Robben und Raketen [*.txt]

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Fragte man mich als Kind, was ich machen würde, wenn ich drei Wünsche frei hätte, so antwortete ich jedes Mal, dass meine Eltern oder wenigstens mein Vater nie sterben sollten, dass ich in keinen Krieg geraten wollte und den dritten Wunsch verwendete ich selbstverständlich auf das Wünschen unendlich vieler Wünsche, um mir nämlich auch noch zu erbitten, dass es keine Erdbeben und Vulkanausbrüche mehr geben möge und die Kinder in Afrika nicht verhungern müssten. Eigentlich wünschte ich mir vor allem Regen für Afrika, denn das schien mir sehr nötig zu sein, wenn sogar schon die Gazellen ans gleiche Wasserloch mit den Löwen gehen mussten und dabei Gefahr liefen tot gebissen zu werden.

So verlockend es war sich mit unendlich vielen Wünschen einzudecken, so unsicher war ich, ob dies möglicherweise gegen irgendwelche Regeln verstieß. Ich hatte Skrupel, denn es gab wahrscheinlich einen Grund, warum die Anzahl der Wünsche auf drei begrenzt war.
Ich fragte mich, ob ich durch meine Unbescheidenheit nicht enden würde wie der Fischer mit seiner Frau, die immer mehr und dann noch mehr forderte, bis sie schließlich vom Butt verlangte sie  Gott gleich zu machen. Kaum hatte sie diesen größenwahnsinnigen und gotteslästerlichen Wunsch ausgesprochen, flog ihr schon der ganze Prunk, in dem sie inzwischen lebte, um die Ohren und sie saß wieder in ihrer armseligen Hütte. Trauriger denn je, denn sie hatte Reichtum und Macht gekostet und beides verloren.

Ich entschloss mich mir keine weiteren Sorgen wegen meiner Wunschgier zu machen, denn Reichtum interessierte mich nicht und ich strebte weder an Papst, geschweige denn Gott zu werden.  Dieses brutale und ungerechte Monster, das ganz nach Belieben Menschen auffraß und neue ins dunkle Universum kackte, mit seinem Schwanz peitschte, als Erdbeben über Städte hinweg trampelte und glühende Lava ausspie, war mir ohnehin nicht geheuer.
Es war gut, dass mein Großvater Pfarrer war und im Notfall ein gutes Wort für mich einlegen konnte, ansonsten wollte ich mit Gott möglichst wenig zu tun und stattdessen lieber ein Löwenbaby haben. Gerne auch eine Robbe, der ich den Namen Froppi Baur geben würde. Das stand schon lange fest. Einen weiteren Wunsch verwendete ich dann gleich noch für die Rettung der Robben. Ich bat darum, dass sie nicht mehr geschlachtet würden und die Wale segnete ich im selben Atemzug gleich mit. Auch die Esel sollte man besser behandeln und sie, wenn überhaupt, nicht mehr so schwer bepacken.

Einer meiner größten Wünsche war es eine Schaukel zu haben, die am Mond befestigt war und mit der ich über den Wolken dahinsegeln und mit den Zehenspitzen den Gipfel des Himalaya berühren könnte, wenn er unter mir vorbei kam.
Mein Vater allerdings behauptete, dass es so etwas nicht geben könne, denn wie bitteschön sollte man die endlos langen Seile, die es dafür brauchte, zum Mond transportieren? Die passten doch in keine Rakete. Meine Idee die Seile direkt an der Rakete fest zu binden und sie auf diese Weise zum Mond zu schießen, wollte er nicht gelten lassen. Doch ich wusste es besser und auch sein Argument mit der fehlenden Schwerkraft im All konnte ich ganz leicht aushebeln: ich würde einfach Gewichte benutzen, die die Seile, wenn sie erst einmal an der Mondoberfläche befestigt waren, zur Erde zurück zogen.
Das klappt nicht, glaub mir das doch einfach! waren seine letzten Worte zu dem Thema, dann hatte er genug davon. Aber ich glaubte ihm nicht, obwohl er sonst so klug war. Von Raketen wusste er viel weniger als ich, denn er saß den lieben langen Tag in einem Raum ohne Tageslicht und arbeitete wie ein Galeerensklave, während ich mir Bücher über die Mondlandung anschaute.
Einen meiner vielen Wünsche und so manche Wimper verwendete ich darauf, darum zu bitten, dass er in Zukunft nicht mehr von früh bis spät schuften müsse.

