Zerstört

20140915_163520Da glaubt man, ein alter Hase zu sein: abgebrüht, mit allen Wassern gewaschen, abgestumpft, schmerzfrei.
Und dann spaziere ich nach einem langen Gang durch die Stadt heimwärts und will den Mann durch die ruhigeren Straßen Berlins lotsen, weil er in seiner beschaulichen Alsterstadt derartig imperialen Lärm, geschweige denn 4-Stunden-Märsche nicht gewohnt ist.
Komm, lass uns über den Acker gehen.“
Sage es, biege um die Ecke und stehe vor diesem großen Schild:

PATRIZIA
HIER ENTSTEHEN NEUE WERTE
Wohneigentum in Mitte.

Und nicht nur ich bleibe stehen und schaue und kann die aufsteigenden Tränen kaum niederkämpfen. Auch zwei alte Frauen, die auf ihren Hollandrädern die gewohnte Abkürzung über diese letzte große Brache, das letzte Stück Mauerstreifen im Kiez nehmen, stehen dort und schauen und sind fassungslos und wie betäubt.
Hier nun auch. Wir wussten es. Die ganze Zeit.
Als sie anfingen sämtliche Freiflächen hinter der Bundesdruckerei und Richtung Engelbecken mit großmäuligem Fertigteilprotz (Villa Fellini) oder seelenloser Krisenarchitektur, fast ausnahmslos hochpreisiges Eigentum, versteht sich, zuzubauen, ein Haus schlimmer als das andere, da wussten wir, dass es eines Tages auch unseren Acker treffen würde. Diesen Ort des Wildwuchses, der seit dem Fall der Mauer in einem Dornröschenschlaf lag und von uns gerne zum Spazierengehen und Verweilen genutzt wurde.
Die Essigbäume, die Hagebuttensträucher, die Wildrosen, die Akazien, der Kastanienhain, der Walnussbaum, der kleine Kugelahorn, der sich an die benachbarte große Silberpappel schmiegt, die riesige Wiese mit Weißdorn, Rauke, Goldrute, Disteln, Gräsern, Korn, Winden und zahllosen Wildblumen und Kräutern, der schattige Hohlweg, die Schmetterlinge, der Fuchs, das Käuzchen, die vielen Vogelarten und Insekten, all das wird in wenigen Wochen Vergangenheit sein, und das tut so weh, dass es mir beinahe den Atem raubt.
Die ersten Bäume, zur Straße hin, sind bereits gefällt, das Unkraut zum Gehweg gemäht, hier und da neonfarbene Markierungen vorgenommen. Das Gelände ist vermessen und vorbereitet für die Erschließung.
Wie ein Faustschlag trifft es mich, und so fröhlich, wie ich eben noch plapperte, so traurig und verstummt bin ich mit einem Mal.
Nein, es ist nicht der Regenwald, der da gerodet und auch kein Naturschutzgebiet, das platt gemacht wird. Nicht mein Geburtshaus, noch ein besonderes Kulturzeugnis. Es ist doch nur dieses zugewucherte Stück Mauerstreifen. Die letzte lebendige Erinnerung an das was war. Das Nowhereland. Die zirpende Insel. Der Ort zwischen gestern und heute. Das Verbindungsstück zwischen zwei Welten und Zeiten, die sich  voneinander abgekoppelt haben und auseinander triften wie zwei Kontinente. Mehr ist es nicht. Für mich aber ist es ein Stück Heimat, das da zerstört wird.
Und für was? „Neue Werte“ in Form von Privateigentum natürlich.
Es ist zum Heulen.


Kommentare werden möglicherweise mit Verspätung freigeschaltet, sind aber, wie immer willkommen.
Bin mal für ein paar Tage stationär.

30 Kommentare zu “Zerstört

  1. Aber da entstehen doch NEUE WERTE !!
    Ich mochte es auch sehr dort, und Hund noch mehr. (Aber in meiner Wohnung ja auch ^^)
    Und: Wie blöd, dass du grad jetzt (Spätsommer und so) stationär musst. Drück die Daumen.

