Dschungel

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Der Raum war ein enger, hoher Schacht, tapeziert mit großblättrigem Schlingpflanzendekor in dunklen Grüntönen.
Morgens schien die Sonne in die Höhle, den Rest des Tages sorgte ein alter Messinglüster mit geschliffenen Glastropfen für angenehm gedämpftes Licht.
Der obere Teil des schmalen Fensters war von Bücherbrettern verdeckt, der untere gestattete einen weiten Blick. Im Süden schimmerte kühl die blaue Linie des Spessarts.
Ich studierte die Bücher meines Vaters. Sie gefielen mir ohne dass ich sie verstand.
Robert Walser, Thomas Mann, Franz Kafka.
In dem dicken Hausratgeber von 1920 las ich zum ersten Mal das Wort Leibesfrucht.
Viel später, ich war schon in der Pubertät, vertrieb ich mir dort die Zeit mit Rosa von Praunheims ausschweifenden sexuellen Abenteuern.
Mein Abitur machte ich schließlich auf der gleichen Schule wie er und Canetti.

Die Stunden in der Gästetoilette meines Elternhauses haben meine Weltsicht nachhaltig geprägt.

 

 

Bild: Henri Rousseau, Dschungel am Äquator, artelista

19 Kommentare zu “Dschungel

    • @Wildgans

      Gute Frage. Ich hatte keine Ahnung was damit gemeint war. Der Text behandelte einen Abort, also den Verlust der Leibesfrucht. Ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen, dass jemand Obst im Körper hat, dieses dann verliert und darum ein derart mysteriöses Trara gemacht wird.
      Die Welt des Ratgebers blieb mir fremd. Aber genau das mochte ich.

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  1. Rousseau’s Bild gefällt mir. Ich denke dabei an unseren kleinen Garten hinterm Haus der zur Zeit etwas dschungelhaft aussieht, da wir einen sehr regenreichen Sommer hatten. Wir leben ja in Australien etwas südlich von Sydney.
    Ich wuchs in Berlin auf. Während des zweiten Weltkrieges begann ich Bücher zu lesen, die ich auch oft nicht so richtig verstand. Aber ich habe mich gern an Bücher herangemacht von denen ich wusste, dass sie an sich nicht für mein Alter geeignet waren.
    “ . . . tapeziert mit großblättrigem Schlingpflanzendekor in dunklen Grüntönen.“ Hört sich schön an. :-)

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      • Ja, es ist hier noch warm, aber nicht mehr heiss. Die Tage werden zusehends kürzer, die Sonne ist nicht mehr so heiss wie im Sommer.
        An Tagen, wo es viele Wolken gibt, und vielleicht obendrein noch Regen, fangen wir an zu frösteln! Es sind tagsüber aber fast immer noch über 20 Grad. Heizen tun wir erst wenn die Temperatur im Haus unter 20 Grad sinkt. Heizen ist hier bei uns meistens nur für zwei oder drei Monate im Jahr nötig. Viele Leute haben Airconditioning, besonders für die heissen Tage im Sommer. Wir mögen keine Airconditioning. Wir halten Temperaturen um 30 Grad ganz gut aus. Nur wenn es auf 40 Grad zugeht, finden wir dies ein bisschen zu heiss! Aber solche heissen Tage sind in unserer Gegend in Meeresnähe sehr selten. Auch wirklich kalte Tage, an denen die Aussentemperatur über Nacht auf plus 5 Grad absinken kann, haben wir recht selten. Die kälteste Zeit ist bei uns meistens der Juni. Besonders kalt empfinden wir es, wenn im Winter vom Inland der Nordwest Wind bläst. Kalte Winde lassen die Temperatur viel kälter erscheinen als sie wirklich ist. Ich mag gar nicht gern aus dem Haus gehen, wenn so ein kalter Wind bläst. Selbst im Sommer können sehr kräftige Winde manchmal recht unangenehm sein.
        Wir haben einen kleinen privaten Garten, wo ich mich mit einem Buch in die Sonne setzen kann zum Lesen oder einfach nur zum reflektieren! :-)
        Nicht mehr lange, dann ist Ostern. Ich hoffe, du wirst die Ostertage bei etwas Sonnenschein recht gut geniessen können.
        Herzliche Grüsse von Uta aus Australien

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        • Heute werden 17 Grad in Berlin erreicht. Der Frühling ist da, die ersten Bäume blühen, auch Forsythien in Blüte sah ich dieser Tage.
          Endlich wieder Farbe und Wärme!
          ihr habt Euch einen schönen Platz zum Leben ausgesucht, so lässt sich leben.
          War es Euch nicht ein bisschen zu weit weg von Berlin in den ersten Jahren?
          Herzliche Grüße von der anderen Seite der Welt!