Dieser Wunsch ist inzwischen schon halb in Erfüllung gegangen, wie auch der nach einer Katze, die ich bei mir aufnahm, als ich kurz vor dem Abi Zuhause rausflog. Später kam auch noch der Hund dazu, den ich immer gerne gehabt hätte und durch diesen lernte ich schließlich den Mann kennen, der so wie mein geliebter Donald Duck war.
Wenn ich so nachdenke, kann ich sagen, dass mir nur zwei wirklich wichtige Wünsche im Leben verwehrt geblieben sind (sieht man mal von den unerfüllbaren Wünschen, wie jenem nach Unsterblichkeit, ab).
Mit dem Übergang ins Erwachsenenalter waren sämtliche ungenutzte Wünsche meiner Kindheit verfallen, aber da brauchte ich sie auch nicht mehr.
Wenn ich mir heute etwas wünschen will, lehne ich mich einfach zurück und schließe die Augen.

Musik zum Text: The Beatles, All my lovings

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Bild1: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_young_seal_at_Donna_Nook_-_geograph.org.uk_-_845239.jpg#mediaviewer/File:A_young_seal_at_Donna_Nook_-_geograph.org.uk_-_845239.jpg
Bild2:http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Raygun_Gothic_Rocketship_1.jpg#mediaviewer/File:Raygun_Gothic_Rocketship_1.jpg

12 Kommentare zu “Robben und Raketen [*.txt]

  1. Sicherlich hattest Du damals nie etwas von Leibniz gehört, der erklärt hatte, dass unsere Welt die „bestmögliche“ sei. Kein Wunsch könnte unsere Welt verbessern.

    Aber Kinder träumen immer und können eher die Ungerechtigkeiten der Erwachsenen Welt erkennen. Das mit der Schaukel kann ich nachvollziehen, denn wir, meine Schwestern und ich, waren in der glücklichen Lage eine Schaukel in unserer Wohnung zu haben. Sie hing von der hohen Decke herunter und wie herrlich war es doch, hin un her zu fliegen.

    Mit den Zehenspitzen berührten wir zwar keinen Berg, aber immerhin den Hängeboden. Das wiederum brachte die Nachbarin auf den Plan die das Gebumse überhaupt nicht leiden konnte.

    Das brachte unseren Übermut zu Ende und Leibniz seine Welt wurde wieder die „best mögliche“, denn wir hatten unseren Spaß und die Nachbarin wieder ihre Ruhe.

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    • Das Zitat von Leibniz kenne ich zwar nicht, doch er hatte sicher recht. Warum ist die Welt, wie sie ist? Weil es uns sonst nicht gäbe und niemand diese Frage stellen könnte.

      Die Welt ist so, weil wir diese Frage stellen (können).

      Als Kind wünschte ich mir, Deutschland sei wiedervereint. Die ganze Situation fand ich unerträglich, wo ich dort doch Verwandte habe. Als es dann wirklich geschah, da erkannte ich, dass es nicht reicht, nur zu wünschen. Zum „Tun“ gibt es keine Alternative. Ich muss zugeben, bei einem Besuch dort, nach der Wiedervereinigung, da hatte ich ein schlechtes Gewissen.

      Magisches Denken? Sicher. Doch es kommt darauf an…

      Heute denke ich, Wünsche dürfte man maximal für Andere haben. Was ich für mich will, dass ist relativ einfach – mehr oder weniger. Da existiert keine Grenze, sieht man einmal von mir selbst ab. Was ich für Andere will, dass ist deutlich komplizierter. Es wäre zunächst einmal zu klären, ob der Empfänger des Wunsches das überhaupt will, ob es wirklich gut für ihn und auch für Andere ist. Ist es eine Bereicherung?

      Es wäre doch tatsächlich möglich, dass Andere Dinge eben auch anders sehen (ach? ;-) Das ist gerade für rational denkende Menschen eine erstaunliche Erkenntnis. Das relativiert selbst diese Wünsche für Andere.

