Südseite und Amputationsschmerz

Meine spottbillige Altbauwohnung in zentraler Lage, ruhig, hohe Decken, Parkett, mit Gartennutzung, Dachterrasse und angenehmer Nachbarschaft, hat neben dem innenliegenden Bad leider auch noch die typische Südseitenproblematik  : die Februarsonne scheint mir ins Gesicht, so dass ich lichtgeblendet zur Verdunkelungsbrille greifen oder die Jalousien herunter lassen muss, um die sonntägliche Muße zwischen Kaffee und Hundespaziergang mit einem guten Buch genießen zu können. Aktuelle Lektüre: Italo Svevo, Zenos Gewissen. Für den persönlichen Komfort und eigenhändig mit dem Teppichmesser in 4 angenehme Portionen zerteilt.

20150119_144936

Kommentar des Einen: barbarisch.

(Zwischen den Zeilen: drei Abschiede. Ein kleiner, einen mittlerer und ein ganz großer. Letztgenannter steht noch bevor und tut jetzt schon weh wie eine Verbrennung zweiten Grades. Vorgeschmack auf den Amputationsschmerz am Dienstag)

Die Welten der Anderen (6)

800px-Pigeon_wingtips

Es ist wieder soweit. Ich habe gesucht und gefunden. Da ich inzwischen über 300 Blogs verfolge, übersehe ich sicher ständig ganz tolle Beiträge. Es möge sich also bitte niemand übergangen fühlen.
Hier nun eine kleine und ziemlich organische Auswahl der letzten Wochen.

summacumlaudeblog, 38 (Melancholie und Diagnosen)
Ein Pathologe und die Rückschlüsse, die er aus dem toten Körper zieht.
Ein später Gruß aus Stalingrad.
Ich mag wie und was summacumlaude schreibt. An das Blogbild werde ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen. Zu organisch.

robotinabox, An das sich im Bus über meinem Einzelsitz gebeugt küssende Pärchen:
Eine Autistin regt sich über das speicheltropfende Pärchen auf, dass sich hemmungslos vor und über sie hinweg küssen muss.
Ein interessantes Blog. Allein das „About“ ist sehenswert

Beves Welt, Frankfurt – Mein Frankfurt
Meistens nevt ihn die Stadt. Zuviel Geld, zuwenig Rock´n´Roll.
Das war mal anders. In den 70er und 80er Jahren. Da gab es noch

…das Frankfurt der Straßenkinder, der Gastarbeiter, der unaufgeregt hässliche Alltag an einem tristen, regnerischen Novembermorgen. Grüneburgpark, Stadtbad Mitte, Trambahn, Bunker, Flohmarkt. Niemand mochte Frankfurt. Man konnte an den Main gehen und traf keinen Menschen. In der Kneipe in der Großmarkthalle hingegen saßen sie, die Trinker, die Nachtschwärmer, die Einsamen. Endstation Sehnsucht. Und die Eintracht holte Titel, Spieler posierten in Pelzmänteln vor S-Klasse Daimler, die Junkies versorgten sich an der Taunusanlage inmitten der Banker mit Stoff, das Bahnhofsviertel war das Bahnhofsviertel. Frankfurt war räudig, aber ehrlich.

Ein schönes Bild einer besonderen Stadt zeichnet Beve da und findet auch im Heute noch gute Gründe sie zu lieben.
Ach, Frankfurt…

Die Freaks und ich, #weilwirdichlieben
Die Berliner und die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG). Eine ganz besondere Liebe, die vor allem gekennzeichnet ist von Faszination und Ekel. Kein Wunder, denn von Kotze über Kacke bis zum Stormtrooper ist hier alles dabei.
Hab sehr gelacht, danke Karo! Jenau so isses.

dr. benways laboratorium, Adrenalin, PTBS und die Suche nach der Wahrheit
Krieg. Wie ist das in einem Meer aus Adrenalin zu schwimmen und sozusagen high on war zu sein?
Der Krieg ist erotisierend. Er ist Angst, Neugier, Tötungstrieb, Lebensintensität- ein Rausch.

