Staying alive

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(Der Weg zum Himmel, Hieronymus Bosch. Foto: Wikipedia)

Als ich wieder zu mir komme, blicke ich in seine grünen Augen und sehe dann, wie er sich mit beiden Händen an meinem Oberkörper zu schaffen macht.
Mein BH ist nach oben gezogen, ich liege auf dem Boden. Als er sieht, dass ich wach bin, hört er auf, beugt sich über mich und schaut mich ernst an. Ich fange an zu weinen. Da streichelt er mein Gesicht und sagt meinen Namen.

Ein milder, sonniger Oktobertag. Wir packen alles zusammen für einen langen Hundespaziergang. Plötzlich wird mir schwindlig. Ausgerechnet jetzt.
Sofort holt K. einen Beutel mit Eiswürfeln aus dem Gefrierschrank, den ich mir fest gegen die Halsschlagader drücke. Das hilft meistens, dieses Mal aber nicht.
Nach fünf Minuten rufen wir die 112 und warten auf den Notarzt, der mir die Spritze geben wird. Ich hoffe, dass es schnell geht und wir endlich loskommen, um sechs wird es schon dunkel.
Zuerst treffen die Sanitäter von der Feuerwache ein, bald darauf der Arzt.
Alles ist wie immer: Bluse öffnen, Elektroden anlegen, Herzmonitor anschließen. Der Puls ist arhythmisch und liegt zwischen 240 und 260 Schlägen pro Minute.
AV-Knoten-Reentry-Tachykardie, erkläre ich dem Arzt, während dieser versucht einen Zugang zu legen aber keine passende Vene findet. Wir scherzen ein wenig herum bis er es beim vierten Anlauf schafft und dann die Spritze aufzieht. Ajmalin soll es sein, nicht Adenosin, bitte ich ihn, das vertrage ich nicht so gut.
Inzwischen bin ich ein wenig erschöpft und werde immer kurzatmiger. Einer der Sanitäter stellt sich neben mich und legt mir die Hand auf die Schulter. Nicht mehr lange. Durchhalten!
Der Arzt steckt die Spritze in den Venenkatheter und drückt durch. Im selben Augenblick schmecke ich das Zeug schon auf der Zunge und mir wird schlagartig elend.
Das kommt vor, beruhigt er mich und schaut konzentriert auf den Monitor.
Der Sanitäter, der neben mir steht, tritt jetzt hinter mich und hält mit beiden Händen meinen Kopf fest.
Mir geht es immer schlechter, sage ich und merke wie ich panisch werde, so war das noch nie.
Ein bisschen Geduld, da tut sich was. Gleich.
Wir starren auf den Bildschirm, der auf dem Küchentisch steht und warten, dass die ungeordneten Ausschläge sich in einen geregelten Sinusrhythmus verwandeln werden.
Ich merke, wie sich alles zu drehen anfängt, es flackert, mir wird schwarz vor Augen.
Ich kippe um, rufe ich und halte mich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Hilfe!

Schau mich an, sagt er. Sein Blick ist fest auf mich gerichtet. Ich kann nicht. Die Lider wollen zufallen, es flimmert in den Augenwinkeln, der glitzernde See mit dem raschelnden Schilf verschwindet. Ich möchte bleiben.
Kathe, schau mich an. Seine Stimme ist ruhig, die Augen ernst, er hat Falten auf der Stirn.
Ich will sprechen aber die Lippen bleiben geschlossen, da greift er in mein Gesicht und nimmt etwas weg.
Wie viele Katzen hast du?
Ich schüttele den Kopf, ohne ihn zu bewegen. Ich muss mich konzentrieren, um nicht nach hinten zu fallen, ins Dunkle. Atmen. Ganz vorsichtig. Geradeaus schauen. In die Augen. Mich festhalten an seinem Blick. Sonst sterbe ich.

Der See und das Schilf. Licht. Das Glitzern. Es ist ganz warm. Und ruhig.

