Wolken

WolkenBremen

Nach dem morgendlichen Zähneputzen (morgenlich, würde der Vater korrigieren, es ist der Morgen und nicht der Morgend) schauen mich heute nicht die Augen der Mutter an. Es sind meine eigenen, groß und braun. Darin und dahinter, wie zu allen Zeiten, die Blicke der Ahnen, aus dem Schatten heraus getreten, um durch mich auf die Welt zu sehen, die einmal die ihre war.

Was ihr seid, sind wir gewesen.
Was wir sind, werdet ihr sein.

Mein Gesicht liegt ruhig wie ein See, der Mund weich geküsst und entspannt.
Im Radio läuft ein Jingle-Klingel-Happynes-Song, den ich ohne Widerwillen zu verspüren an mir abperlen lasse. Lotusblüte. Silberbaum.
Meine Haare umfließen den Hals, eine Welle legt sich auf das Schlüsselbein. Clavicula
Im Spiegel schaue ich mir zu, wie ich eine Hand auf das Sternum lege, mein Leben, und ohne ein Empfinden von Schmerz steigt Wasser in meine Augen. Der Mund zieht sich, wie zu einem Lachen, auseinander, die Lider senken sich und ich lasse den Tränen ihren Lauf.
Es ist schön.

Weich bin ich, ganz weich und draußen ist es mild und stürmisch.
Die Straßen sind leer. Die Vögel sind ausgeflogen, gen Heimat.
Die Luft riecht nach Ankunft.

Alle Zuhause jetzt

Eine Gruppe Spatzen lässt sich im Bambus nieder und schaukelt dort hin und her.
Dann und wann ein freundliches Tschilpen. Es ist genug für alle da.
Den einen erkenne ich wieder. Auf seinem rechten Flügel trägt er einen weißen Streifen.
Jeden Tag kommt er hierher. Immer am gleichen Platz im Futterhaus.
Kleiner Freund.

Wie mich alles was lebt berührt und angeht. Jeder Halm. Und seit ich auferstehen durfte noch mehr und tiefer. Ein Gefühl der Verbundenheit mit der Welt, auch mit dem großen Nichts, und eine beinahe kitschige Rührung, ein Angefasst- und manchmal sogar Überwältigtsein von allem Irdenen und seinem Drang zum Licht.
Nach oben. Atmen. Hier bin ich.
Das ist meine Zeit.

Mir tun die Flöhe leid, und so behandele ich bloß die Schlafplätze der Tiere.
Nicht töten.
Ehrfurcht selbst vor dem kleinsten Leben.
Fegen, zur Seite fegen, mit Achtsamkeit und dem liebenden Blick.

Einmal sah ich eine Schnecke in den blauen Körnern eines Giftes vertrocknen.
Endlose Nachmittagsstunden im Hochsommer. Unvergessen. Mein Mitgefühl, der Schmerz darüber, wie sie unrettbar zusammenschrumpfte zu einem rindenähnlichen, unkenntlichen Stückchen Materie. Und alles, was sie war und dachte, wenn sie denn jemals etwas dachte, alles, alles ist verloren.
Verdunstet. Aufgestiegen, gen Himmel, der gar nicht oben ist, wie ich immer glaubte, sondern überall. Ringsum.

Wo sind unsere Erinnerungen, wenn wir sie gerade nicht denken? Wenn sie nicht in uns hausen?
Sind sie bei uns? Haben sie sich eingeschrieben oder entstehen sie jedes Mal aufs Neue, bei jedem Griff nach ihnen, und immer ein wenig anders? Verändert nur um winzige Details, für uns nicht wahrnehmbar, geschweige denn überprüfbar.

Gibt es eine Cloud, etwas außerhalb von uns selbst, in dem alle unsere Gedanken zusammen gefasst und gespeichert sind, gemeinsam mit den Ideen und Erinnerungen der anderen Menschen? Oder ist mit unserem Ableben all unser Wissen unwiederbringlich verloren? Verdichtet sich das, was auf der Erde gedacht wird, zu etwas Größerem, addiert oder multipliziert es sich vielleicht sogar?
Und eines Tages traumgleich greift einer danach und bringt es in die Welt. Etwas noch nie Dagewesenes. So wie alles, und doch viel mehr und weit darüber hinaus.
Und die Tiere? Wer nimmt sich ihrer Gedanken an? Sie selbst, ergeben und mit blindem Vertrauen?