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      • Berlin ist von hier aus wirklich sehr weit weg, das kann man schon sagen. Peter möchte aber zu gern Berlin noch einmal besuchen. In der heutigen Zeit ist man in der glücklichen Lage, dass man dies alle paar Jahre mal machen kann. Wir neigen dazu, wenn wir verreisen, recht sparsam zu leben. Man muss ja auch nicht von allem immer das teuerste haben. Peter ist in Berlin immer noch wie zu Hause, besonders auch weil er über das Internet viel erfahren kann.
        Herzliche Grüsse zurück von Uta

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  2. Mein Ort für die Leseabenteuer war der Fußboden vor der großen Balkontür im Dachgeschoss. Dort liegt ein Heizungsrohr im Boden, sodass ich es immer schön warm hatte. Wenn ich raus schaute, sah ich einen Apfelbaum in Nachbars Garten und die Gedanken flogen ganz weit weg.. Ich las Ben Hur und die Verlorene Ehre der Katharina Blum, die ich mir aus der katholischen Bücherei auslieh. Im Hause meiner Eltern gab es kein einziges Buch.
    Wenn ich heute zu meiner Mutter komme, lege ich mich manchmal noch an den alten Platz, aber ich habe hinterher Schwierigkeiten aufzustehen.

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    • Es ist genau diese Art von Geschichten, die mich, trotz allen Haderns, weiter bloggen lassen.
      Kann mir das richtig gut vorstellen. Das warme Rohr, Deine private Fußbodenheizung, der (blühende) Baum.
      Kein einziges Buch hatten Deine Eltern Zuhause? Nicht einmal die Bibel? Die fand sich doch früher in beinahe jedem Haushalt.

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      • Nein, noch nicht mal die. Nur ein graues Postleitzahlenbuch und die Programmzeitschrift „TV Hören und Sehen“ aus deren Kleinanzeigen ich den Großteil meiner sexuellen Aufklärung gezogen habe. Aber Eltern mit einem übervollen Bücherregal können einen ja auch einschüchtern. Zum Glück hast du dich nicht abschrecken lassen.

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  3. Ich hab mich immer heimlich auf unseren Dachboden verzogen und in den Büchern meiner Eltern geschmökert. Das sind Hunderte. In der Pubertät hab ich zumindest bei „Wie man eine Feige isst“ rote Ohren bekommen. Die Bibel lag da nie – war im Osten auch nicht sehr verbreitet – dafür ganz viel Politisches. Das hat auch geprägt…

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  4. Schön, der Rousseau. Mir ist, als könnte ich die Tapete sehen! Mein Leseort? Da sehe ich als Erstes eine Klemmleuchte (orange-gelb) an meinem Bücherregal über dem Bett, in einer Nische (Schrank quer davorgestellt – ich war ständig am Zimmer umbauen). Und rieche das heiße Plastik der Lampenfassung.

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    • Die Tapete war gedeckter, wilder, verschlungener- wie bei Sendaks wilden Kerlen.(das Kinderbuch habe ich nach Auskramen dieser Erinnerung gleich gebracht gekauft)

      Hinter dem Schrank klingt nach einer Höhle, und an den Geruch der Klemmleuchten kann ich mich auch noch erinnern. Hatte man einfach eine bessere Wahrnehmung/ Aumerksamkeit, oder rochen die Dinge früher noch intensiver als heute?
      Das Faible für´s Umräumen scheint Ihnen bis heute erhalten geblieben zu sein, oder?

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  5. Wie schön, wenn Bücher ihren Zauber noch dazu an einem magischen Ort entfalten, und sei es die Gästetoilette… (vielleicht machen sie auch jeden Ort zu einem magischen, wenn man sich nur verzaubern lassen kann…). Ich habe mit Vorliebe in alten Lexika geschmökert und die alten Geschichten aus dem Fundus meiner Mutter verschlungen: „Das Lied von Bernadette“, „Désirée“ und „Die gute Erde“, zum Beispiel.

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    • Und weisst Du noch wo Du die Bücher gelesen hast? Gab es einen besonderen Ort? oder gibt es heute einen Platz an dem Du besonders gut und gerne lesen kannst?
      Die Bücher, die Du nennst sind mir alle unbekannt.
      „Die gute Erde“ ist ein schöner Titel.

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      • „Das Lied von Bernadette“ (Franz Werfel) erzählt die Geschichte der Heiligen Bernadette Soubirous von Lourdes, „Désirée“ (Annemarie Selinko) die Liebesgeschichte zwischen Désirée und Napoleon (verfilmt mit Marlon Brando und Jane Simmons), und „Die gute Erde“ gilt als Hauptwerk von Pearl S. Buck (Nobelpreis 1938), eine der schriftstellenden Heldinnen meiner Jugend..:-) – Wenn es einen besonderen Ort gab, dann war es das Bett (ist es eigentlich immer noch), vermutlich weil ich viel krank war, und Lesen im Krankenbett zu meinen prägenden Kinheitserinnerungen gehört. Absolut pflegeleicht war ich dadurch natürlich auch..;-)

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