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    • NEUE WERTE.
      Genau diese Werbeidiotenformulierung macht es nochmal widerlicher.
      Der Verlust Deiner Wohnung ist natürlich viel schlimmer, als das Einstampfen der Brache. Gemein bleibt beidem, dass Privateigentum Vorrang hat.

      (Blöd ja. Hab mich auch schon geärgert wegen des Wetters. Aber es muss leider sein, ist unaufschiebbar und so muss ich die Sonne eben auf der Dachterrasse des Krankenhauses genießen. Danke für´s Daumendrücken!)

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  2. Ich weis nicht, alle schimpfen, aber ich sehe die Gentrifizierung auch als Entwicklungschance, die allen gut tut. Der Strukturwandel führt natürlich in vielen großstädtischen Vierteln zu einer Abwanderung ärmerer und eines Zuzugs wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen, aber es ist doch eher staatliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es genug Arbeit gibt, damit die ärmeren es sich auch leisten können, dort zu wohnen. Es ist nicht staatliche Aufgabe die Brachen zu erhalten, sozialen Verschiebungen zu verhindern und das Elend zu manifestieren. Ich denke, von prosperierenden Stadtvierteln gewinnen letztlich alle.

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    • Es sollte aber nicht staatliche Aufgabe sein den privaten Investoren die Wertschöpfung zu erlauben. Wenn die Ärmeren immer mehr zur Peripherie verdrängt werden dann wirken die „prosperierenden Stadtviertel“ tot. Das Elend manifestiert sich dann woanders.

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    • Richtig. Danke, Waldstern. Wenn die Aufwertung der Quartiere dann auch noch mit ästhetischem, ökologischem, ökonomischem und sozialem Feingefühl umgesetzt werden könnte, hätten wir die ideale Stadt.

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      • Gestatte mir, dass ich mich als einer der letzten FDP Wähler oute.

        Dein Ansatz des ästhetischem, ökologischem, ökonomischem und sozialem Feingefühls teile ich zwar. Allerdings würde er mir zugleich einen viel zu großen Eingriff in die Privatautonomie darstellen. Für alles bitte eine Behörde mit hoch bezahlten Beamten. Da schafft sicherlich Arbeitsplätze, Nur wird niemand mehr handeln und investieren wollen. Dein hehrer Vorschlag bedeutet letztendlich mit Vollgas zurück in die DDR!

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  3. Schlimm, dass auch den Architekten nichts Besseres einfällt. Solche Orte hätten eine phantasievollere Behandung verdient, eine, über die sich alle freuen. Warum werden solche Grundstücke nicht als Wettbewerb ausgeschrieben, mit neuen, sozialen und architektonisch innovativen Konzepten für eine durchmischte Gesellschaft? Die moderne Architektur hätte auch Spannendes zu bieten! Das hier wird wieder einer dieser 0815 Pseudo-Luxus-Billigbauten (ohne Nachhaltigkeit, minderwertiges Baumaterial, schnell hochgezogen, Luxus nur Vordergründig als Bluff mit goldenem Klingelschild und Parkett). Unsere Gesellschaft (Politik) sollte zudem die Investoren verpflichten, einen bestimmten Anteil (25 % bis 35 %) aller Neubau-Wohnungen im Sinne der Solidarität als Sozial- oder Studentenwohnung umsetzen/mittragen zu lassen. Nur so kann eine Ghettoisierung verhindert werden.

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    • Waldstern, das ideologisch verseuchte, diktatorische System DDR wäre das Letzte, was ich mir wünsche! Ich bevorzuge punkto Städtebau eher ein Föderales System mit möglichst viel Basisdemokratie vor Ort, mit offenem Ideenwettbewerb, um kreativem Potential auch ohne Lobby eine Chance zu geben. Der Staatsapparat sollte allenfalls einen allzu krassen und schlussendlich selbstzerstörerischen Egoismus einzelner regulieren, wie eine „gute Mutter“, was Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eigentlich auch ganz ordentlich hinkriegt (bin selber nicht Deutsche). Wir jammern also auf hohem Niveau. Trotzdem, verbessern kann man immer…

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  4. Kann ich gut nachvollziehen, was du schreibst. Auch mir erscheint das Leben oft wie eine einzige, fortwährende Vertrreibung aus dem Paradies. Und oft genug wird das Paradiesische erst im Nachhinein sichtbar… Herzliche, grad sehr melancholische Grüße aus einer Ecke Berlins, wo sich allerdings über Jahrzehnte überhaupt nichts verändert.

