Endlich

640px-Grosser_Stein_Altentreptow_Suedwest

Vulvation steht auf der ausgebleichten Holzbank am Waldrand und ich stelle mir vor, wie jemand, ein junges Mächen, im Morgengrauen, als der Frühnebel noch über dem Wasser steht, mit stummer Miene diese Botschaft in die Welt bringt.

Eine Frau Anfang 50 kommt mir entgegen. Ihre betagte Barsoi-Hündin folgt ihr mit einigem Abstand. Das breite Gestell, der schmale Kopf, arthritisch der Gang, weich und verloren der Blick. Wie ein grasendes Reh senkt sie langsam den Kopf, nimmt einen Geruch auf und spürt ihm lange nach.

Bald wird sie fünfzehn, erzählt die Frau und ich staune über diese statistische Sensation.
Gemeinsam gehen wir ein Stück des Weges Richtung Insel der Jugend.
Es ist ein angenehmes, ruhiges Gespräch, das wir führen. Beide mit großer Aufmerksamkeit einander zugewandt. Eine ungewöhnliche Sympathie und Übereinkunft ohne jede Fremdheit.
Am großen Parkplatz geben wir uns die Hand zum Abschied. Ich bin A. sagt sie. K. antworte ich. Wir schauen uns in die Augen und lächeln.
Es gibt etwas, worin wir uns ähnlich sind, das fühle ich, doch ich kann es nicht benennen.
Eine Verletzbarkeit vielleicht, die vorsichtige Neugierde, das große Interesse an Menschen und am Leben, Vertrauen. Die Ehrfurcht vor dem Sein und vor dem Vergehen.

Vielleicht treffen wir uns mal wieder, sagt A. zum Abschied, wir sind oft hier.
Ja, das wäre schön.

Die blinde Hündin steht und schaut ins Nichts, als ich mit Töle weiterziehe.

Später suche ich im Netz nach einer alten Radierung, die ich in meiner Kindheit sah, darauf eine Frau und ein Barsoi. Doch ich finde sie nicht.
Ein Spaziergang mit meinen Eltern auf dem Lohrberg kommt mir in den Sinn. Ich, an der Hand meines Vaters, der Himmel grau, kalter Frühlingsregen sprüht mir ins Gesicht, mich fröstelt. Eine riesige, bauchige Flasche liegt im Gestrüpp. Darin eine Maus, halb skelettiert schon.
So winzig, so tot, so allein.

Heute ist der Geburtstag meiner Mutter. Sie weiß nichts  davon.
Ein Anruf. Jemand ist völlig unerwartet gestorben. Alles andere wird unwichtig.

Foto: „Grosser Stein Altentreptow Suedwest“ von Erell – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grosser_Stein_Altentreptow_Suedwest.jpg#/media/File:Grosser_Stein_Altentreptow_Suedwest.jpg

4 Kommentare zu “Endlich

    • Ob schicksalhaft oder nicht wird sich noch zeigen. In jedem Fall war es eine sehr schöne Begegnung. Für uns beide.

      Unter Windhund/Frau/Radierung findet sich in der Tat jede Menge. Ein beliebtes Motiv. Inzwischen glaube ich aber, dass es doch eher ein Ölgemälde war. So lang her, dass ich es gesehen habe.

      Danke für den Hinweis und einen schönen Tag!

      Gefällt 1 Person

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