreut habe ich mich trotzdem an den Worten, denn da haben wir etwas gemein: ich bin eine große Wort-Liebhaberin und -Sammlerin.
      (Es handelt sich übrigens tatsächlich um ein Homoioteleuton, wie mir inzwischen auf anderen Kanälen geantwortet wurde)

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