Äther

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Ich liege im dunklen Zimmer. Dann und wann streift das Licht eines vorbeifahrenden Autos die Wand, unter meiner Bettdecke der grünliche Schein des kleinen Transistorradios. Eine sanfte Frauenstimme spricht leise in die Nacht hinein.

Es gibt eine Welt, die außerhalb der meinen existiert. Etwas Unbekanntes, geheimnisvoll und zugleich vertraut, wie der dunkle Tannenwald neben der einsamen Landstraße mit dem silbernen Mond darüber.

Die Frauenstimme verebbt und in die knisternde Stille erheben sich die ersten Töne einer betörenden Melodie. Langgezogen und warm steigen sie in die Dunkelheit empor und wie betäubt schließe ich die Augen. Von weit her gesellt sich jetzt die Stimme eines Mannes zu dem milchigen Nebel in meinem Kopf und verbindet sich mit den schwebenden Orgelklängen und dem schleppenden Schlagzeug zu etwas Großem. Auf wundersame Weise werde ich Teil dieser anderen Welt und sinke auf dem Rücken liegend in sie hinein. Die Musik trägt mich und ein starkes Glücksgefühl durchströmt meinen ganzen Körper.
Ich bin verbunden mit allen Menschen, die irgendwo ganz allein in der Nacht den gleichen Klängen lauschen.
Fühlen sie wie ich?

 

Angeregt durch die liebe Asal, die in ihrem Blog  ein paar Lieder vorgestellt hat, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens von Bedeutung für sie waren, habe auch ich über meine Beziehung zu und meine Erfahrung mit Musik nachgedacht und dabei diese Erinnerung aus meiner frühen Kindheit hervorgeholt.

 

 

 

Photo: Wikimedia, Transistorradio

10 Kommentare zu “Äther

  1. Ich freue mich darüber, dass ich dich zu einer Erinnerung angeregt habe, die sich so warm und schön anfühlt beim Lesen. Dein Text vermittelt mir ein Gefühl, das ich kenne, und er passt vor allem so gut zu dem Song, bei dem man sich tatsächlich fühlt, als sei man mit seinem Herzen nicht ganz alleine auf der Welt. Ich mag die Annie-Lennox-Version übrigens auch gerne und liebe die Zeile „If music be the food of love then laughter is its queen“.
    Darf ich das auf meiner Seite dann noch einmal posten, wenn ich gesammelt habe? Ich habe das Projekt jetzt gar nicht so intensiv verfolgt in den Tagen danach, aber ich möchte das sehr gern machen.

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  2. Ich ging noch nicht zur Schule, als ich in dieser Nacht mit dem Radio meines Vaters im Bett lag. Es war das erste und einzige Mal, dass ich es zum Einschlafen bei mir haben durfte. Und dann war da diese Stimme, und die Orgel, die an die Orgelklänge von Bach erinnerte, die ich bereits kannte. Ich werde nie dieses erhabene Gefühl vergessen, dass mich überkam, als ich Teil der Töne wurde und zum ersten Mal in meinem Leben einen selbständigen Blick in die Welt der Musik warf, der mich glücklich und zuversichtlich machte und mir ein Gefühl de Verbundenheit gab.

    Natürlich darfst Du diesen Text sehr gerne bei Dir veröffentlichen. Ich freue mich darüber.
    In gewisser Weise habe ich ihn ja Dir zu verdanken. Geschrieben habe ich ihn für Dein schönes Projekt.

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      • Naja, eigentlich jetzt nichts weltbewegendes, ich fand den Text über Jahrzehnte seltsam, allein schon der Titel, hab das aber nie hinterfragt. Und dann plötzlich les ich, dass es zwar eine Interpretation gibt, sich die Bandmitglieder aber nicht mal einig sind.
        Witzigerweise gab es zuerst den Text, von dem keiner wusste was er bedeutet, und dann hat man die aus heutiger Sicht unsterbliche Wahnsinnsmusik dazu hinbekommen, die Hammondorgel zusammen mit den Bach’schen Tönen. Einfach großartig.
        Wie gesagt, nicht weltbewegend, aber doch spannend!
        :)

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      • „A Whiter Shade of Pale“ erinnert nicht nur an Bach. Die Akkordfolge beruht auf der Air aus der Suite Nr. 3 D-Dur.

        Der Text ist „gestückelt“, weil der zur Hälfte fehlt.

        Ob zuerst Text oder die Musik da ist? Kommt darauf an. Wer Beides macht, Musik und Text, der trägt sich ewig mit sich herum. Und plötzlich ist es da. Niemand kann mehr sagen, was zuerst da war. Bei mir kommen i.d.R. maximal weitere Strophen oder Basteleien an der Form (Musik wie Text) hinzu…

        Ist eben wie Bildhauen.

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  3. Pingback: Mixtape – Die Lieder der Anderen | asallime

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