Rasiermesser oder Der andalusische Hund

Earth_illuminates&Moon
Seufzen. Den lieben langen Tag. Weil beinahe jeder Gedanke in ein warmes Gefühl mündet und weil alles irgendwie und immer mit allem zusammen hängt.
Die Sonne, die über mir und der Welt scheint, selbst wenn sie wolkenverhangen ist hier und da. Dahinter das Licht. Wie auf den Bildern der Kindheit, die wir zuerst mit fröhlichen Buntstiften vielfarbig bemalten und dann mit einer dicken Schicht schwarzer Wachsmalkreide bedeckten.
Später kratzten wir Muster ins Dunkel und schufen einen geheimnisvollen Garten voller Überraschungen und Wunder.

Every cloud has a silver lining. Der erste Satz, den ich auf Englisch lernte.
Mein Großvater ein Dr. phil., ein Theologe, sonntags im Talar und auch sonst ein ernster Mann mit sparsamer Mimik und festem Händedruck, er sprach ihn und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf eine silberumrandete, graublaue Wolke hoch oben am Kasseler Mittagshimmel. Gekrönt von den hervorbrechenden Strahlen der gleißenden Frühlingssonne spiegelte sie sich im Wasser der großen Aprilpfützen, zog schnell über sie hinweg und ließ mich, den Kopf in den Nacken gelegt, klein und voller Vertrauen zurück.
Das Licht im Dunkel, das Schöne im Hässlichen, das Tröstliche im Traurigen. So verstand ich es.

Heile, heile Gänschen

An diesen Tag denke ich oft, wenn der Himmel so düster und die Erde so schwer und nass.
Dass nämlich Alles zu etwas Schönem wird und sei es auch nur für einen kurzen Moment.
Die Sonnenblumenkerne, von den zeternden Spatzen achtlos verstreut,
die kleine Feldmaus, die sie in den Löchern des großen Backsteines hortet oder verspeist,
die übriggebliebenen, die im Frühjahr, das so nahe scheint, aufgehen werden: Hunderte kleiner Keimlinge, sprießend, zur Sonne hin.
Keiner von ihnen wird zur Blume.
Es ist die gleiche Sonne, die sie allesamt verbrennt, noch ehe die fadendünnen Wurzeln Halt und Sicherheit und Bleiben finden.

Musik zum Text: Rocko Schamoni, Der Mond

youtube-Direktlink

 

(Photo: „Earth illuminates&Moon“ von 阿爾特斯 – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Earth_illuminates%26Moon.jpg#mediaviewer/File:Earth_illuminates%26Moon.jpg)

6 Kommentare zu “Rasiermesser oder Der andalusische Hund

  1. tikerscherk, warum diese Überschrift? Und das Bild zeigt den Mond. ;-)

    Nun folgt Selbstironie, wobei überall vielleicht ein kleines Körnchen Wahrheit steckt. „Warum“ nicht mehr, nicht konkret, warum diese Ignoranz? Achselzuck. Aber Du darfst gerne nachfragen. Doch siehe lieber die letzten drei kleinen Worte.

    … nach Extrapolation sozialer Konsequenzen, Sprachanalyse, Anthropologie, Literaturwissenschaften, tiefenpsychologischer, historischer und kontextsensitiver Interpretation, Berücksichtigung der Art der Canidae, intensive Nutzung von Occams Rasiermesser, Traumdeutung, Pendeln, in Erwägung paranormaler Phänomene, unter Einbeziehung von yin und yang und der Heisenbergschen Unschärferelation, Quantenphysik, Kategorientheorie, formaler Logik, Statistik und mit modernsten, auch rechner- und datenbankbasierten Mitteln inklusive einer Bereichsprüfung und Internetrecherche … was vergessen?

    Erstaunlich, wie schwer wir es uns machen.

    Internet lieferte auf die Anfrage: „Der andalusische Hund“ neben Ferienangeboten z.B die-kluge-hausfrau.blogspot.de …

    Neben der Selbstironie und der Gesellschaftskritik, zu der Deine Texte auch einen Gegenpol darstellen: All das wird noch auf Dich zukommen. Hoffentlich und hoffentlich nicht so schlimm, wie von mir …

    deshalb kurz ;)

    Kurz? Nein? Doch! Mit Hilfe der Löschtaste:

    Ich mag es.

    Gefällt mir

  2. „Ein andalusischer Hund“ nannten Buñuel und Dalì ihren gemeinsamen Film. In der Eröffnungszene sieht man, wie ein Mann ein Rasiermesser wetzt, im Anschluss eine Wolke, die am Vollmond vorbeizieht und schließlich schlitzt der Mann einer Frau mit dem Rasiermesser den Augapfel quer auf.

    Daher der Titel.

    Ansonsten verhält es sich mit dem Text, wie so oft bei mir: hingesetzt, planlos geschrieben, wenig geändert, überrascht vom Ergebnis, gesendet.
    Dass Dir das gefällt freut mich sehr, lieber Joachim. Es sind besonders diese automatischen Texte an denen meine Herz hängt, weil sie aus den tiefsten Tiefen meiner Seele kommen.

    Gefällt mir

  3. Ich schließe mich Graugans an: Wundervolle Arbeit! Wirklich ganz, ganz wundervoll. Der dahinfließende Text, der selbst wie ein großer, langer Seufzer ist, so etwas Melancholisches hat, vom Einstiegsbild bis zum Schlusslied. Das Surreale, scheinbar planlos Zusammengesetzte …
    Ich liebe diese automatischen Texte!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s