„Der Kampf ist nicht der Ort, an dem man stirbt – obwohl auch das geschieht -, sondern der Ort, an dem man herausfindet, ob es einem gegeben ist, weiterzuleben. Die Kraft dieser Offenbarung möge niemand unterschätzen. Und niemand unterschätze das, was junge Männer einsetzen, um das Spiel noch einmal mehr zu spielen.“

Ich dachte immer Krieg wäre a mans world, aber natürlich gibt es auch weibliche Kriegsreporter und Soldaten. Unvergessen, zum Beispiel, die 2014 erschossene Kriegsreporterin und Pulitzerpreisträgerin.Anja Niedringhaus.
Ein faszinierender Text, den ich der Leserschaft dringend ans Herz legen möchte.

Muetzenfalterin, Die Tür
Die Muetzenfalterin schreibt über den Tod ihres Vaters. Darüber wie sie ihn als kleines Mädchen erlebt und wie sie es nicht schafft ihr eigenes Leben vor der Tür des Sterbezimmers zu lassen.
Schon zu Beginn des Textes schwingt eine grausame Unentrinnbarkeit mit.

Ich bin grausam. Wenigstens mitleidslos. Wie Schneewittchens Mutter wäre ich in der Lage dem Jäger zu befehlen, mein Kind mit sich zu nehmen und nur mit seinem Herzen in der Hand zurückzukehren.

Ein Beitrag, den ich mehrmals lesen musste und der mir sehr ans Herz geht.

Fritz vs. everything, Das Buch Geburtstag. Oder: Happy Birthday heisst, Du bist Luft für mich!
Wer sich auf facebook be- und entfreundet, weiß, dass die Geburtstagsglückwünsche dort nichts anderes sind als Ausdruck vollkommener Gleichgültigkeit. Fritz erklärt, was das Setzen eines oder mehrerer Ausrufezeichen über das Verhältnis des Gratulanten zum Jubilar aussagt.
Überhaupt mausert sich Fritz zu einem meiner Berliner Lieblingsblogs.
Reinschauen!

Mein Leben als Auftragsmörderin, Der Tag, an dem die Welt mich an die Kriminalität verlor
Sie hat klein angefangen und wurde schließlich zum Profi in Sachen Kriminalität.
Dass sie es damit sogar zur Grimme-Preisträgerin gebracht hat tut nix zur Sache.
Ein taufrisches Blog – ich freue mich auf weitere Beiträge.

Nicht Mai und auch nicht Juni

640px-Vuosaaren_sataman_Horisontti

Kein Horizont ohne Zeit

Kein Dach ohne Ach

Kein Teil ohne Bruch

Kein Sein ohne Reiz

Keine Perspektive ohne Blick.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: „Vuosaaren sataman Horisontti“ von Htm – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vuosaaren_sataman_Horisontti.jpg#mediaviewer/File:Vuosaaren_sataman_Horisontti.jpg

Die Tränen der Maria

Lulu-louise-brooks-30540101-500-340

Februar, endlich. Die Sonne scheint, im Garten raschelt der Bambus und Morgen ist bereits Mariä Lichtmess. Da kann der Bauer wieder bei Licht ess´, wie man in Franken sagt.

C. hatte an diesem Tag, von dem ich bis zu meinem Studium im katholischen Würzburg noch nie etwas gehört hatte, Geburtstag. Wir waren im gleichen Semester und sie erinnerte mich ein wenig an Louise Brooks, von der ich lange Jahre ein riesiges Filmposter hatte. Die gleiche skulpturale Frisur, das gleiche expressiv geschminkte Gesicht, beinahe wie modelliert.
Wenn sie den Mund aufmachte trat mit einem leicht quengelnden Ton, ein breites Österreichisch zutage, dass das Laszive, das ihr ohnehin anhaftete, noch unterstrich.

