1000 Tode/ ghost of a cat

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Wie schnell das heruntergefallene Laub sich zersetzt hat.
Zuerst zeigten die Blätter nur kleine Risse. Immer mehr davon und immer deutlicher trat die Blattstruktur hervor.
Der Mittelsteg wie eine Wirbelsäule, ein Mast. Davon abgehend ein Netz zahlloser Verästelungen, die zu den Rändern hin fein und feiner werden.
Das Skelett.
Nach und nach brechen die filigransten Adern und das Blatt zerfällt.
Von außen nach innen. Von der Peripherie bis zum Zentrum.
Am längsten bleiben die dicken Blattrippen stehen. Wie Überreste eines Bootwracks, oder Gebeine eines Wales.
Dazwischen weicht alles auf, trocknet wieder an und bricht, in geometrisch geformten Stücken, heraus. Jedes anders, alle ähnlich. Mandelbrot´sche Fraktale.
Der nächste Regen lässt die Bruchstücke verklumpen, wie Thrombozyten.
Eine braune, schleimige Masse, die sich über den Winter immer weiter zersetzen und im nächsten Frühjahr bereits zu Erde geworden sein wird.
Erde für die Krokusse, für das Gras, die Sträucher, für die alten Platanen.
Erde, auf der mein Hund sich erleichtern wird.
Erde, die nach dem ersten Frühlingsregen so köstlich duftet. Ein wenig nach Muskat, nach frischen Champignons, nach Moosflechten und Wald, nach Zuhause.
So erdig.
Und nichts mehr erinnert an das Blätterdach des Vorjahres in dessen Schatten man geruht und dessen grüne Kühle das immerwährende leise Rauschen des Blutes erfrischt hat.

Durch so viele Formen geschritten

Aber erst muss der Winter kommen und mit ihm die Weißröckchen.
Die poloniumleuchtende Stille, das Erstarren im eisigen Ostwind.
Später dann grauer Rollsplittmatsch, der beim Auftreten ein schmatzendes Knirschgeräusch macht, dabei gegen die Hosenbeine spritzt und weiße Ränder auf den Schuhen hinterlässt.
Erst muss dieses ganze Sterben, der Verlust jeglicher Schönheit und Würde sich vollziehen.
Nichts darf übrigbleiben, außer ein paar Beeren des vergangenen Sommers, die wie verpuppte Blüten an den dürren Zweigen der Büsche hängen.

 ____________
Es ist mir eine große Freude, dass dieser Text für das beeindruckende Projekt „1000 Tode schreiben“ des Frohmann Verlages Berlin ausgewählt wurde.
Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen des e-books, werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

 

25 Kommentare zu “1000 Tode/ ghost of a cat

        • Meinen hatte ich schon mal im Dezember 2012 gepostet. Ich habe ihn für diesen reload einfach kopiert und eingefügt.
          Vielleicht machst Du es auch so?
          Schöner Text war/ ist das, Alle Seelen. Das Projekt ist wirklich bemerkenswert, danke, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Hatte im Dezember auf 2 oder 3 Texte dafür verlinkt. U.a. von Frau Casino (in meiner Blogroll).

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          • Ah, wie schön, dass ich ihn jetzt lesen konnte, 2012 kannte ich dich ja noch gar nicht! Ich müsste mal selbständig auf die Suche nach alten Texten gehen, so wie du ja schon angemerkt hast bei deinem Post zu den älteren Beiträgen, sie gehen manchmal verloren. Vielleicht copy/paste ich ihn. Ich hatte versucht ihn zu rebloggen, hat mir in dem Format nicht gefallen, weshalb ich ihn sofort wieder gelöscht habe. Jetzt kann ich nicht erneut rebloggen. Aber ich werde dich und alle anderen jetzt nicht mit WordPress-Problemen langweilen. Ich schaue noch einmal nach den verlinkten Texten, danke!

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  1. :) Gratulation meine Liebe, wie schön, dass dieser Text ausgewählt wurde. Das haben sie gut entschieden!
    Von mir auch noch einen liebevollen Gedanken an Kilgore, die Süße….

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    • Das habe ich mir gedacht, dass Dich das freut. Dann freut es mich gleich doppelt.
      Schreib Du doch unbedingt auch einen Text fü dieses wunderbare Projekt. Wenn Du Deine Seele und Deine Klugheit hinein legst, kann es nur schön werden, liebe Pagophila!

      Mich freut es, dass es dieser Text ist, weil er das liebende Andenken an meine verstorbene Katze ist.

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  2. Drei Tage alt, eine Gelegenheit ;-)

    Der Text? (… viel zu lange Begründung …) ist schon stark, was Du da zustande gebracht hast. Ich hätte trotzdem nicht viel gesagt, wäre da nicht noch etwas anders.

    Leider kann ich nicht für die Kinder sprechen, an die der Erlös geht. Die Idee entspricht Dir wohl sehr. Vielleicht magst Du einmal hingehen? Und vielleicht, je nach dem, das ist sicher nicht so einfach bis unmöglich. Wenn es möglich ist, vielleicht schreibst Du etwas für sie (Lustiges) und liest Du ihnen vor? Das ist nur eine Idee, wegen der Beeren und weil:

    Vielleicht umarmt Dich dann eines dieser Kinder. Das wäre sowas von verdient (finde ich).

