Die Tränen der Maria

Lulu-louise-brooks-30540101-500-340

Februar, endlich. Die Sonne scheint, im Garten raschelt der Bambus und Morgen ist bereits Mariä Lichtmess. Da kann der Bauer wieder bei Licht ess´, wie man in Franken sagt.

C. hatte an diesem Tag, von dem ich bis zu meinem Studium im katholischen Würzburg noch nie etwas gehört hatte, Geburtstag. Wir waren im gleichen Semester und sie erinnerte mich ein wenig an Louise Brooks, von der ich lange Jahre ein riesiges Filmposter hatte. Die gleiche skulpturale Frisur, das gleiche expressiv geschminkte Gesicht, beinahe wie modelliert.
Wenn sie den Mund aufmachte trat mit einem leicht quengelnden Ton, ein breites Österreichisch zutage, dass das Laszive, das ihr ohnehin anhaftete, noch unterstrich.

Ich erinnere mich genau wie wir uns zu Beginn des Studiums kennen lernten. Ich stand im Waschraum der Uni und wartete auf A., die sich die Hände wusch und die Augen nachschminkte. C. kam, die Türe weit aufreissend, mit großen Schritten herein und ging geradewegs auf das Waschbecken zu. Alles an ihr war Auftritt. Mit einem feinen ironischen Lächeln um den blutroten Mund stellte sie sich vor den Spiegel und zog ihren Lidstrich wie auch die Herzform der Lippen mit der größtmöglichen Sorgfalt und enormem darstellerischen Ausdruck nach. Es war faszinierend ihr dabei zuzuschauen und es fiel mir schwer mein Gespräch mit A. fortzusetzen. Ob sie Zuhause, wenn sie für sich war, mit kleineren Bewegungen und einem weniger theatralischen Gehabe auskam? Ich war beinahe sicher, dass dieser Gestus allein der Öffentlichkeit vorbehalten war und gerade das machte ihre Performance so interessant und wies alle anderen in die Rolle des Publikums.
Mein Gespräch mit A. war für einen Moment ins Stocken geraten. Als wir es wieder aufnahmen drehte C. sich plötzlich zu uns um, strahlte mich aus ihren blauen Augen mit den schwarz getuschten Wimpern und dem dunklen Lidstrich an, rang mit den Händen vor der Brust wie ein Stummfilmstar und rief laut aus: A geh! Aus Frankfurt kommst du! Ja, das ist ja ganz wunderbar! Gibt es dort viel Kriminalität, also Verbrechen, solche Sachen?“
Sie habe ein Jahr in Manchester (Mannschester, wie sie es aussprach) verbracht und die Armut, wie auch die Straßenkriminalität dort seien sehr beeindruckend gewesen.
Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte und war so irritiert über diesen unvermittelten Gesprächseinstieg, dass ich lachen musste.
Nein, davon bekommt man gar nichts mit in Frankfurt. Das findet in bestimmten Milieus statt, aber nicht im Alltag.

C. wollte mir nicht recht glauben. Sie hatte gelesen, dass Frankfurt in der bundesweiten Kriminalitätsstatistik an der Spitze stand und für Kriminalität interessierte sie sich wirklich sehr, seit sie in Manchester war. Sie schien den Eindruck zu haben, dass ich mit irgend etwas hinter dem Berg hielt, denn sie blickte mich weiterhin voller Erwartung an, beinahe als wäre ich eine Heilsbringerin, die durch ihre schiere Herkunft und Anwesenheit Glamour und den Ruch der Großstadt in den langweiligen Trott der Provinzstadt bringen konnte, in der bereits ein Sturz vom Fahrrad genügte um in die Lokalnachrichten zu kommen.
Ich war in ihren Augen ein Star und von diesem Tag an suchte sie meine Nähe.

C. war immer auf der Bühne. Ganz in Schwarz gekleidet, tat sie alles, was sie tat, mit einer raumgreifenden körperlichen Präsenz und mit großem Pathos. Beinahe jeder Satz geriet zum Ausruf, wenn nicht zur Deklaration und ihr Dialekt unterstrich den Eindruck eine veritable Burgschauspielerin vor sich zu haben. Ihre Zeichen standen auf Verführung und sie schmeichelte den Menschen, indem sie fast jeden mit einem Titel belegte: den Herrn Hausmeister, den Herrn Bäcker, den Herrn Klienten und den Herrn Wachtmeister.
Letzteres sagte sie besonders gerne und wenn wir während eines gemeinsamen Praktikums beim Landratsamt Würzburg in der städtischen Kantine zu Mittag aßen, genoss sie es mit ihrem herausfordenden Blick aus halbgeschlossenen Augen ein „Mahlzeit Herr Wachtmeister“ zu hauchen und dabei ein vieldeutiges Lächeln aufzulegen.

Essens net soviel Eier, Herr Wachtmeister, davon bekommens bloß a Verstopfung, raunte sie einmal einem zu, der neben ihr am Buffet stand und sich bei den Salaten bediente. Tatsächlich ließ der so Ertappte das hartgekochte Ei, das er gerade zu den beiden anderen auf seinem Teller legen wollte, zurück in die große Schale fallen. Dann nahm er sein Tablett von der Ablage, mied jeden weiteren Blickkontakt mit ihr und spähte nach einem freien Platz in dem großen Saal.
Schau´ns, lobte C. Ihn, als er an ihr vorbei ging und ein spöttischer Zug spielte um ihre Mundwinkel, zwei Eier reichen doch.

Die Tage werden wieder länger und morgen hat C. Geburtstag.
C., die, Jahre nachdem ich Würzburg verlassen hatte, einen Frontalzusammenstoß auf der Landstraße hatte, den sie trotz schwerster Verletzungen überlebte.
Zwei gute Gründe zu feiern.

 

(gif: fanpop.com)

4 Kommentare zu “Die Tränen der Maria

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s