Der Kukuck und der Esel

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Nach unserer Ankunft zuerst mal das Hotelzimmer umräumen.
Platz schaffen.

Mit müden Augen Lindenstraße schauen und halb abwesend staunen wer noch immer da mitspielt. Wie alt und dick selbst die ehemaligen Kinder geworden sind (Klausi Beimer).
Der Stoffwechsel.

Dann endlich ein Spaziergang mit Töle, immer am Fluss entlang.
Jeder zweite Baum trägt eine pinkfarbene Markierung.
Hinter der mittelalterlichen Stadtmauer das schallernde Frohsinnsgedudel der Frühjahrskirmes.

Zwischen 22 und 7 Uhr herrscht Nachtruhe in den Auen.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an der Einrichtung vorbei, in der sie lebt. Ein zweistöckiger Flachbau, mitfinanziert durch die Fernsehlotterie.
Es ist noch hell, die Rolläden sind halb geschlossen.
Hinter welchem Fenster steht ihr Bett? Ist sie wach? Was denkt sie? Geht es ihr gut?
V.s Schweigen neben mir beruhigt mich.

Später, in dem hoteleigenen, rustikalen Lokal, esse ich Gnocchi mit mediterranem Gemüse. V. nimmt Gulasch mit Spätzle.
Der Mann am Nachbartisch versucht ein Gespräch über Hunde. Meine Zunge lahmt, er gibt schnell auf und tätschelt Töles Kopf.
Auf meine Bitte hin verkauft der Kellner uns ein Tetrapack H-Milch.

Müde fahren wir hoch in unser Zimmer.
Das grüne Licht im Fahrstuhl lässt mich aschgrau und alt aussehen.

In der Nacht erwache ich immer wieder von starken Rückenschmerzen.
Ich finde keine Position in der ich bequem liegen kann.
Der Hund spürt meine Nerven und leckt mir die Hand ab. Unterdessen arbeitet die Klimaanlage an der Erosion meiner Stimmbänder.

Morgens ein heiseres Telefonat: ich muss nicht da hin gehen. Ich kann jederzeit umkehren, wenn ich das möchte. Er ist bei mir. Ich hoffe, dass auch ich bei mir sein werde.

Wir kochen Espresso auf der kleinen Reiseplatte und schäumen die H-Milch auf.
Katzenwäsche, auschecken, die Taschen ins Auto werfen, den Hund in die Rabatten kacken lassen, eintüten und losgehen.
Die Sonne scheint, es ist warm, die Bäume blühen.

Die Senioren in dem kargen Garten beäugen uns mit schrägem Blick, wie kleine Vögelchen. Der Wasserlauf aus dem Baumarkt plätschert leise gegen das Rauschen der nahe gelegenen Hauptstraße an. Ein zahnloser Greis freut sich über den schnuppernden Hund. Ich lächle und grüße. Töle wedelt.

Vor der Haustür spüre ich mein Herz stolpern, mir ist schwindlig.
Zusammenreissen, atmen.

Sofort nach Betreten der Demenz-Station sehe ich sie.
Das Profil. Ihre Nase. Unverkennbar.
Sie ist es. Kein Zweifel.
24 Jahre nach meinem Rauswurf. Auf den Tag.
Meine Mutter.

In einem sperrigen Rollstuhl sitzt sie am Küchentisch, vor ihr eine Frauenzeitschrift. Verstohlen legt sie ein zusammengerolltes Stückchen Papier  zwischen zwei Seiten des Magazins und versucht anschließend, mit großer Sorgfalt, das verknitterte Heft wieder glatt zu streichen.
Ihre Hände (der Impuls über glatte Oberflächen zu streichen).

Wortlos setze ich mich neben sie und schaue sie an.
Was hat die Zeit aus ihr gemacht.

Möchten sie zu Frau X.? fragt mich eine freundliche Stimme. Ich schaue die Altenpflegerin an und nicke.
Frau X., da ist Besuch für Sie!
Sie sagt es ermunternd, doch meine Mutter blickt nur kurz auf und wendet sich dann wieder der Zeitschrift zu.
Im Hintergrund stimmen zwei Frauen mit brüchiger Stimme und spitzen Mündern „Der Kuckuck und der Esel“ an.

Ich schließe die Augen und weine.

 

 

 

Foto: https://www.flickr.com/photos/diepuppenstubensammlerin/8787662385/
CC-Lizenz: attribution, non commercial, Weitergabe unter gleichen Bedingungen

15 Kommentare zu “Der Kukuck und der Esel

  1. Hach …

    Ich habe in meinen jetzt 42 Lebensjahren immer mal wieder über Altern nachgedacht. Und bin immer wieder zu dem Schluss gekommen (Atheist, der ich bin), dass wir alle nur Teil eines galaktisch großen Komposthaufens sind. Altern, alt werden … sterben? Leben!

    Jüngst stand ich an einer Ampel, vor mir das Fahrzeug eines Seniorenstifts … ich weiß nicht, warum, aber die erschütternde Erkenntnis, dass es (das Leben, MEIN Leben) inmitten von Trägheit, Vergessen und Gleichgültigkeit enden könnte, brach über mich herein – und mich zum weinen.

    Sieht so aus, als habe sich meine entspannte Haltung dem Lebens’abend‘ gegenüber grundlegend geändert …

    Vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken!

    Dieser Satz:

    ‚… Unterdessen arbeitet die Klimaanlage an der Erosion meiner Stimmbänder. …‘

    ist nicht weniger als grandios. Darf ich ihn hier verarbeiten, bitte?

    https://knowyourgods.wordpress.com/sammelbecken/

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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