Ich schaue in mein Gesicht im Spiegel, das ruhig da liegt wie ein See.

Draußen stürmt es, Hagel prasselt auf den Boden.
Weiße Körnchen, die nach oben springen, als wären sie kleine Bälle.

 

 

 

 

 

Bildquelle: Wikipedia, „WolkenBremen“ von Frisia Orientalis. Original uploader was Frisia Orientalis at de.wikipedia – Transferred from de.wikipedia; transferred to Commons by User:Jutta234 using CommonsHelper.(Original text : selbst fotografiert). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:WolkenBremen.jpg#mediaviewer/File:WolkenBremen.jpg

8 Kommentare zu “Wolken

  1. Wunderschön, liebe Tikerscherk! Es gehört zum Schönsten, das ich jemals lesen durfte. Dein Mitleid mit den Flöhen und dass der Himmel gar nicht oben ist sondern überall, ließen mich mittendrin an die beiden erwähnten Bücher von Marlen Haushofer denken. Und dass der morgende Tag nicht der heute heraufdämmernde sondern erst der morgige sein wird, darüber stolpere ich übrigens auch immer wieder.

    Ein ums andere Mal, wenn ich hier lese, freue ich mich, dass Du auferstehen durftest. Ja, ich glaube an diese Cloud. Und Deine Wolkenfäden mag ich ganz besonders…

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    • Dass der Text dir so gut gefällt, freut mich ganz besonders, liebe Pagophila.
      Er hat sich beinahe von selbst in trauter Zweisamkeit am Küchentisch geschrieben und ist mir, ohne, dass ich irgendeinen Vorsatz hatte etwas bestimmtes zu schreiben, zu einer Liebeserklärung an das Leben geraten, über die ich mich selbst sehr freue, denn es hat es verdient, das Leben.
      Eine schöne Idee ist es mir, dass all unsere Gedanken irgendwo zusammen sind und sich auf diese Weise verändern und mehren. Denn auch Deine Wolkenfäden finde ich immer wieder inspirierend und getragen von einem ganz besonderen, melancholisch-klugen Blick aufs Leben.

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  2. Irgendwas hat sich verändert… deine Texte haben eine neue Dimension, eine noch größere Tiefe und Ruhe. Das habe ich ja schon vor ein paar Wochen bei dem Text über die Reise mit deinem Vater geschrieben und es fällt mir jetzt erneut auf. Vielleicht, weil dich, wie du schreibst, jeder Halm tiefer berührt, seit deinem Erlebnis mit dem Tod. Hier an diesem Text haben mich sehr viele Dinge berührt… die Ahnen, der Blick in den Spiegel, die Frage nach dem Verbleib der Erinnerungen… das erinnert mich sehr an meinen Text über Octavia, der komischerweise noch immer in mir nachklingt.

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    • Du hast eine gute Wahrnehmung, liebe Asal.
      Auch ich merke, dass meine Texte sich in der von Dir beschriebenen Weise verändern. Ganz ohne mein Dazutun, oder doch beinahe.
      Ich fühle mich, im wahrsten Sinne, wachgeküsst.
      Da ist soviel passiert in den letzten Monaten und die Grundgeschichte, die all das unterfüttert bleibt hier im Blog unerzählt.
      Das große Thema ist Liebe. Zum Leben, zu mir selbst und zu dem anderen in allen seinen Erscheinungsformen.

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  3. Danke.
    Ja, das Gewitter und der Hagel waren toll! Und jetzt geht es wieder bergauf. Der kürzeste Tag ist überstanden, Ruhe ist in Kreuzberg eingekehrt, und bald ist dieses ereignisreiche Jahr vorbei und wir können neue Seiten beschreiben.

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