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  5. Danke für den Hinweis auf die Patrizia AG. Die sind auch im SDAX gelistet, der Kurs stieg in den vergangenen zwölf Monaten von 6,50 Euro auf über zehn Euro. Scheint gut zu laufen, der Laden. Auf ihrer Website erfährt man, dass sie gerade ein Pflegeheim in Ludwigshafen gekauft haben. Tolle Sache: Jetzt können auch die unnützen Alten sich an Renditesteigerung beteiligen. Dem Kapital dienen bis in den Tod.

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    • Immerhin haben die Alten das Glück, dass sie dem Kapital noch nützlich sind. Das garantiert Ihnen ihr Überleben. Alle anderen, die Nichtnützlichen, werden doch als „Wohlstandsmüll“ betrachtet und über ihre kostengünstige Entsorgung nachgedacht.

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  6. Dort entstehen keine Werte, sondern es wird dort Wertschöpfung betrieben. Jemand bereichert sich und zerstört den Charakter der Gegend den Du so sehr geschätzt hast. Und es scheint, nicht nur Du hast es geschätzt. Aber diese Schätzung hat ja keinen Geldwert. Wenn die Menschen eine sogenannte Brache sehen, dann sehen sie nur „€s“.

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    • @ pethan35

      Und wer soll deine Rente zahlen, und wer soll deine Beerdigungskosten zahlen, und wer soll den Pfarrer bezahlen der deine Grabrede hält, wenn keiner mehr Geld verdienen darf, wenn keiner mehr „€“ sehen darf und keiner mehr Geld haben wird, um die Steuern zu bezahlen, aus denen die eingangs genannten Zahlungen erbracht werden.

      Früher sagte man, geh doch rüber, heute seid ihr da und verhindert den gesellschaftlichen Fortschritt.

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      • Wer spricht denn davon, dass niemand mehr Geld verdienen darf?

        Überall wird doch Arbeit besteuert. Das ist der Hohn! Die Früchte der Arbeit sollten dem Schaffenden gehören.

        Die großen Werte werden nur von der Gemeinschaft geschaffen und darum sollten sie auch der Gemeinschaft gehören.

        Die Brache von dem oben in dem Artikel gesprochen wurde ist bestimmt dem Investore billig überlassen worden. Den Gewinn teilt der Investor aber nicht mit der Gemeinschaft. Er steckt ihn ein. Das nennt man Wertschöpfung. Ich nenne es Diebstahl. Wahrscheinlich hat er auch noch Investitionszulagen vom Staat angenommen.

        Haben wir nicht . nur die Arbeitenden, vorher die Rente für die vorherige Generation bezahlt? Na also!

        Das Rentensystem sollte vielleicht umgestellt werden, so das jeder für sich selber spart und nicht die nächste Generation zur Kasse gerufen wird.

        Die heutige Seniorengeneration hat doch förmlich Angst das sie nicht begraben wird und ich höre oft, dass man das Geld schon zurückgelegt hat. Auf den Herrn Pfarrer pfeif ich was.

        Mit deinen Fragen schneidest du ein großes Thema an. Hast du schon mal was von Henry George gehört?

        http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_George_(%C3%96konom)

        Adolf Damaschke hat viele dessen Lehren versucht auf deutsche Verhältnisse anzuwenden. Wohngenossenschaften und Schrebergärten sind daraus entstanden.

        http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Damaschke

        Im heutigen Deutschland wird die Bodennutzung nicht richtig angepackt und der Gewinn fließt leider, zum Ärger der allgemeinen Bevölkerung, in die falschen Taschen. Die Investoren nehmen den Gewinn und sind längst über alle Berge wenn die Ärmeren an den Stadtrand ziehen und die Mittelständigen in die neuen Luxuswohnungen ziehen.