Ich habe geträumt, flüstere ich und schaue nach oben. Ich liege in meiner Küche. Über mir ist der Türrahmen. Um mich herum stehen große Männer mit schweren Schuhen. Mein Brustkorb schmerzt. Der Mann mit den grünen Augen kniet neben mir und schaut mich an.
Was hast du geträumt, fragt er.
Nicht mehr sprechen, sagt eine strenge Stimme im Hintergrund. Es ist der Arzt. Ich erinnere mich.
Ich muss ohnmächtig gewesen sein. Die Männer sind die Sanitäter. Auf dem Tisch piept der Herzmonitor.
Ich war am See. Es war Sommer. Da war Schilf. Es war schön.
Du musst dir den Traum merken,
sagt der Mann mit den Augen und hört nicht auf, mich mit seinem Blick festzuhalten.
Die Luft ist so zäh und schwer. Mir ist schlecht. Ich würge und höre wie Töle an der Badezimmertür kratzt.
Der Hund!
Ich kümmere mich um den Hund
, sagt K. Sie ist auch noch da. Das ist gut.
Als sie mich auf der Liege aus dem Haus schieben blicke ich in die Häuserschlucht und den Himmel darüber. Niemand ist auf der Straße.
Im Krankenwagen schnallen sie mich fest und hängen den Infusionsbeutel über mir auf.
Durch das geöffnete Fenster kommt ein kühler Luftstoß und streift meine Wange. Das ist schön.
Mir ist immer noch übel.
Das kommt vom Blutdruck, der ist 50 zu 30, sagt der Arzt.
So niedrig?
Niedrig?,
wiederholt er und lacht kurz auf. Das geht schon wieder. Sie hatten gar keinen mehr.

Mit Blaulicht fahren sie mich ins Vivantes Klinikum am Friedrichshain.

54 Kommentare zu “Staying alive

  1. Da warst du also zwischendurch bei mir um die Ecke und ich bin so weit weg. Keine Blumen, keine Schokolade, aber viele Gedanken! Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, diesen Eintrag zu lesen. Dein so volles Herz, das ich in den letzten Monaten schätzen gelernt habe, es soll bitte im Takt bleiben und sich nicht an Hieronymus Bosch sondern eine Weile an den Teichbildern von Monet orientieren, ja?! Schilf, liebe Kathe, Schilf! Wie schön, dass du so warme Träume parat hast für solche Situationen, du Katastrophenchronistin! Ich denke weiterhin an dich und sende dir die allerliebsten Grüße von der Insel, deine Asal

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  2. Es tut mir so Leid und ich fühle mich furchtbar, dass ich nicht helfen kann. Kann auch gar nicht.

    Niedriger Blutdruck und hoher Puls deuten darauf das du dyhadrisiert warst. Das Herz kann nicht mehr das verdickte Blut Pumpen.

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    • Lieber Peter, das muss Dir nicht leid tun.
      Es geht mir wieder gut, und ich habe großes Glück gehabt.
      Dehydriert war ich nicht.
      Das Mittel gegen die Rhythmusstörungen hat als unerwünschte und seltene Nebenwirkung Kammerflimmern und Kreislaufstillstand. Ich war schon auf der Reise, als mich Defibrillator, Herzmassage, Sauerstoff und Adrenalinspritze zurück ins Leben holten.
      Das Sterben war übrigens schön und ganz leicht. Ich habe nun keine Angst mehr davor.
      Jetzt geht es mit kleinen Schritten zurück ins Leben.

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      • Das höre ich gerne, dass es Dir wieder besser geht. Der Notdienst ja gute Arbeit geleistet. Wir, Deine Leser hätten auch sehr vermisst.

        Das das Sterben schön und leicht ist haben schon viele berichtet.

        Bitte, erlaube mir Dich zu umarmen. Vielleicht kannst Du bald die Spaziergänge, mit Deinem Hund, im Tiergarten wieder genießen.

