Zeit

Hubble_ultra_deep_field“ Warum ist der Anblick des Sternenhimmels so beruhigend? Und ich brauche nicht einmal den Anblick. Vorstellung und Beschreibung reichen. Als ich noch auf der Kunstakademie war, war das immer mein Einwand gegen die Abstraktion: Der Himmel. Leider war ich mit dieser Meinung ganz allein.

Gibt es in der Wissenschaft eigentlich Denkmodelle, die versuchen, die ungreifbare, nur an Sekundärphänomenen wie Veränderung und Bewegung meßbare und anstößige Größe der Zeit aus der Physik herauszurechnen?“

„Das Wesen der Zeit mag unerfindlich sein, und was ich über Präsentismus, Blockzeit und Possibilismus auf Wikipedia nachlesen kann, verstehe ich bestenfalls als Konzept. Aber in meinen täglichen und nächtlichen Gedanken gewinnt die Vorstellung der Unendlichkeit und des Nichts, zu dem unsere Existenz ihr gegenüber zusammenschrumpft, so sehr an Plastizität, daß ich manchmal glaube, alles verstanden zu haben. Alles verstanden zu haben. Die Gewißheit kommt schlaglichtartig und ist nicht so hundertprozentig wie in den Momenten der größten Verrücktheit. Aber irgendwas ist hängengeblieben. Gestern beim Fahrrad Reparieren alle zwei Minuten eine Erleuchtung.

Als Tony Soprano einmal im Krankenhaus liegt, ich glaube, wo er angeschossen wurde, liest er ein Kinderbuch über Dinosaurier. Er ist auf tonyhafte Weise sichtlich ergriffen, Christopher kommt rein:

TONY: “Get this … It says here that if the history of the planet was represented by the Empire State Building, the time that human beings have been on earth would only be a postage stamp at the very top. You realize how insignificant that makes us?”
CHRISTOPHER: (pauses for a second and then): ` I don’t feel that way.´“

„Neben mir ins Gras setzen sich vier junge Männer und unterhalten sich über die Begriffe Zweck und Absicht bei Kant und Hegel, und es ist eine grauenvolle Unterhaltung, ein grauenvoll verfehltes, sinnloses Leben, während um sie herum alles in schönster Blüte steht.“

Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur

Musik: Fiona Apple, Across The Universe (Youtube Direktlink)

(Photo credit: Wikipedia, Hubble Ultra Deep Field)

11 Kommentare zu “Zeit

    • Ja. Ich lese ihn gerade wieder und es ist ganz anders, als zu der zeit, als er noch lebte. Auch mein Herzstillstand und das Bewusstsein meiner eigenen Endlichkeit haben den Blick auf das universum und die Zeit verändert. Ich verstehe Herrndorf nun viel besser, als noch vor einiger Zeit.

      Fiona Apple habe ich zum ersten Mal gehört, als ich Nachts durch die Weiten der kalifornischen Wüste fuhr und über mir die Sterne funkelten. Damals lief „Shadow Boxer“ im Radio. Am nächsten Tag fuhr ich extra nach Los Angeles um mir die CD zu kaufen, die ich in den folgenden 3 Wochen ständig spielte. Schön.

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  1. Across The Universe? Da ist meine Heimat. Nicht das Dorf, die Stadt oder das Land. Schon aus diesem Grund verstehe ich Fremdenhass überhaupt nicht. Dieses „Konzept“ existiert nicht wenn Du von drüben aus dem Universum kommst.

    Ein anderes Modell der Zeit? Es gibt viele Modelle. Von weitem betrachtet ist alles statisch. Vom Universum aus bewegt sich fast nichts. Am Ereignishorizont bleibt die Zeit stehen. Fällst Du hindurch, würdest den Kräften widerstehen können, so würdest Du davon nichts merken. Doch ich sehe, dass Du nicht fällst. Du verharrst unendlich vor dem Horizont, vollkommen statisch, vollkommen unerreichbar.

    Von Nahem betrachtet fällt die Tasse vom Tisch, zerspringt in 1000 Stücke. Unumkehrbar, nicht mehr zu reparieren. Die Zeit müsste schon umgekehrt laufen, um den Schaden wieder gut zu machen.

    Das ist die Zeit der Entropie, die Zeit der Unordnung oder der großen Gleichmachung. Das angebrachte Messgerät für diese Zeit ist einzig die Sanduhr. Ordnung und Unordnung werden dann zu einem Ding. Letztlich wird alle Energie, alle Atome im Universum gleichverteilt sein, so wie der Sand in der Uhr.

    Ja, falls es nicht pulsiert und es irgendwo einen Antrieb, einen Herzschlag gibt. Die Uhr könnte umgedreht werden. In einer Singularität ist alles „gleichverteilt“, so man davon überhaupt sprechen kann. Läuft die Zeit rückwärts, wenn das Universum sich bis zu einer Singularität zusammenzieht? Würden wir dann noch sein, wie würden wir es werten, alle Dinge in umgekehrter Reihenfolge noch einmal zu erleben? Würden wir dann endlich verstehen, dass Vorbei gar nicht existiert? Das gestern morgen ist und alles nur jetzt? Würden wir dann das Sein verstehen? Wir müssen die Zeit gar nicht rausrechnen.