      Wünsche? Sie magisch erfüllen zu wollen ist unlogisch. Wozu sollte man sie dann haben wollen? Es gibt sie nicht, in jedem Fall nicht so wie im Märchen. Würde jeder auf der Welt drei Wünsche frei haben, so werden sie sich wohl gegenseitig auslöschen, widersprechen, letztlich die Welt zerstören.

      Tatsächlich bin ich der Meinung, dass Kontradiktionen, also unüberlegte Wünsche, mit großer Macht durchgesetzt, massiven Schaden anrichten. Ein Prozent „Idioten“ richten neunzig Prozent des Schadens an. Besonders, wenn sie es können oder gar nur tun, weil sie es können.

      „Der Zweck heiligt niemals die Mittel“ würde ich gerne der Politik in das Poesiealbum schreiben. Doch sie haben vorsichtshalber so etwas nicht mehr. Es wäre unbrauchbar in dieser Zeit, in der 160 Zeichen das Maximum der Aufnahmekapazität des Hirns der Menschen darstellen.

      Zu lang für das Netz? Alle Wünsche sind vergebens, wenn niemand mehr willens oder in der Lage ist, sich auf einen unbekannten oder gar fremden Gedanken einzulassen.

      Leibniz hatte sicher recht. Sagen wir einmal, wir Menschen sind einfach noch nicht so weit.

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      • Huch, das ist aber eine lange Antwort. Ein Glück, dass wir uns keine Wünsche so leicht erfüllen können. Machtmenschen versuchen es oft und es geht nicht immer gut aus (Das hast Du ja schon zum Ausdruck gebracht).

        Früher, wie ich noch jung war, da wollte ich Leibniz nicht verstehen. Man sah viel Unheil und Ungerechtigkeit in dieser Welt (die sollte die best mögliche sein? unmöglich!).

        Heute denke ich eher, er wollte uns gemahnen mehr die Welt zu akzeptieren. Angenehme Veränderungen kommt doch nur durch Evolution. Das gilt auch für soziale Veränderungen. Nichts kann man erzwingen. Nach einem Sturm muss sich das Meer auch erst wieder glätten.

        Der Sturz der Mauer in Berlin und die Wiedervereinigung, die Du Dir so sehr gewünscht hattest, waren so eine friedliche Evolution.

        Früher, während der Zeit der Teilung, hatten die DDR Behörden einmal eine Tafel am Potsdamer Platz aufgestellt, auf der zu lesen war:

        „WER DIE STAATSGRENZE MIT GEWALT EINRENNEN WILL, WER AN DER MAUER PROVOZIERT, MACHT ALLES NUR SCHLIMMER !“

        Das war Mahnung und Eingeständnis zur gleichen Zeit. Zu der Zeit konnte nichts geändert werden. Die Welt lebte in der Gewissheit der Gegenseitigen Vernichtung. Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

        Als ich ein kleiner Junge war, wünschten wir uns den Frieden. Dieser Wunsch ging nur in Erfüllung nach dem 55 Millionen Menschen gestorben waren.

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    • Leibniz Worte hat mein Vater viel und gerne zitiert. Das Wünschen konnte er mir damit nicht abgewöhnen, wollte er auch nicht. Wahrscheinlich erkannte ich schon als Kind seinen Unterton als ironisch.
      Eine Schaukel an der Decke ist natürlich der ultimative Kinderspaß. Sowas hätte ich heute gerne noch…

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      • Seltsam, dass Du die Schaukel am Mond noch einmal erwähnst. Die hatte ich doch aus meinem Text gestrichen. Oder? Eh, das ist zu lang da noch mal nachzusehen ;-)

        Die Schaukel war für mich ein Symbol für Phantasie, die es erst ermöglicht, etwas zu tun, wörtlich alles zu können (und somit auf Wünsche verzichten zu können). Ohne geht es einfach nicht…

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      • Wo wir jetzt wohnen gibt es einen Kinderspielplatz mit Schaukel. Dort gehen wir gerne hin und schaukelkn auch schon mal wenn keine Kinder dort sind. Es ist ein herrliches Gefühl durch die Lüfte zu schweben.

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  2. Danke für diesen schönen Text! Habe neulich den ersten zur Gratwanderung und damit das spannende txt-Projekt bei Dir entdeckt. Mag die Idee, mache auch mit! Dir wünsche ich einen schönen Abend (einen Wunsch hab ich heute nämlich noch frei) – Liebe Grüße! Greta

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