Ich erinnere mich genau wie wir uns zu Beginn des Studiums kennen lernten. Ich stand im Waschraum der Uni und wartete auf A., die sich die Hände wusch und die Augen nachschminkte. C. kam, die Türe weit aufreissend, mit großen Schritten herein und ging geradewegs auf das Waschbecken zu. Alles an ihr war Auftritt. Mit einem feinen ironischen Lächeln um den blutroten Mund stellte sie sich vor den Spiegel und zog ihren Lidstrich wie auch die Herzform der Lippen mit der größtmöglichen Sorgfalt und enormem darstellerischen Ausdruck nach. Es war faszinierend ihr dabei zuzuschauen und es fiel mir schwer mein Gespräch mit A. fortzusetzen. Ob sie Zuhause, wenn sie für sich war, mit kleineren Bewegungen und einem weniger theatralischen Gehabe auskam? Ich war beinahe sicher, dass dieser Gestus allein der Öffentlichkeit vorbehalten war und gerade das machte ihre Performance so interessant und wies alle anderen in die Rolle des Publikums.
Mein Gespräch mit A. war für einen Moment ins Stocken geraten. Als wir es wieder aufnahmen drehte C. sich plötzlich zu uns um, strahlte mich aus ihren blauen Augen mit den schwarz getuschten Wimpern und dem dunklen Lidstrich an, rang mit den Händen vor der Brust wie ein Stummfilmstar und rief laut aus: A geh! Aus Frankfurt kommst du! Ja, das ist ja ganz wunderbar! Gibt es dort viel Kriminalität, also Verbrechen, solche Sachen?“
Sie habe ein Jahr in Manchester (Mannschester, wie sie es aussprach) verbracht und die Armut, wie auch die Straßenkriminalität dort seien sehr beeindruckend gewesen.
Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte und war so irritiert über diesen unvermittelten Gesprächseinstieg, dass ich lachen musste.
Nein, davon bekommt man gar nichts mit in Frankfurt. Das findet in bestimmten Milieus statt, aber nicht im Alltag.

C. wollte mir nicht recht glauben. Sie hatte gelesen, dass Frankfurt in der bundesweiten Kriminalitätsstatistik an der Spitze stand und für Kriminalität interessierte sie sich wirklich sehr, seit sie in Manchester war. Sie schien den Eindruck zu haben, dass ich mit irgend etwas hinter dem Berg hielt, denn sie blickte mich weiterhin voller Erwartung an, beinahe als wäre ich eine Heilsbringerin, die durch ihre schiere Herkunft und Anwesenheit Glamour und den Ruch der Großstadt in den langweiligen Trott der Provinzstadt bringen konnte, in der bereits ein Sturz vom Fahrrad genügte um in die Lokalnachrichten zu kommen.
Ich war in ihren Augen ein Star und von diesem Tag an suchte sie meine Nähe.

C. war immer auf der Bühne. Ganz in Schwarz gekleidet, tat sie alles, was sie tat, mit einer raumgreifenden körperlichen Präsenz und mit großem Pathos. Beinahe jeder Satz geriet zum Ausruf, wenn nicht zur Deklaration und ihr Dialekt unterstrich den Eindruck eine veritable Burgschauspielerin vor sich zu haben. Ihre Zeichen standen auf Verführung und sie schmeichelte den Menschen, indem sie fast jeden mit einem Titel belegte: den Herrn Hausmeister, den Herrn Bäcker, den Herrn Klienten und den Herrn Wachtmeister.
Letzteres sagte sie besonders gerne und wenn wir während eines gemeinsamen Praktikums beim Landratsamt Würzburg in der städtischen Kantine zu Mittag aßen, genoss sie es mit ihrem herausfordenden Blick aus halbgeschlossenen Augen ein „Mahlzeit Herr Wachtmeister“ zu hauchen und dabei ein vieldeutiges Lächeln aufzulegen.

Essens net soviel Eier, Herr Wachtmeister, davon bekommens bloß a Verstopfung, raunte sie einmal einem zu, der neben ihr am Buffet stand und sich bei den Salaten bediente. Tatsächlich ließ der so Ertappte das hartgekochte Ei, das er gerade zu den beiden anderen auf seinem Teller legen wollte, zurück in die große Schale fallen. Dann nahm er sein Tablett von der Ablage, mied jeden weiteren Blickkontakt mit ihr und spähte nach einem freien Platz in dem großen Saal.
Schau´ns, lobte C. Ihn, als er an ihr vorbei ging und ein spöttischer Zug spielte um ihre Mundwinkel, zwei Eier reichen doch.

Die Tage werden wieder länger und morgen hat C. Geburtstag.
C., die, Jahre nachdem ich Würzburg verlassen hatte, einen Frontalzusammenstoß auf der Landstraße hatte, den sie trotz schwerster Verletzungen überlebte.
Zwei gute Gründe zu feiern.

 

(gif: fanpop.com)