Beinahe

Bild+LKWWie beinahe jeden Tag, erbarmte mein Vater sich mich mit dem Auto in den Kindergarten zu fahren, während meine Mutter ihre Haare ondulierte und anschließend ihr aufwändiges Augen-Make-up fertigstellte. Da wir spät dran waren, drängelte mein Vater ein wenig und schloss draußen vor dem Haus rasch die Beifahrerseite des alten Renault auf. Ich stieg ein, zog die Tür hinter mir zu und drückte mich in das graue Velourspolster in das wir Kinder über die Jahre kleine Löcher gepopelt hatten durch die man während längerer Fahrten den Schaumstoff pulen konnte, um wenn man auf der Rückbank saß, zu versuchen die so gewonnenen, kleinen Stückchen durch das Rostloch im Fahrzeugboden zu drücken. Wie immer roch es im Auto nach kaltem Rauch und der Aschenbecher war voll mit den lippenstiftverschmierten Kippen meiner Mutter.
Mein Vater ließ den Motor an, wartete auf eine Lücke im lärmenden Berufsverkehr, der sich durch unseren Stadtteil schob, und riss hastig das Lenkrad nach links als diese sich auftat. Nachdem der Wagen mit allen vier Rädern auf der Straße und an der Mittellinie gelandet war, schlug er rasch nach rechts ein, um die steil abfallende, enge Kurve zu nehmen, die sich fast unmittelbar anschloss und in den alten Ortskern des ehemaligen Dörfchens führte. Durch die ruckartige Lenkbewegung neigte sich der Wagen so schnell zur Seite, dass es mich gegen die Beifahrertüre warf die unerwarteterweise nachgab und meinen kleinen Körper auf die Straße entließ wo er fast mittig auf der Fahrbahn landete, so dass die quietschenden Räder des nachfolgenden LKW links und rechts meines Kopfes zum Stehen kamen.

22 Kommentare zu “Beinahe

  1. „Mein Vati, der war ein Kapitän/
    ein Seemann war’s, der konnte mich verstehen…“ S. Suhlke über seinen einst so bewunderten Vater, der alles Mögliche war. Nur kein Kapitän.

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  2. Wie ich dich kenne, ist das eine wahre Geschichte. Damals und in einem Dorf gab es ja sicher noch nicht so viel Verkehr wie heute – aber unpassend war doch ein Auto da. – Irgendwer hat da gleich ein Heer von Schutzengeln zum Einsatz geschickt!

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    • Eine wahre Geschichte. Mit fehlt die Fantasie mir welche auszudenken.
      Der Stadtteil in dem ich lebte war vor langer Zeit ein Dorf.
      Als ich aus dem Auto fiel, war dort dichter Berufsverkehr auf der Hauptstraße.
      Mein Schutzengel war, wie meist, dabei, aber wie so häufig war da eine andere Macht schwer zum Scherzen aufgelegt.

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  3. Der unerwartete Schrecken. Dramaturgisch sehr gut umgesetzt:
    Sachlich neutrale Beschreibung mit Schock-Essenz.

    Mama ist mit sich selbst beschäftigt, Papa schert aus. Das Kind kommt buchstäblich unter die Räder (kein Schutz).

    Der Schock ist spürbar. Genauso verzögert wie beim Kind.

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      • Das hatten wir doch schon einmal… lachen bei Streit, bei Beerdigungen… Ich sehe die Komik auch, könnte ja aus einem Slapstickfilm sein. Dort sterben die Menschen aber nicht, in dieser Geschichte ist der Tod sehr wohl eine Möglichkeit. Sie ist spannend, glaub mir! Und deine letzten Sätze sind meist recht heftig.

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  4. Darf ich fragen, ob die Grundstimmung die diese Erzählung durchzieht – für mich gefühlt eine ruhig-beobachtende, vllt. mit ein wenig Verwunderung/Erstaunen gewürzte – deinem damaligen Empfinden entspricht? Schock und Entsetzen eher auf Seiten der anderen Beteiligten?

    Es wirkt so vertraut.

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    • Die Grundstimmung ist ruhig und beobachtend.
      Ich hatte keine Angst, sondern war allenfalls ein wenig erstaunt.
      Und ja, auch da hast Du Recht: die anderen waren sehr erschrocken. Der LKW-Fahrer hat meinen Vater angepflaumt, der dann mit mir schimpfte, aber nur ein wenig. Er wusste schon, dass das in seiner Verantwortung lag.

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  5. Habe ich (fast) auf einer Fahrt mit meinem Opa erlebt, der einen galanten U-Turn hinlegte und dabei öffnete sich die Beifahrertür bis zum Anschlag. Zum Glück bin ich nicht auf die Straße gefallen, habe mich am Sitz festgekrallt. Blöde Erwachsene, können sie nicht aufpassen, dass die schützende Tür wirklich zu ist?

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    • Da warst Du zum Glück reaktionsschneller als ich.
      Ich war noch sehr müde und hatte absolutes Vertrauen, dass mir in Gegenwart meines Vaters nichts passieren kann. hat sich ja am Ende auch bewahrheitet. Ich hatte nicht mal einen blauen Fleck, weil ich so dick in Winterkleidung eingepackt war.

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    • Es gab Kindersitze und auch Gurte, aber wir waren unverwundbar und brauchten derlei Firlefanz nicht.
      Meine Mutter geweint? Wegen einer solchen Lappalie?

      Im Ernst: in unserer Familie liefen wir Kinder einfach so mit. Eher nebenbei. Wir waren nicht der Gipfel des Glücks für unsere Eltern, sondern etwas, was dazu gehörte, wie das Auto oder der Sommerurlaub in Frankreich. Mein Sturz führte nur dazu, dass beim nächsten Mal darauf geachtet wurde ob ich angeschnallt war.

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