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        • Die Nothelfer, also die Berliner Feuerwehr und der Arzt, haben mir das Leben gerettet. Besser hätte es gar nicht laufen können, und ich bin mit den Helfern in Kontakt.
          Aber nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich, bin ich auf dieser ganzen Reise bestens betreut worden.
          Die Mitarbeiter im Schockraum und später auf Intensivstation haben alles getan, damit es mir wieder gut geht. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.
          Der Mann mit den grünen Augen ist mein ganz persönlicher Held. Wir haben uns schon gesehen danach, und in den Arm genommen vor Freude.

          Ich freue mich auch sehr über Deine Umarmung, lieber Peter.
          Bald geht es wieder in den Tiergarten, da bin ich sicher.

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  3. Ein toller Text, auf den ich gern verzichten würde, oder jedenfalls auf seinen Realitätsgehalt. Bin sehr, sehr froh über dieses Lebenszeichen!

    Dass das Sterben schön und leicht war und du nun keine Angst mehr davor hast – das klingt heraus aus dem Text. Nur einmal dieser panische Moment, ansonsten eine mir als Leserin fast unangemessen scheinende Gelassenheit. Du hast es so erlebt, danke fürs Teilhabenlassen!

    Herzlichen Gruß,
    Iris

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    • Liebe Iris,
      danke für Deine lieben Worte.
      Bis zu dem Moment, als mein Herzrhythmus völlig aus dem Ruder lief, war ich tatsächlich sehr gelassen. Ich kannte das ja schon seit Jahren, und wusste auch, dass es so schnell vorbei geht, wie es kommt.
      Dass ich daran sterben kann, war mir zu keinem Zeitpunkt bewusst.
      Beim nächsten Mal, wenn es denn überhaupt noch ein nächstes Mal geben sollte, bin ich wahrscheinlich weniger entspannt.
      Aber immerhin hat mich der Tod schon einmal an seine gefürchtete Hand genommen, und die war warm und freundlich.
      Das ist eine sehr erleichternde Erfahrung.

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  4. Ach Herrjeeeeeee!
    Was ist das schön, dass Sie wieder da sind. Ich hätte Sie schon sehr vermisst.
    So ähnlich habe ich das auch erlebt, dass das Sterben ganz leicht sein kann, und hell und schön.
    Seitdem fürchte ich mich nicht mehr.
    So gehören wir jetzt also zur selben Sorte, den der Überlebenden ;)

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  5. Ach Kathe, nach dem Lesen mußte ich erst mal eine Weile weinen, obwohl wir ja schon darüber gesprochen hatten. Du schreibst aber wiedermal so, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein und das ganze mit Dir zu erleben…. ich mag gar nicht daran denken, wie es K. bei alledem ging. Ich bin so unglaublich froh, dass Du wieder da bist. Grüße und gute Genesung auch von meinen Eltern. Bis hoffentlich bald.

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  6. Ich zögere ein bisschen, etwas zu schreiben, denn wir kennen uns ja gar nicht außer übers Lesen von ein paar Blogartikeln. Aber verkehrt ist ja doch nichts an dem bisschen, was ich sagen will: Ich wünsche dir reiches Leben.

    Und deine Geschichte vom Schilf am See werde ich mit mir nehmen und hoffentlich nicht vergessen, nicht zu schnell.

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    • Ich freue mich über Deinen Kommentar und über Deinen schönen Wunsch für mich.
      Den See gibt es. Ich habe das erste Mal während einer Narkose Mitte Juni von ihm geträumt. Da war es anders, aber doch derselbe Ort.
      Im September dann, bin ich nach Neuruppin gefahren und fand mich an dem See meines Narkosetraumes wieder.
      Das hat mich sehr erstaunt.
      Nun taucht der See noch einmal auf. Dieses Mal auf meiner „Reise zum Himmel“. Sobald es mir besser geht, werde ich noch einmal dorthin fahren.
      Ein wunderschöner Ort.

