Bombardier

800px-Willkommen_in_Berlin,_Hauptbahnhof,_Bombardier

 

Wir waren glücklich, und alles in mir widersetzte sich dem Satz, den uns Lew Tolstoj vererbt hat, dass die glücklichen Familien sich ähnelten in ihrem Glück und nur die unglücklichen einzigartig sind, ein Satz, der uns in die Falle lockte und den Hang zum Unglück weckte, als wäre nur das Unglück der Rede wert, das Glück aber leer.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther

 

 

 

 

Photo: By Geogast (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

6 Kommentare zu “Bombardier

  1. Vermutlich wird das Unglück als individueller, das Glück als sozial Genormteres empfunden. Weil es für das Unglück keine gesellschaftliche Schablone gibt. Für das was „Glück“ sein soll gibt es zumindest kulturindustrielle und werbungsmäßig eine bestimmte Leit-Interpretation, wenn mensch sich davon leiten (und wiederum antreiben und teilweise stressen) lässt.

    Unglück gegen die Gouvernementalität, bzw. Glücksverweigerung, im Sinne von Tocotronic und Michel Foucault. Glück außerhalb der Schablone ist vermutlich ähnlich individuell wie Unglück.

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    • Ein interessanter Gedanke, aber gibt es für das Unglück tatsächlich keine gesellschaftliche Schablone? Ergibt sie sich nicht automatisch als Negativfolie zu dem Wahren, Schönen, Guten resp. zu jung, gesund, erfolgreich?
      Heisst die Schablone nicht: alt, arm, krank, einsam?
      Werden im Christentum als des Heilands Lieblinge nicht genau diese Ärmsten und Unglücklichsten verstanden?
      Ist es nicht so, dass das Unglück läutert und dadurch eben erst den wahren Reichtum, das Glück der Selbsterkenntnis hervorbringen kann, während Glück Stillstand bedeutet?
      Und ähnelt sich Unglück nicht auch?

      Glück außerhalb der Schablone ist wahrscheinlich das einzig echte Glück.
      Schöne Gedankenanregung- danke!

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      • Das mit dem „alt, arm, krank, einsam“ stimmt. Es sind Unglücks-Symbole, aber konstruiert sind sie als Anti-Bilder zum Glück, also solche, die die Vorstellung des (rein heteronomen, systemfunktionalen) Glücks verstärken (sollen). Im Unglück selbst, als solches, ist mensch – aus heutiger Konstruktion des Begriffes – alleiniger als im Glück. Und dadurch ergibt sich auch innerhalb des Systems mehr Spielraum im Unglück (zur Entwicklung eines eigenen Weges und der Gestaltung) als im (Schablonen-)Glück.
        Das Glück für selbst-mitgeprägte Formen zu erobern scheint mir schwieriger als das Unglück für sich zu behalten, weil das Unglück einem leichter überlassen wird. Aber das Glück sollte mensch sich auch erobern wenn er es entwickeln kann.

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    • Wenn her wirklich irgendwer etwas gedacht haben sollte, wäre es noch unverantwortlicher die Besucher der deutschen Hauptstadt mit „Bombadier“ zu begrüßen.

      Ein gutes Buch, ja. Ich bin fasziniert von ihrem Stil und dem mitreissenden Erzählfluss, der immer nüchtern-lakonisch bleibt.

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