In einem Garten

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Morgen ist es soweit. Ich werde mich in den Wagen setzen, 400 km über die Autobahn nach Westen, in eine unbekannte Stadt, fahren und dort in ein kleines Hotel einchecken. Ich werde den Hund über die Wiesen am nahegelegenen Fluss toben lassen und im Vorbeigehen die Einrichtung in Augenschein nehmen.
Vielleicht ist sie im Garten – falls das Wetter es zulässt – dann könnte ich sie sehen. Würde ich sie erkennen?

Ich würde am Zaun stehen und sie beobachten, wie sie, inzwischen im Rollstuhl sitzend, in die Frühlingssonne blinzelt während kleine Blitze in ihrem Hirn von Korridor zu Korridor huschen, ein flüchtiges Schlaglicht in die verwaisten Räume ihrer Erinnerung werfen, um diese sogleich wieder in stille Dunkelheit zurück fallen zu lassen.

Ich würde tief durchatmen, meine Gefühle und Tränen, wie auch den Hund an die Leine legen und zum Haupteingang des Stiftes spazieren. Dort würde ich mich vorstellen und nach einer Bewohnerin (Insassin?) mit dem gleichen Namen fragen.

Ich würde über die hochglanzpolierten Linoleumflure mit der eigentümlichen Atmosphäre des konfessionell-geführten Heimes gehen, würde den Duft des nachmittäglichen Bohnenkaffees und des süßlichen Bienenstichs einatmen und mit jedem Meter, den ich mich der Station näherte, würde ich spüren, wie mein Herz im Hals trommelte und mein Brustkorb eng würde.

Den Diakonissen in grauer Tracht mit weißer Haube, die meinen Weg kreuzen, würde ich freundlich zunicken und dabei an Anna, die Gemeindeschwester meiner Kindheit denken, die im Mutterhaus lebte, mit dem meine Familie eng verbunden war.

Dann würde ich die Glastüre zur Dementen-Station öffnen, einen vorbei eilenden Pfleger nach ihr fragen und seiner vagen Handbewegung folgen.
Vom Aufenthaltsraum aus würde ich die große, zum Garten hin gelegene, Terrasse betreten. Von hinten würde ich versuchen unter den weißhaarigen Menschen, die dort zusammen gesunken in ihren Rollstühlen sitzen und ins Nichts schauen, meine Mutter zu finden.

Ich würde an sie herantreten und sie ganz leise und vorsichtig ansprechen.
Mama, würde ich sagen und es wäre eine Frage.

Mama?

Ganz langsam würde sie den Kopf heben und sich zu mir umdrehen.
Wir würden uns in unsere großen, braunen Augen blicken und uns nicht erkennen.

Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

38 Kommentare zu “In einem Garten

  1. Ich habs gelesen und das Gefällt mir gilt dem Text , nicht der Grausamkeit der Demenz. Mich hat dieser Post sehr berührt, es ist ein ruhiger Text, der gerade dadurch unter die Haut geht. Danke.

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    • Du warst gar nicht gemeint, liebe Xeniana.
      Es sind immer wieder die gleichen Kandidaten, die sich keine Sekunde Zeit nehmen einen Text zu lesen, aber trotzdem „Gefällt mir“ klicken, weil sie wollen, dass man zurück „liked“.

      Danke für Deinen Kommentar und Deine Aufmerksamkeit.
      Ich bin, trotz aller Ergriffenheit und allen Lampenfiebers doch insgesamt eher ruhig.
      Ihre Demenz macht mir keine Angst mehr, aber weh tun wird es, da bin ich sicher.

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  2. Wunderbar geschrieben, alles läuft auf diesen großartigen letzten Satz zu.

    „Jeder muss sein Leben für sich leben, mit seinen eigenen Lippen austrinken, wie man einen mit Süße und Bitternis gefüllten Becher ausschlürft.“ (José Ortega y Gasset)

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  3. Deine Worte klingen wie nicht aus dieser Zeit. Als würde Deine Reise rückwärts stattfinden und längst vergangenes könnte geschehen. Dieses Gefühl lässt mich gerade den Atem anhalten.