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  7. Grüß Dich, Du ich kenne diesen Schmerz! Hier in der oberbayrischen Provinz, wo immer alle sagen, ach bei Euch ist es ja immer wie Urlaub, da haben sie praktisch vor unserer Haustür einen komletten Buchenhain, einen ganzen Hügel abgeholzt. Die Buchen, alle über hundert Jahre alt, gehörten der ortsansässigen Brauerei und die spendete großzügig für den jährlich stattfindenden Köhlerhaufen, so eine romantisch-nostalgische, angeblich traditionpflegerische hohle Festivität…beim Anstich des Haufens sitzt man bei viel Bier und Brotzeit „gesellig“ zusammen und dann nimmt man die Holzkohle mit heim zum Grillen, dafür also wurden die Buchen umgehauen! Natürlich bin ich heulend und fluchend hinaufgelaufen, aber wem nützt das schon, kein Mensch versteht das, denn die Bäume sind wirklich alt genug zum Umschneiden, das kann man sich dann anhören! Naja, der Natur ist es wurscht, die hat wunderschön wieder neu ausgetrieben, der Hügel hat sich neu gestaltet. Hierzulande wird keineswegs um jeden Baum gekämpft, alles hat sich relativiert, die alten Buchen sind längst vergessen, die Koteletts gefressen vom Grill. Und nach Deiner geliebten Brache kräht bald kein Hahn mehr…ach, ich kenne diesen Schmerz, und vor allem, diese Hilflosigkeit. Sei ganz lieb gegrüßt

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    • Liebe Graugans, ich habe genau gespürt was Du ausdrücken möchtest. Da könnte man wirklich nur heulen. Aber die Vernichter der Natur sind überall. Wenn die einen Baum sehen, dann denken sie nur, „dieser muss weg“. Aber jeder Baum, jedes Stückchen Natur, was vernichtet wird verändert die Welt. Bald, vielleicht schon in hundert Jahren, wird es nur noch Steinwüsten geben. Eine Zivilisation kann es nur mit einer guten Mischung von Stadt, Land und Natur geben. Der Mensch braucht das. Aber die habsüchtigen Menschen unter uns kennen in ihrer Gier keine Grenzen. Es ist wirklich zum Heulen.

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      • Die Gleichgültigkeit kommt von dem Unwissen der Massen und ihrer mangelnden Vorstellungskraft. Man träumt vor sich und denkt, es wird schon gut gehen. Aber es ist nicht gut. Die Veränderungen werden von Menschen vorangetrieben die eine Vorstellungskraft haben, aber die ist nicht zum Wohle aller.

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    • Liebe Graugans, vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Ich verstehe Deinen Schmerz über diese sinnlose Rodung. Immerhin wurde der Hügel nicht zugepflastert und so konnte wieder etwas nachwachsen. Trotzdem bleibt es traurig.
      Hier wird der „Natur“ aber nichts mehr zurück gegeben. ist der Boden einmal bebaut, ist das Areal für die Stadtnatur verloren.
      Schwer auzuhalten.

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  8. Das ist sehr traurig! Ich kann Dich gut verstehen: das passiert solange in dieser Stadt bis alles zugebaut ist.

    Da fallem mir auf Anhiebe ungefähr 10 beschissene Projekte ein, die Leute nannten es liebevoll Zauberwäldchen oder andere Urwald.

    Bei mir selbst aucht, zwar nicht so schlimm, aber sie haben die Büsche so gerodet, dass meine Ausblick einfach viel weniger schön ist.

    Die Planer denken niemals an die Bestandsbevölkerung, gestalten dann für die Neuen grüne Innenhöfe und den Alteingesessenen wird einfach vor die wirklich wundervolle Aussicht gestellt.

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