Bilder deiner letzten Liebe

Boeing_720_Controlled_Impact_DemonstrationIch kann mich nicht überwinden Herrndorfs letzten Roman „Bilder deiner großen Liebe“ weiter zu lesen. Nur wenige Seiten trennen mich noch von dem Schluss, den der Tod seinem Schreiben gesetzt hat, obwohl Herrndorf so sehr gehofft hatte „Isa“, wie er die Geschichte während ihrer Entstehung nannte, noch beenden zu können.
Es sollte nicht sein: Herrndorfs letzter Roman blieb unvollendet, weil ein Glioblastom in seinem Schädel wuchs auf das er schließlich in seiner ausweglosen Verzweiflung schoss ehe es ihm den Verstand und damit sich selbst rauben konnte. Der Preis für diese Freiheit war der Tod. Der selbstbestimmte immerhin.
Das alles ist unendlich traurig und der Schmerz über sein eigenes langsames Sterben findet seinen Niederschlag und Ausdruck in „Bilder deiner großen Liebe“. Trotzdem ist es ein schöner Roman, ein Fragment vielmehr. Voll mit eindrücklichen Bildern und getragen von einer tiefen und großen Liebe zum Leben.
Oft aber schwingt zwischen den Zeilen auch das Bewusstsein um sein Sterben mit, das Herrndorf in seinem, inzwischen als Buch veröffentlichten, Blog „Arbeit und Struktur“ dokumentierte. Beim Lesen von „Isa“, steigen die gleichen bangen Gefühle in mir auf, mit denen ich das Blog verfolgte und dabei mit dem Autor litt, als kennte ich ihn persönlich, bis er sich im August letzten Jahres, keineswegs überraschend, das Leben nahm. Es war, als würde ich einem Flugzeug beim Abstürzen zuschauen, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Sowohl die Stimmung, als auch das Fragmentarische des Werkes spiegeln Herrndorfs letzte Monate wider. Bis das Flugzeug aufschlägt und mit dem Leben des Autors auch die Geschichte endet.

Ich kann es nicht weiter lesen, mir den Untergang nicht noch einmal ansehen, obwohl alles längst vorbei und nur noch ein Bild ist.

 

(photo credit: Wikipedia)

8 Kommentare zu “Bilder deiner letzten Liebe

  1. Oh, ich habe das Buch gerade zum Geburtstag geschenkt bekommen und mich sehr gefreut. Lesen tue ich es während der Feiertage und zwischen den Jahren, wie man sagt. Dann werde ich auch diesen Artikel von dir lesen. Jetzt gerade habe ich Angst, dass du zu viel verrätst :-)

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  2. Ich kann vieles nachvollziehen, von dem was du da schreibst. Ich habe den Roman gelesen und gar nicht anders gekonnt, als ihn in einem Zug durchzulesen. Ich glaube (auch wenn das jetzt übergriffig und pathetisch klingt) Herrndorf hätte das auch so gewollt, dass man das trennt, sein Leben (und Sterben) und die Literatur. Denn Literatur ist dieses Buch in all seiner Fragmentierung.
    Nur eines kann ich nicht lesen, ohne dass sich mir sämtliche Haare aufstellen, die Formulierung vom „selbstbestimmten Tod“. Das gibt es nicht und kann es auch gar nicht geben., Ich empfehle dazu Herrn Schnecks Überlegungen zur Sterbehilfe, obwohl du die vermutlich kennst, oder?