    Ich wünsche Dir viel Kraft für den Kontakt.

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  4. Und auch von mir ein like für die sprachliche Umsetzung einer unerzählbaren Erwartung/Befürchtung.

    (Früher gab es viel weniger Menschen, die blutdrucksenkende Mittel einnahmen, wahrscheinlich also auch mehr Menschen mit Bluthochdruck, deren Hirne entsprechend den Anforderungen durchblutet wurden. Heute werden von viel mehr Menschen blutdrucksenkende Mittel „konsumiert“, und die Zahl der Dementen wächst und wächst. Ob es einen Zusammenhang gibt? Ich weiß es nicht.)

    Für den entscheidenden Moment wünsche ich schon jetzt ein wenig mehr Kraft als absolut notwendig sein wird …

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    • Danke. Ich hoffe ich bin so im Reinen und klar, wie es gerade scheint.
      Jetzt geht es los!

      (Zum liken: ich mag es, wenn geliked wird, solange sich jemand die Mühe gemacht hat den Text zu lesen, und das tust Du ja sowieso. Ich mag es einfach nicht, wenn Leute sich blind durch den Reader klicken und 2 Sek. nach der Textveröffentlichung „Gefällt mir“ behaupten.

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  5. es gibt einen sehr weisen spruch:

    tu nicht immer irgend etwas – sei einfach da!!

    du wirst deine gründe haben – sie lange zeit nicht gesehen zu haben…..
    sie hat ihre gründe, so zu handeln, wie sie es tat.

    nach so langer zeit – ein wiedersehen………….

    kann ein abschied oder ein neubeginn sein – für beide!

    herzlichst
    tilly

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    • Oweh, jetzt denken alle sie dürften nicht mehr klicken, dass ihnen ein Text gefällt.
      So war es nicht gemeint.
      Es ging um Leute, die 2 Sekunden nachdem ein langer Text erschienen ist ihn schon liken, ohen die Zeit gehabt zu haben ihn zu lesen.
      Das finde ich irgendwie respektlos und beknackt.

      Danke fürs Lesen, Liken und Kommentieren!

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      • Ob das alle denken oder nicht kann ich nicht beurteilen.

        Deine Motivation habe ich verstanden, die ist nämlich absolut berechtigt.

        Und wenn dieses Reflex-Mögen dann noch bei einem (dafür) ungeeigneten Text passiert, hat es ein unangenehmes Geschmäckle.

        In diesem Sinne brauchst du dir über eine ‚Klick-Erlaubnis‘ (oder – im Umkehrschluss – ein ‚Klick-Verbot‘) keine Gedanken zu machen. Deshalb: Einfach weiter-machen!

        Liebe Grüße

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  6. Mutig sind Sie ja, richtig mutig.

    „…..vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“ Isse von Rilke.

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    • Vielleicht stimmt es, dass das Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose ist. Aber genau das Bedürfnis immer alles irgendwie zu verstehen und zu rechtfertigen hat mir die echte Abgrenzung so schwer gemacht.
      Ich musste erst wütend werden und eine gesunde Solidarität mit mir sebst entwickeln, mir sagen, dass ich das nicht verdient hab, dass nichts in der Welt ihr Verhalten rechtfertigt, um mich sebst gut zu fühlen.
      Lange dachte ich es läge an mir.

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      • So denkt man als Kind. Und überschätzt seinen Einfluss gewaltig. Eigentlich ist man den meisten Erwachsenen egal. Bis man das merkt, dauert das mitunter Jahrzehnte. Aber dann ist man frei!
        (Sie merken, die Situation ist mir nicht unbekannt. Natürlich nicht so heftig und so existentiell.
        Muss mal alles mit Tante A. Aufschreiben)

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