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  7. Du kannst einen ganz schön erschrecken mit Deinen Berichten! Puh!

    Gut, dass es Dir wieder besser geht. Und dass Du mit Deinen Helfern so viel Glück hattest. Sie waren wirklich menschlich (eine bessere Beschreibung fällt mir auf Anhieb nicht ein).

    Viele Grüße,
    Konnie

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  8. Das ist einer der schönsten Bildausschnitte aus diesem Triptychon von Bosch. Nun gehörst Du zu den Auserwählten (ich könnte auch schreiben „Gesegneten“, wobei mir das Englische „blessed“ auch hier viel besser gefällt), die wissen, wie es ist. Ich glaube, in Momenten, wie Du ihn erlebt hast, greifen wir auf Bilder eines inneren Friedens zurück, deren Herkunft sich nicht mit herkömmlichen Mitteln bestimmen lässt. Aber es gibt sie, und es ist gut, das zu wissen. Und es ist schön, dass Du immer noch hier bist.

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    • Ein schöner Bildausschnitt, das finde ich auch.
      Blessed gefällt mir gut. Auserwählt klingt da schon beinahe elitär.
      Ich habe unfassbar viel Glück gehabt, und ich durfte hinter den Vorhang schauen.
      Dass es dort so schön ist, hat mich sehr beruhigt. Das nimmt viel Angst.
      Trotzdem schlage ich mich nun mit Alpträumen herum. Wird wieder vorbei gehen, zeigt mir aber, wie einschneidend das Ganze war, und das mein Gehirn daran arbeitet.

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    • Danke. Genesung und Frohsinn kann ich gebrauchen. Letzterer ist Teil meiner unverwüstbaren Seele. Meine Genesung vollzieht sich langsam aber stetig.
      Sie erinnern mich an eine Figur aus den Buddenbrooks. Komm gerade nicht drauf. Denke darüber nach.

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  9. Ich habe es mir jetzt 5 oder 6 mal durchgelesen. Was mich nachdenklich stimmt ist der Gedanke: Hier und jetzt will ich nicht sterben. Aber wenn man einmal an der Schwelle steht, werde ch die Kraft habe die Du hattest? Sich eben nicht fallen lassen sonder sich ans Leben klammern? Hat jeder die Kraft dazu wenn der tot sich wie ein warmes Tuch über einen legen will? Oder schlimmer: zusehen wie ein Geliebter Mensch nicht mehr die Kraft aufbringen kann und sich „fallen“ lässt?
    Mich hat dieser Beitrag sehr nachdenklich gemacht.

    VG

    Killerloop

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    • Hallo Killerloop,
      danke für Deinen Kommentar, der mich wiederum nachdenklich macht.
      Ich habe das gar nicht so gesehen bis jetzt, dass ich die Kraft hatte mich nicht fallen zu lassen. Ich hatte den Willen, ich wollte nicht sterben. Vielleicht gehört auch einfach beides zusammen. Was ich zu dem Zeitpunkt meines Erwachens zum Glück nicht wusste, ist, dass ich reanimiert worden war. Das hätte mich vielleicht total umgehauen und mir Kraft geraubt. Ich glaubte ja, dass ich nur ohnmächtig war und eventuell sterben könnte.
      Zu erleben, wie ein geliebter Mensch stirbt, stelle ich mir grauenhaft vor. K., die bei mir war, hatte zum Glück schon einmal eine Reanimation erlebt, und sie zweifelte keine Sekunde daran, wie sie später sagte, dass ich überleben würde.
      Da haben ein paar Menschen sehr an mich geglaubt, und ich offenbar auch.
      Einen schönen Abend Dir.

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  10. Pingback: Muss ja auch mal wieder sein: Eine Linkliste | Zurück in Berlin

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