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    • Danke für Deinen Kommentar. Wir haben uns neulich bei Dir schon einmal über Herrndorfs Werk und die Rezeption desselben nach seinem Tode unterhalten. Schwieriges Thema. Ich stimme mit Dir überein, dass er sein Werk von seinem Leben getrennt sehen wollte. Das allerdings ist mir mitunter schwer gefallen, da ich an seinem Sterben über einen so langen Zeitraum teilnahm (als Blogleserin), und er dort immer wieder über die Entstehung von „Isa“ schrieb. So verband sich beim Lesen von „Bilder deiner großen Liebe“ meine Erinnerung an Herrndorfs Blog immer wieder, wenn auch nicht durchgehend, mit den Gefühlen, die das Buch nun erzeugte. Dazu kommt meine eigene, intensive Erfahrung mit Tumorpatienten und deren Sterben. Da hat sich also einiges vermischt, was dem Werk des Autors nicht unbeding gerecht wird und ihm nicht zugehörig ist. Inzwischen habe ich das Buch, die letzten 12 Seiten, die mir fehlten, zuende gelsen, und bin sehr froh darüber. Es hat sich für mich ein Kreis geschlossen.
      Mit „selbstbestimmtem Tod“ meine ich lediglich die Entscheidung, die er (notgedrungen) traf, sich zu erschießen, ehe der Tumor ihn töten konnte. Womit am Ende natürlich doch der Tumor ihn getötet hat.
      Den Text von Herrn Schneck kenne ich, bin aber nicht sicher, ob ich da mit ihm einer Meinung bin, bzw. ob ich seine Meinung überhaupt wirklich verstehe. Noch unsicherer bin ich mir über meine eigene Position zu dem Thema, gerade auch nach meinem Nahtoderlebnis am 5. Oktober. Das hat meine Sicht auf die Welt und insbesondere das Leben und Sterben verändert, und es wirkt immer noch nach.

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      • Stimmt, unsere Unterhaltung damals hatte ich fast vergessen. Mir geht es übrigens sehr ähnlich, wie Dir, ich habe auch keine wirkliche Position zur Sterbehilfe, aber ich stimme ganz absolut mit Herrn Schneck überein, dass es in solchen Diskussionen bei vielen Menschen (ganz sicher nicht bei Dir!) an Demut fehlt.

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        • Das eben verstehe ich leider nicht. Was ist damit gemeint, dass es vielen Menschen an Demut fehlt bei solchen Diskussionen?

          Zur Sterbehilfe habe ich eine Position, die aber nur für mich ganz allein Gültigkeit hat, und habe für mein eigenes Ableben bereits Vorsorge getroffen. Für andere möchte ich mich da gar nicht festlegen. Zu privat ist der Tod einerseits, und andererseits eines der großen Themen der Menschheit. Schwierig finde ich allerdings die gesellschaftliche Erwartung an Todgeweihte oder Schwerkranke, die sich aus der Möglichkeit der Sterbehilfe ergeben kann, im Sinne von „Fall uns nicht weiter zur Last, Du kannst doch gehen.“
          Warum allerdings mein Tod nicht mir gehören sollte (das ist doch in etwa der Wortlaut bei Hern Schneck, wenn ich mich recht erinnere), das verstehe ich nicht. Weder die Aussage an sich, noch die möglichen Konsequenzen die sich daraus ergeben. Kannst Du, mir sagen, was damit gemeint ist, oder wie Du das verstehst, da Du in Deinem ersten Kommentar darauf verweist?

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          • Wie schnell man sich doch missversteht, weil man voraussetzt, der andere zieht diesselben Schlüsse, denkt das selbe wie man selbst. Danke für die Aufklärung. Ich habe weder für mich allein noch allgemein eine wirklich feststehende Haltung was Sterbehilfe angeht. Wenig demütig finde ich diesen Allmachtanspruch, den man der Medizin zuspricht, dass das „technisch“ mögliche gleichzeitig die Lösung sein soll. Dass wir uns damit gewissermaßen die Macht über Leben und Tod anmaßen, ohne aber die Anmaßung darin zu erkennen. Wir sind eben nicht Herr über unser Schicksal, wir können jeweils (so lange wie möglich) versuchen damit zurecht zu kommen, das Beste daraus zu machen, aber lenken und bestimmen können wir es nicht. Sich daran zu erinnern, wäre mir in vielen Fällen schon genug Demut.

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            • Danke für die Erläuterung. Das Machbare ist nicht zwingend das Richtige oder das Gebotene. Da hast Du Recht. Und auch ich halte es für wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass es nicht in unserer Hand liegt den Verlauf unseres Lebens zu bestimmen. Den Zeitpunkt unseres Todes aber können wir möglicherweise selbst festlegen. Das ist gut.
              Demut ist für mich ein religiös aufgeladener Begriff, den ich mit zunehmendem Alter besser zu begreifen lerne. Ein Blick in den nächtlichen Himmel oder ein bewusster Atemzug genügt inzwischen um diese Demut zu empfinden, die geichzeitig die Akzeptanz der Bedingungen meiner Existenz bedeutet. Ein befreiendes Gefühl, eine Gnade.

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