    Ich freue mich wirklich für Dich. Auf der anderen Seite, das war früher oder später zu erwarten. Was? Dich in Büchern zu lesen. Aua, knuff mich jetzt nicht. Was wills’te? Stimmt doch. Du bist schon lange eine Schriftstellerin.

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  3. Der Gedanke an ein Kindersterbehospiz bedrückt mich so sehr, dass ich unsicher bin, ob ich den Kindern übehaupt etwas geben könnte außer meinem Schmerz, den sie nicht spüren sollen.
    Wenn mich dann gar eines dieser todgeweihten Geschöpfe umarmen würde, wäre es ganz um mich geschehen.
    Während meines Studiums besuchte ich einige Male die Pflegestation eines Kinderkrankenhauses. Unter den Kindern war ein mit HIV infizierter Junge. Als er, der inzwischen in der Pflege einer befreundeten Krankenschwester lebte, starb, ging mir das sehr nahe. Zu nah.
    Für solche Dinge muss man sich gut abgrenzen können. ich befürchte dafür bin ich nicht gemacht.

    (Danke für Dein Kompliment zum Text und zum Schreiben, und überhaupt!)

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    • tikerscherk, ich kann das (mehr als) nachvollziehen, will gar nichts fordern oder Dir einreden. Oder doch? Keine Ahnung. Aber Du bist ja „schon groß“ ;-) und die ?einzige? Aussage steht wie immer ganz am Ende.

      Skip. Na los, husch husch, ans Ende.

      Noch da? Dann eben nicht. Nicht meine Schuld.

      Leben bedingt Sterben. Jedes Kind dort lebt und jedes Lächeln und auch jeder Schmerz ist die ganze Welt, alle Zeit in einem Augenblick. Das gilt in jedem Fall aus der Sicht eines dieser Kinder. Sie haben nicht die Zeit der Welt. Natürlich tut das weh. Die Stelle der Umarmung würdest Du Dein Leben lang fühlen. Wie weh tut es ihnen? Wenn Du dem (Tod, dem Leid) ausweichst, dann wachst Du eines Tages auf und bist schon tot. Diese Kinder sind nicht nur durch die Krankheit definiert. Niemand ist nur durch das definiert, was für uns offensichtlich ist. Es lohnt so sehr, wenn sie lachen. Und davor hast Du Angst? Das es Dich berührt? Es ist doch schon längst geschehen. Ich könnte Dir wirklich unendlich Geschichten davon erzählen.

      Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten, Dinge, die auch Du immer wieder beschreibst. Niemand kann alles tun. Mach Dir also nicht zu viel „Kopp“ darum.

      Um eines kommst Du mir aber nicht herum. Es ist schon lange um Dich geschehen. Nichts kannst Du dagegen tun. Willkommen im Club. Irgend etwas, irgend wer hat Dich wohl nicht nur einmal „umarmt“ (…)

      Diese „Umarmungen“, nenne sie Leben, sind auch ein Grund, warum Du schreibst. Du sagst, es sei automatisch. Natürlich, denn das bist Du. Du verarbeitest damit (und mehr) und machst der Welt gleich ein wunderbares Geschenk. Siehst Du das denn nicht? Du bist einer von ihnen, einer von denen, die magische Texte schreiben, die Du selbst so liebst. Ob das reicht und gut genug ist? Glaube mir, Dir selbst wirst Du niemals gut genug sein. Niemand kann Dir da was einreden, weil es Deine Kompetenz ist, was Du getan hast. So what? Irgend jemand muss es tun. Sonst geschieht gar nichts. Es gibt schlechteres, was man tun kann, als zu tun, was man kann.

      Natürlich bist Du mehr, vermutlich manchmal etwas nervend ;-) (… psst …) gimme high five. Selbst die Schreibe hat als Automatismus kaum einen Anspruch auf Perfektion. Gut so, das ist der Trick, echt zu bleiben. Meinst Du, Andere machen das anders? Bleib‘ immer so (nur wenigstens einmal am Tag sollte man lachen).

      Oh je, ein hart erarbeiteter schlechter Ruf geht jetzt wohl vollkommen den Bach runter. Bis das wieder repariert ist… Bis dahin könnte Dich gleich mal jemand ganz vorsichtig ganz doll … ähm, ‚tschuldigung … ganz lieb umarmen?

      Hab nix gesagt…

      Schluck, werde ich auf meine alten Tage sentimental? Nee, das wird nicht mehr. Trotzdem überlege ich zusammen mit der Löschtaste, ob dies unten nicht hätte reichen sollen. He, was soll’s, ihr wurdet gewarnt.

      (* Der Skip Auffangpunkt ist hier *)

      Schreib auch (ein-) mal eine Kinder/Jugendgeschichte oder kram sie wieder hervor, so es sie schon gibt. Ich denke, Du dürftest erstaunt und weiter sein, wenn Du fertig bist. Das ist durchaus eine Aufgabe, eine Herausforderung. Du kennst sicher mögliche „Opfer“, Verwandte, Nachbarn, Straßenkinder, besser noch einen Verlag.

      Tu es einfach. Ich habe da so meinen Grund (der, wenn es klappt, der Mühe sicher wert gewesen wäre)

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