    Der Herzschlag des Universums ist ein schöner Gedanke. Zeit ist dann Bewegung und Zeit ist mehr zu trennen von der Bewegungsrichtung. Nichts als eine weitere Koordinate unter den zehn Anderen. Warum vernebelt dann die Vergangenheit? Warum ist sie unerreichbar? Die Tasse, das Kausalitätsprinzip. Oder die Zeit ist die Schwester der aufgewickelten Koordinaten, nur ein wenig anders. Oder das stimmt nicht. Immerhin bin ich alle meine Alter. Vielleicht bin ich nach den Genen auch meine Mutter, meine Großmutter, irgendwann der erste Mensch. Vielleicht ist das Universum meine Heimat.

    Mit fug und recht kann ich das sagen. Mit fug und recht kann ich das Kausalitätsprinzip anzweifeln und alle Alter sein. Ich muss nur recht genau hinsehen. Wissenschaftler würden das Quantenphysik nennen. Manchmal kommt die Wirkung vor der Ursache. Manchmal ist alles über eine spukhafte Fernwirkung verbunden. Ist die Welt wirklich dynamisch? Ist sie dem Zeitpfeil unterworfen, wenn alles zusammen hängt? Ist Zeit eine Illusion?

    Du willst die Zeit rausrechnen? Der Hektik entrinnen? Den Augenblick nicht loslassen? Tu es. Schließe die Augen. Siehst Du es? Across The Universe. Der Augenblick ist eine ganz kurze Zeitspanne unendlich.

    Und nun habe ich keine Zeit mehr, das in eine ordentliche Form zu bringen… Fehler zerstören die unerstörbare Zeit.

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    • Hmpff.
      Dein Kommentar überfordert mich. Denn ich habe Angst vor dem Universum. Ich kann und will mich, außer in kurzen Bildern damit nicht explizit befassen. Da fühle ich mich zu mickrig und endlich. Meistens jedenfalls.
      Schade, dass der eigentliche Verfasser der Zeilen, Wolfgang Herrndorf, nicht mit Dir über die Zeit und das Universum sinnieren kann.
      Was ich aber nachempfinden kann ist dieses: das Universum ist mein Zuhause. das spüre ich seit ein paar Wochen sehr deutlich und das ist ein sehr schönes, gnädiges Gefühl.
      Ein Widerspruch? Ja und Nein.

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      • Mist. Das überfordert Dich? Ich finde, pethan35 hat das unten gut ausgedrückt.

        Aber im Andromedanebel ist das alles vollkommen normal. Ich habe nur „laut“ gedacht. Da habe ich wohl etwas übersehen, mich offenbar nur „bemüht“, die Dinge physikalisch richtig und einfach darzustellen.

        Was man nicht kennt, das kann einem Angst machen. Sagen wir es so: „Angst vor dem Universum“? Wieso? Du bist das Universum. Gut, das ist nun eine lange Geschichte, nicht den selben Fehler noch einmal. Doch es ist wahr. Und es relativiert so schön. Notfalls auch ohne Einstein. Du bist das Universum. Hast Du Angst vor Dir?

        Trotzdem oder gerade deshalb macht ein logischer Zugang zur Zeit einen Sinn. Noch dazu, wenn diese Logik etwas mit Kunst zu tun haben kann. Die Amis sagen: that’s no rocket science, wenn sie meinen, etwas sei nicht so schwer. Nein, wir brauchen keine Raketen dazu. Die Türme können am Boden bleiben.

        Besitzt Du noch eine analoge Kamera mit einstellbarer Belichtungszeit?

        Dreh die Belichtungszeit einmal sehr hoch, in den Sekundenbereich. Achte auf nicht zuviel Helligkeit. Menschen haben kein mit den Augen vergleichbares Sinnesorgan für Zeit. Doch eine solche Kamera kann Zeit einfangen. Je nach Motiv kann man ein gutes Gefühl für Zeit bekommen. Ein einfacher rollender Ball, die passende Beleuchtung, ein dunker Hintergrund und du verstehst eine 4-dimensionale Sphäre. Wir kennen das gut. Und wir leben darin, auch wenn ich dabei die anderen Dimensionen unterschlage.

        Von da ist es nicht mehr so weit zur Theorie der Branen oder zur Stringtheorie, den Theorien, wie das Universum entstanden ist und was es zusammen hält. Oder einfach zur Kunst. Es ist wörtlich ein Kinderspiel. Dies nur (ein Protest) zum Bildungssystem.

        Was? Nein, Strings sind doch keine Unterwäsche. Dummerchen.

        (sorry, could not resist – selbstverständlich bist Du alles Andere als ein Dummerchen! Ganz im Gegenteil! T’schuldigung. Ich mach es wieder gut. Irgendwie… versprochen.)

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    • Die Zeit ist ein interessantes Thema zum diskutieren.

      “ Vielleicht ist das Universum meine Heimat.“ Ein schöner Satz und das Universum ist unserer aller Heimat

      Gegen Fremdenhass kann man sich impfen lassen indem man selber für eine Weile als „Fremder“ in einem anderen Land unter, und mit anderen „Fremden“, Fremden lebt.

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