steady state

Aquarius2

Der Augenblick ist jenes Zweideutige, darin Zeit und Ewigkeit einander berühren.

Søren Kierkegaard

Und wieder Frühling.
Das rostig-schräge Lied der Meise – wie die Schaukel in unserem Garten, damals. Nebenan der modrigsüße Duft der hauseigenen Kelterei. Bergeweise Äpfel im schattigen Hinterhof. Der alte Herr W. im Feinripp winkt mir von drüben zu und nickt dabei.
Sein Neffe lebt noch. Wir treffen ihn auf der Straße. Zur Begrüßung zieht er ein kleines Album aus der Jackentasche und zeigt uns die gelbstichigen Fotos seiner verstorbenen Schäferhunde.
Vergeblich suche ich in seinem Gesicht nach den Zügen des Onkels.

Ich schaue aus dem Fenster in den klaren Tag. Weisse Mittagssonne, raschelnder Bambus, kühle Luft. Das Schilf am Ufer, der See in Neuruppin.

Ausgebleicht der Waldboden. Vertrocknetes Laub, tonfarbene Blattfraktale. Waldmeistergrün schiebt der Bärlauch sich aus der Erde.
Umgestürzte Buchen, klaffende Stümpfe. Neue Lichtungen.
Irgendwann im Winter.

Ein dünner Zweig biegt sich unter meiner Bananenschale. Der Hund springt aus dem Stand.
Ganz langsam dreht das stillgelegte Riesenrad sich im Wind.
Die Waldschule.
Krokusse, Schneeglöckchen, Winterlinge. Vorbei der milchige Schlaf.

Für einen kurzen Moment denke ich über die Zeit nach, die unaufhaltsame.
Die Unmöglichkeit ihr etwas entgegen zu setzen.
Ich sehe mich Buster-Keaton-artig gegen eine Tür gestemmt, sie nicht herein zu lassen und auch diese kostbaren Wochen und Monate mit sich zu nehmen.
Und draußen, im hellen Jetzt steht Kater Ludwig Aug in Aug mit der getigerten Nachbarskatz. Der Schwanz buschig, voller Leben, mitten in der vergehenden Zeit.

Würde sie nicht vergehen, sagst du, dann könnten wir sie nicht zusammen erleben. Der Moment, der bliebe, wäre tot; das Lächeln, das nicht gesehen, nicht im Herzen ankommen kann. Nur was vergeht kann Schönheit besitzen.

Und sterben.

Wie ein Wellenkreis breitet  sie sich aus. Zeitringe.
Unsere Einschläge dicht nebeneinander.

 

Foto: Wikipedia, aquarius,cc, no attribution required

18 Kommentare zu “steady state

  1. „Too tender to touch, too fragile to last…“; warum mir ausgerechnet dieses Stück von Lene Lovich einfällt? Weil die Zeit manchmal etwas so Schönes gebiert wie diesen Deinen Text, den ich einfach nur unangetastet wissen will, vielleicht aus Furcht, er könnte unter meinen Händen vergehen, wenn ich daran rühre. Wunderschön…

    Gefällt 4 Personen

  2. Danke! Ganz, ganz groß. „Würde sie nicht vergehen, dann könnten wir sie nicht zusammen erleben“ – diesen Satz werde ich mir ganz, ganz gut merken, für die Momente, in denen es so traurig ist, dass die Zeit vergeht…

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    • Danke Greta, das freut mich. Dieser kluge Satz geht ganz allein auf das Konto des klugen Mannes, der auch mich damit getröstet hat. Da wird das Schmerzliche auf einmal notwendig und tut kaum noch weh.
      Einen schönen Sonntag Dir!

      Gefällt 1 Person

  3. Endlich bist Du wieder da.

    Alles passiert in einem Augenblick und dann gehört es schon der Vergangenheit an. Du kennst ja Deinen „Faust“, wenn Du möchtest, das der Moment verweile, dann bist Du tot. Also streben wir immer in die Zukunft.

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      • Vielen Dank für die Grüße. Ich denke das Ende der Welt liegt in Neuseeland. Alle die, welche nach dem 2. Weltkrieg geboren wurden hatten ein, verhältnismäßig, gutes Leben. Und so ist es noch heute. Die zwanziger und dreißiger Jahre waren Horrorjahre und endeten im zweiten Weltkrieg. Du hast Recht, die Jetztzeit ist kostbar. Man sollte sie achten. Aber die Gefahr besteht, das die Menschen, dem Extremismus verfallend, auf einen Abgrund zu treiben. Von Deutschland gesehen leben wir hier im Paradies, aber ich kann Dir versichern auch im Paradies kann man die Schatten einer düsteren Zukunft beobachten.

        r.

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